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Christoph W. Gluck

Kein Reform-Opa

Viel gelobt, wenig gespielt: Das ist auch im Jahr von Glucks 300. Geburtstag nicht anders. Aber es gibt interessante Projekte.

Schauen wir uns die Statistik an. Die sieht günstig aus für Christoph Willibald päpstlicher Ritter von Gluck in seiner Ehrensaison – anlässlich seines Geburtstags, der sich am 2. Juli 2014 zum 300. Male jährt. Immerhin 241 Aufführungen von 42 Produktionen in 36 Städten sind für die laufende Spielzeit verzeichnet. Und sogar um alle zwei Jahre in Nürnberg abgehaltene Gluck-Festspiele kümmert sich eine Internationale Gluck-Gesellschaft.
Gar nicht übel für einen Komponisten, den man der Vorklassik zurechnet: jener trübe beleuchteten Epoche, angesiedelt zwischen den heute wieder strahlenden Barockkomponisten und dem niemals verblassten Mozart als Beginn einer neuen, eben der klassischen Ära.
Der im oberpfälzischen Berching als Spross einer Försterdynastie geborene und am 17. November 1787 in Wien gestorbene Gluck ist hierbei das wichtigste Scharnier. Er war, das zeigt seine unruhige Biografie, nach einer im Ländlichen verbrachten Jugendund in Wien und Mailand absolvierten Studienzeit ein sprichwörtlich europäischer Komponist, der keine Grenzen kannte. Reiste er zunächst im Gefolge des väterlichen Dienstherren Georg Christian Fürst von Lobkowitz, so konnte er sich schon früh als unabhängiger Künstler etablieren – der freilich immer dorthin fahren musste, wo es Aufträge gab.
Bis es endlich eine Anstellung in Wien gab, musste er seine Kunst überall anpreisen. Seine geschmeidige Musik wurde in Böhmen wie Italien, in Deutschland, Österreich, Dänemark, England und sogar auch im einen geschmacklich sehr eigenen Musiktheaterweg gehenden Frankreich gern goutiert.
Gluck war kein Wunderkind, mit 27 Jahren trat er erstmals als Komponist ins Rampenlicht. Er hat den Begriff „Reformoper“ nicht erfunden, aber gemeinsam mit dem Choreografen Gasparo Angiolini am nachhaltigsten propagiert, dass das Musiktheater dringend erneuert werden müsse. Dank virtuoser Kastratenexzesse im starren, durch den Wiener Libretto-Star Pietro Metastasio festgelegten Dacapo-Arienschema in einem künstlerischen Stillstand festgefahren, waren die Ermüdungserscheinungen der Oper seria überdeutlich. Gluck wollte wahrhaftiger, lebendiger an den Menschen dran sein. Er wollte Handlung in abwechslungsreiche, den Chor einbeziehende Szenenkomplexen zusammenzufassen, auf die man als Komponist individuell, nicht nur modellhaft zu reagieren hatte.

Gluck steht, Jubiläumsjahr hin oder her, im wirklichen Musiktheaterleben nach wie vor im Halbschatten.

