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Gerd Wameling

Callas ist meine Königin

Der Schauspieler Gerd Wameling – bekannt unter anderem als Dr. Fried in der TV-Serie »Wolffs Revier« – ist ein eingefl eischter Klassikliebhaber. RONDO präsentierte er stolz seine riesige Plattensammlung und erzählte Robert Fraunholzer, wie er einmal Henze eine Orgelbearbeitung abluchste, Jessye Norman ihn in seiner Garderobe aufsuchte und er in einem Musical Ursli Pfi ster küssen durfte.

RONDO: Herr Wameling, woher kommt Ihre Klassikbegeisterung?

Gerd Wameling: Es war eine Initialzündung. In meiner Schulzeit hatte ich einen ganz tollen Musiklehrer. Er kam eines Tages mit den neun Sinfonien von Beethoven in der alten Karajanaufnahme, seiner ersten bei der Deutschen Grammophon. Bei der Fünften hat er alles so großartig erklärt, das hat mir die Ohren geöffnet.

RONDO: Und in der Zeit an der Schauspielschule?

Wameling: Nein, da hörte man Beatles und Rolling Stones. Der nächste Schritt war dann Peter Stein und die Aufführung von »Shakespeares Memory«. Da kamen plötzlich Monteverdi und Gesualdo auf mich zu. Peter Stein hatte Kunstgeschichte studiert, sich mit Musik beschäftigt und ließ uns da ein Gesualdo-Madrigal singen, an dem wir verzweifelt sind.

RONDO: So wurden Sie Fan Alter Musik.

Wameling: Ja, ich hab’ mir dann von Monteverdi alles gekauft. Die ganz große Zeit war für mich, als René Jacobs’ Platten erstmals erschienen. Er und Herreweghe sind meine Favoriten. Eine Zeit lang war es auch John Eliot Gardiner. Aber ich mochte nicht, dass der dann irgendwann Chabrier dirigierte. Ich dachte, er wird mir untreu.

RONDO: Warum haben Sie es persönlich genommen?

Wameling: Ich wollte wohl, dass die Leute Spezialisten sind. Der Weg in die musikalische Moderne ist mir nicht leicht gefallen. Ligeti, Henze oder Kurtág höre ich mir auf Platten eigentlich nicht an. Ich benutze sie allerdings gerne als Bühnenmusik. Ansonsten möchte ich sie lieber live hören. Ein großer Schritt für mich kam, als ich mich mit Ingeborg Bachmann beschäftigt habe. Ich wollte in einer Produktion eines der Klavierkonzerte von Henze einsetzen, und zwar in einer Orgelbearbeitung. Henze hatte darin Musik von Brahms verarbeitet, sehr merkwürdig. Das hat mir sehr gut gefallen. Der Schott-Verlag schrieb uns: »Sind Sie wahnsinnig geworden?« Aber zwei Tage später war ich im »Exil« …

RONDO: … der damals legendären Künstlerkneipe am Paul-Lincke-Ufer in Kreuzberg …

Wameling: … ja, und da traf ich auf der steilen Treppe zu den Waschräumen plötzlich Henze selbst. Er sagte: »Ich werde mich darum kümmern.« Dann habe ich auch Hindemith und vieles Andere zu hören begonnen. Es hat für mich eine Tür geöffnet.

RONDO: Für Sie hat es immer wieder solche Türöffner gegeben?

Wameling: Ja, die waren ganz wichtig. Das Quatuor Ebène etwa, mit dem ich etwas befreundet bin, hat mir die Haydnquartette und auch die von Bartók zugänglich gemacht. Was die machen, gefällt mir alles. Wenn man Interpreten hat, die das alles so können: wunderbar!

»Heute bin ich ein Wagnerianer geworden und fahre jedes Jahr nach Bayreuth. Wie ich die Karten bekomme, darf ich aber nicht verraten.«

RONDO: Trauern Sie den alten Schallplatten nach?

