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Die Lust liegt (wenn dann) im Auge des Betrachters: Marina Prudenskaya als Venus, Peter Seiffert als Tannhäuser, Tänzer/innen (c) Staatsoper Berlin/Bernd Uhlig

Sich selbst überlassen: Wagners "Tannhäuser"

Berlin, Staatsoper im Schiller Theater

Der Beginn von Richard Wagners „Tannhäuser“ mit dem verlängerten Venusberg-Bacchanal der Pariser Fassung ist eine der schwierigsten, grausamsten Opernherausforderungen für jeden Regisseur wie Dirigenten. Am Berliner Schiller Theater lässt es Daniel Barenboim ruhig angehen. Er und die Staatskapelle sind seit zwei Dezennien eine wie geschmiert laufende Klangfabrik. Er hat sein Konzept und zieht das durch: meisterliche Wagner-Verrichtung mit allerhöchster Repertoireroutine.
Auf der überschaubaren Szene kriechen halbnackte Tänzer herein und zeigen viel Unterleibsaktivität. Dazwischen windet sich im Abendkleid Marina Prudenskaja als Frau Venus. Tannhäuser, Peter Seiffert, im weißen Hemdzelt samt XXXL-Hose, ficht das nicht an. Erstaunlich, wie der Sechzigjährige das vollführt: nicht mehr frisch, aber ungemein souverän.
Das Wichtigste an dieser Festtagspremiere war freilich das Regie-Debüt von Sasha Waltz in einer Repertoireoper. Doch die auf der Tanzbühne geliebte Choreografin versagt diesmal. Sie hat nichts zu erzählen über den Dualismus zwischen Heiliger und Hure, idealisierter Liebe und verteufeltem Sex. Wer ist Tannhäuser? In welchem Milieu, in welcher politischen Sphäre ist er angesiedelt? Viele spannende Fragen, auf die Waltz keine Antwort hat. Sie arrangiert nur. Oder umnebelt mit Trockeneis.
Sasha Waltz findet keinen Rhythmus und lässt Leerstellen klaffen. Die teure Wartburg- Halle der schriller werdenden Elisabeth von Ann Petersen ist eine Fortsetzung der Theatertäfelung. Bevölkert wird sie von schicken Damen in Dior-Roben im Entstehungszeitlook, die uns bei eingeschaltetem Saallicht den Spiegel vorhalten. Alle anderen Stückkonflikte bleiben im Vagen, die Sänger, besonders der bühnenfüllende René Pape als Landgraf, sind sich hopsend selbst überlassen.
Über weite Strecken scheint kaum Regie vorhanden, dann wieder schiebt sich die 18-köpfige Waltz-Tanztruppe unangenehm in den Vordergrund, um mit dürftigen Expressivfloskeln den musikalischen Fluss meist nur zu verdoppeln. Nur bei einer Person findet sich ein Widerhall von Waltz’ Absichten: im gebrochenen Peter Mattei als Wolfram. Da definiert bewusste Bewegung eine Figur, schenkt ihr neue Charakteraspekte.

Roland Mackes, RONDO Ausgabe 3 / 2014



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