Da lag also was in der Luft, es gärte in ganz Europa. Gluck war teilweise unfreiwilliger Prophet dieser Bewegung, die um 1760 begann, etwa 25 Jahre andauerte und die stark durch die französische tragédie lyrique geprägt wurde; diese aber mit italienischer Sinn- und Sanglichkeit zu verbinden wusste. Zu deren Wegmarken gehörte der 1762 in Wien uraufgeführte „Orfeo“, den Gluck, als er auf Wunsch der Habsburgerin Königin Marie Antoinette nach Paris übergesiedelt war, dort 1774 für Tenor überarbeitete, sowie die ebenda entstandenen Opern „Iphigenie in Aulis“, „Iphigenie in Tauris“ und „Alceste“, aber auch das schon früher komponierte Ballett „Don Juan“.
Unter dem Titel „Che puro ciel“ – so beginnt Orfeo, der mythische Held von Glucks populärster Oper, seinen Eintritt in die heiteren Gefilde des Elysiums – versammelte der Countertenor Bejun Mehta auf einer vorbildlichen, kürzlich mit René Jacobs und der Akademie für Alte Musik veröffentlichten CD elf Arien von fünf Komponisten, die alle vom Reformvirus infiziert waren. Und Gluck ist hier das Zentralgestirn. Die Morgenröte neuer Empfindsamkeit, einer glaubwürdigen Charakterzeichnung selbst antiker Heroen und Götter, die auch den heutigen Hörer unmittelbar anspricht, wird nachhaltig zum Scheinen gebracht.
Der Star Mehta sang Orfeo für eine im Mai erscheinende DVD-Verfilmung im Theater von Böhmisch Krumau (siehe Rondo 1/2014), im Januar live bei der Salzburger Mozart-Woche und im Mai bei den Wiener Festwochen in einer aufsehenerregenden Inszenierung von Romeo Castellucci, der ihn auf leerer Bühne mit einer live aus dem Krankenhaus zugeschalteten Wachkoma- Patientin als Euridice interagieren ließ. Die Produktion zieht im Juni, dann allerdings in der französischen Mezzosopran-Variante, weiter nach Brüssel.
Vorher gibt es auch in Graz eine unbekannte, aber originale – von Gluck 1769 für den Soprankastraten Giuseppe Millico anlässlich der Hochzeit von Maria Theresias Tochter Maria Amalia für Parma selbst adaptierte – Version des „Orfeo“. Bärenreiter veröffentlicht die Partitur, und dem aufstrebende Countertenor Valer Sabadus, von dem im Spätsommer auch eine erste Arien-CD mit Gluck-Schwerpunkt erscheinen wird, ist die Ehre widerfahren, sie erstmals nach 245 Jahren wieder zu Gehör zu bringen.
Gluck freilich steht, Jubiläumsjahr hin oder her, im wirklichen Musiktheaterleben nach wie vor im Halbschatten. Während nur die 30. seiner 50 Opern, eben „Orfeo ed Euridice“, nie aus den Spielplänen verschwunden ist, tauchen die anderen Werke nur sporadisch bis gar nicht auf. Auch die gegenwärtige Saison verzeichnet lediglich elf verschiedene Titel.
Nur wenige Bühnen mühten sich dabei um originellere Stücke – Bampon mit „Il parnasso confuso“, die Niederländische Oper in Amsterdam mit „Armide“, das Salzburger Landestheater mit den Mozarts „Entführung“ vorbereitenden „Die Pilger von Mekka“, Moskau und Manchester mit „Der betrunkene Kadi“ und den „Cinesi“ sowie die Oper Frankfurt mit der schon 1750 für Prag komponierten Seria „Ezio“. Der Rest ist ungluckliches Schweigen.

Bereits erhältlich:

Christoph Willibald Gluck, Johann Sebastian Bach, Wolfgang Amadeus Mozart u.a.

„Che puro ciel“

Bejun Mehta, Akademie für Alte Musik Berlin, René Jacobs

harmonia mundi

Neu erschienen:

Christoph Willibald Gluck

„La clemenza di Tito“

Valer Barna-Sabadus, Aranzta Eszenarro, Laura Aikin, Rainer Trost, Flavio Ferri-Benedetti, Raffaella Milanesi, L'Arte del mondo, Werner Erhardt

dhm/Sony

Konzertante Aufführungen von „La clemenza di Tito“:

23./29.5. Leverkusen, Bayer-Kulturhaus


Reform-Festspiele

„GLUCK / 300 ReFORM & ReVISION“ nennen sich die wieder neu erstandenen Gluck Opern Festspiele, die in Nürnberg, Fürth, Erlangen, Coburg, Berching, Freystadt vom 14.-27. Juli abgehalten werden. Sehr schön wurde die Neueinspielung der auch von Mozart vertonten „La clemenza di Tito“, in der unter Werner Ehrhardts Leitung einmal mehr Valer Sabadus in der Cafarelli-Rolle des Annio glänzt. Auch der Tenor Daniel Behle veröffentlicht im Sommer bei der Decca ein Arienrezital. Mehr als nur ein Kuriosum ist die für Dresden von Richard Wagner schwer bearbeitete „Iphigenia in Aulis“, für die sich Christoph Spehring bei Oehms Classics stark macht.


Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 3 / 2014



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