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(c) Münchner Philharmoniker/Alexander Shapunov

Valery Gergiev

Schweigen ist Gold

Die Unterstützung des Krim-Referendums hat Gergiev viel böses Blut eingehandelt. Die Forderung nach Auftrittsverbot für München offenbart aber auch keine demokratische Gesinnung, meint unser Gastkommentator, der Pianist Michael Endres.

Valery Gergiev hat sich verzettelt.
Er hat öffentlich Unterstützung für Putins Krim-Annexion geäußert und unterschrieb eine Erklärung, die von 300 ähnlich gestimmten russischen Musikern unterzeichnet wurde, darunter Vladimir Spivakov, Juri Bashmet und Denis Matsuev. Dies führte zu einem Sturm der Entrüstung, ja gar zu einer Unterschriftenaktion in der bajuwarischen Hauptstadt, die eine Absetzung des designierten neuen GMDs der Münchner Philharmoniker zum Ziel hatte. Es wird darin u.a. eine totale Visumsverweigerung und damit ein Auftrittsverbot für alle diejenigen russischen Musiker im Westen verlangt, die die russische Vorgehensweise auf der Krim unterstützen. Eine Art Exkommunikation also. Dagegen war der „Kini“ (der immer noch weit im Bayernland bewunderte König Ludwig) ein Erzliberaler, so scheint es. Marschiert Bayern etwa rückwärts? Wird Gergiev die Weißwurst verwehrt?
Es kann eine gewisse Entwarnung gegeben werden. Die Initiative wurde angeregt von russischen und baltischen Emigranten, die sich von Putins Politik bedroht fühlen und offensichtlich Herrn Gergievs Ansichten nicht zur Gänze teilen. Es soll hier nicht auf den Konflikt zwischen Russland und der Ukraine eingegangen werden, da die komplizierte politische Situation nicht das Thema dieses Artikels sein kann.
Was aber hier zur Debatte steht, ist das hohe Gut der Meinungsfreiheit, das ja im Bayernland auch gerne als „Liberalitas Bavaria“ gehandelt wird, das „Leben und Leben lassen“. Man kann diese Haltung im „Königlich Bayrischen Amtsgericht“, einer köstlichen TV-Serie, trefflich studieren. Es ist verständlich, dass die exponierte Position Gergievs jeder seiner öffentlichen Äußerungen ein besonderes Gewicht zukommen lässt, und manchmal möchte man dem Maestro durchaus zurufen: „Si tacuisses!“.
So argumentiert etwa Florian Roth, Fraktionsvorsitzender der Grünen in München, mit bedeutungsschwangerem Ernst, dass eine Unterschrift von Gergiev in seiner Funktion als Münchner GMD ein Problem dargestellt hätte, da es die Münchner Philharmoniker sozusagen mit Putins Politik direkt in Verbindung bringen würde. Tschaikowskis triumphale Fünfte als ein Gutheißen der Krim-Annexion? In der Tat, eine sorgenvolle Option.
Man muss sich aber fragen, ob die freie Meinungsäußerung nur dann genehm ist, wenn sie möglichst der offiziell sanktionierten Politik nicht widerspricht, oder – wenn es denn schon partout mal etwas Abweichendes sein muss – möglichst nicht von prominenter Seite kommt.
Medien und Nachrichten im Westen gerieren sich gerne als Hüter der Wahrheit, und trotz gletscherhafter Fehlschüsse (Irak-Krieg) wird oftmals gerne geglaubt, was so über die Bildschirme flimmert oder der Leitartikel hergibt. Die jetzt etwas drakonisch geforderten Schritte gegen Musiker jedoch passen eher in das zu Recht kritisierte Russland als in eine aufgeklärte Demokratie oder gar nach Bayern. Meinungsfreiheit ist immer auch die Meinung des Andersdenkenden, und keiner hat das schöner gesagt als ein weiterer bedeutender Bayer, Gerhard Polt: „Ich brauch’ keine Opposition, weil ich bin bereits ein Demokrat“.


Michael Endres, 53, ist klassischer Pianist und gebürtiger Bayer. Er studierte u.a. an der Juilliard School in New York und anschließend bei Peter Feuchtwanger in London. Neben Gesamtaufnahmen der Klavierwerke Mozarts, Schuberts, Webers und Ravels widmete er sich auch den selten eingespielten Klaviersonaten des Engländers Arnold Bax. Viele Jahre war er Liedbegleiter von Hermann Prey, als Professor lehrte er in Köln, Berlin, Christchurch (Neuseeland) und derzeit am „Barrat Due“-Institut, Oslo.


Rondo Redaktion, RONDO Ausgabe 3 / 2014



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