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(c) Michiel Hendrickx

Paul van Nevel

Das polyphone Schatzkästchen

Als Katholik hätte Claude Le Jeune der berühmteste Komponist des 16. Jahrhunderts werden können. Jetzt hilft Paul van Nevel nach.

Mist – falsche Ausfahrt! Eben haben wir noch auf der Fahrt zum Flughafen im klapprigen Kleinbus von Paul van Nevel über die Schwierigkeiten philosophiert, sich in der modernen Welt auf die Musik des 15. und 16. Jahrhunderts einzulassen, da hat uns schon die betonierte Hölle der Tiefgaragen von Brüssel- Zaventem verschlungen. Van Nevel stöhnt, als wir von engen Serpentinen immer weiter in die Tiefe gezogen werden, ringt dann, während sich hinter uns die Autos stauen, mit dem Parkscheinautomaten um ein Billet, das wir gar nicht benötigen, und sagt nach bestandenem Kampf plötzlich grinsend: „Das war jetzt fast das Interessanteste, oder?“
Was natürlich Koketterie ist, denn die Parallelwelt, aus der wir herbeigedüst sind, hat es in sich: Da saß uns van Nevel hinter den festen Mauern des über 700 Jahre alten Großen Beginenhofs von Löwen gegenüber, wo das Huelgas Ensemble seinen Sitz hat. Und erzählte, Zigarre um Zigarre rauchend, von der Welt der Polyphonie des späten Mittelalters und der Renaissance – und wie man den richtigen Zugang zu ihr finden könne: Dass wir vergessen hätten, was Stille sei und sie manchmal erst in gottverlassenen Nestern suchen müssten, um zu begreifen, wie leise ein echtes Piano sein müsse. Dass auch unser Zeitgefühl durch unablässige Beats verdorben sei, und dass ein ideales Ensemble eigentlich ohne äußere Hilfsmittel nach genau einer Minute Stille gemeinsam einsetzen können müsse. Dass man sich aber auch das „große Maul“ ansehen solle, mit dem Erasmus von Rotterdam abgebildet wurde, um zu begreifen, was echte musikalische Rhetorik leisten könne.
Und dann natürlich geht es um Claude Le Jeune, dem das neueste Album des Huelgas Ensembles gewidmet ist. Genauso bedeutend wie sein Zeitgenosse Orlando di Lasso sei er gewesen und nur 35 Kilometer lägen die Geburtsorte der beiden Komponisten auseinander. Doch während Lassos Heimat Mons gut katholisch war, kam Le Jeune in Valenciennes, dem hugenottischen „Genf des Nordens“ zur Welt: „Man kann sagen, dass er eigentlich fast sein ganzes Leben lang auf der Flucht war – er hat sich immer im Kreis der Hugenotten bewegt, deren Noten viel weniger verlegt wurden, und musste sich ständig Unterstützer suchen für seine Ideen und Notenausgaben.“ Am Ende reichte es schließlich doch für die beeindruckende Anthologie des „Livre de mélanges“ von 1585, das die verblüffende Vielfalt von Le Jeunes Schaffen repräsentiert – vom Psalm bis hin zum italienischen Madrigal, und vom teils frechen, teils subtilen weltlichen Chanson bis hin zur intrikaten Motette. Wer nichts weiter über Stücke und Komponisten wüsste, könnte die Auswahl des Huelgas Ensembles als berückende Meditationsmusik genießen – und hätte sich doch mindestens 50 Prozent des Genusses versagt. Statt sich mit hörender Weltflucht zu begnügen, rät van Nevel zur Umberto Eco’schen Lieblingstugend der Neugier – und zu einem Blick auf den Text: „Wenn du ein Stück von Le Jeune hörst, nimm dir vorher fünf Minuten Zeit, den Text anzusehen: Welche Bilder gibt es? Wie ist er gegliedert? Wo sind die Höhepunkte? Und dann das Stück anhören – dann leuchtet erst die Sonne in die Komposition!“

Neu erschienen:

„Die Schätze des Claude Le Jeune“

Huelgas Ensemble, Paul van Nevel

Sony

Carsten Niemann, RONDO Ausgabe 3 / 2014



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