Wameling: Ich habe Schallplatten und Schallplattenspieler behalten. Allein schon der Kauf und das Format der alten Schallplatten, das war früher ganz herrlich. Auch das Lesenkönnen der Texte ohne Brille. Ein Mitarbeiter von Bote & Bock besorgte mir damals vergünstigt Schallplatten. Dafür hat er mir allerdings auch ein Autogramm von Jessye Norman geklaut, das sie mir in meiner Garderobe gegeben hatte.

RONDO: Warum war Jessye Norman bei Ihnen in der Garderobe?

Wameling: Nach der Aufführung von Robert Wilsons »Death, Destruction & Detroit« kam sie durch eine der schmalsten Türen der alten Schaubühne in meine Garderobe. Sie hat ja dann später auch mit Wilson zusammengearbeitet. Damals war es eine abgefahrene, großartige Produktion, die den ersten Knacks in Bezug auf die Schaubühne bei mir verursachte. Peter Stein wollte nicht, dass uns das so gefiel. Ich sagte ihm, dass Wilson sogar den Statisten, alten Leuten von zum Teil um die 80, das Gefühl vermittele, sie seien die Stars. Ich war sehr beeindruckt. Da ist Stein ausgeflippt und hat mich angeschrien: »Du wirst nie ein Star!« Er war zutiefst verletzt. Nachdem ich dann später ablehnte, im »Faust« mitzuspielen, hat sich das Verhältnis nie wieder erholt.

RONDO: Zeigen Sie doch mal ein paar Ihrer Lieblings-CDs!

Wameling: Gern, hier zum Beispiel die Haydnsinfonien von Christopher Hogwood. Ich besaß auch schon vorher die Gesamtaufnahme unter Antal Dorati. Und die Streichquartette, vor allem mit dem Emerson String Quartet. Natürlich ist Maria Callas auch irgendwie meine Königin.

RONDO: Ist nicht selbstverständlich. Denn Maria Callas kann durchaus anstrengend zu hören sein.

Wameling: Ja, aber diese Wahnsinnsarien zum Beispiel, die sind doch wunderbar. Unter den Sängern steht sonst Fritz Wunderlich für mich ganz oben. Da geht mir das Herz auf.

RONDO: Wie steht es bei Ihnen mit Wagner?

Wameling: Brahms war zuerst da. Wagner überhaupt nicht. Das hat sich aber total geändert. Heute bin ich ein Wagnerianer geworden und fahre jedes Jahr nach Bayreuth. Wie ich die Karten bekomme, darf ich aber nicht verraten.

RONDO: Bloß nicht!

Wameling: Nein, nein, ich rede mich sonst um Kopf und Kragen. Da gibt es jetzt natürlich diese fantastische alte »Ring«-Aufnahme unter Joseph Keilberth. Die ist toll!

RONDO: Gibt’s Komponisten, die Ihnen weniger bedeuten?

Wameling: Obwohl ich ständig Lesungen zu ihm mache, ist mir Mendelssohn irgendwie nicht so wichtig. Die »Schottische« hör’ ich mir gerne mal an. Aber ich leg’s nie auf. Stattdessen finde ich Marilyn Horne ganz großartig. Sogar mit Händel. Auch »Semiramide« mit ihr war eine Initialzündung für mich. Ich lag in Paris im Hotelzimmer und wartete auf eine Vorstellung. Da gab’s die Liveübertragung aus Aix-en-Provence – mit Montserrat Caballé und der Horne. Das war unglaublich schön.

RONDO: Sie waren auch bei der legendären Aufführung des »Weißen Rössl« in der Berliner Bar jeder Vernunft mit dabei. Operetten haben Sie aber kaum.

Wameling: Ja, aber Benatzky ist ja auch noch was Anderes. Das Geheimnis beim »Weißen Rössl« lag bei den Schauspielern, die alle wohl eine Nummer zu groß waren für das Stück – und um so mehr Spaß daran hatten. Es hat aber insofern gezündet, als ich kürzlich in Bern »Hello Dolly!« gespielt habe. Ich durfte Ursli Pfister am Ende küssen. Das Publikum, da bin ich sicher, hatte vergessen, dass er ein Mann ist.

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 4 / 2008



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