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Vokal total

Von Michael Blümke

So sehr sich die vier Lied- und Arienrecitals, die ich Ihnen dieses Mal vorstelle, in Repertoire und Stimmlage unterscheiden, haben sie doch eines gemeinsam: ihre hohe Qualität. Auch wenn Elogen auf Dauer langweilig werden – es gibt an diesen Neuerscheinungen tatsächlich kaum etwas auszusetzen. Nun erwartet man von Werner Güra natürlich auch nichts anderes als ein weiteres Juwel, es ist ja kein Geheimnis, dass er unser bester Liedtenor ist. Seine durch und durch natürliche, selbstverständliche Herangehensweise, der alles Künstliche, Konstruierte, Aufgesetzte – und zwar stimmlich wie gestalterisch – fehlt, zieht den Hörer unmittelbar ins Geschehen, lässt Situationen und Stimmungslagen plastisch vor dem inneren Auge Gestalt annehmen. Doch nicht genug, dass er interpretatorische Intelligenz mit einem exquisiten lyrischen Tenor verknüpft, verfügt er mit Christoph Berner auch über den perfekten Begleiter. Gemeinsam haben die beiden Künstler mit »Willkommen und Abschied« ein ungemein durchdachtes, schlüssiges, schlichtweg ideales Schubert-Programm zusammengestellt – mehr Lied-Wonnen passen nicht auf eine CD. (harmonia mundi HMC 902112)

Dasselbe Label beseitigt erfreulicherweise auch den schon viel zu lange bestehenden Missstand, dass Mariusz Kwiecień seine Kunst als Opernsänger noch nicht auf CD bannen konnte. Mit Arien aus slawischen Opern stellt sich der polnische Bariton nun auf »Slavic Heroes« vor und bietet darauf auch Ausschnitte aus hierzulande weniger oder fast gar nicht bekannten Werken wie beispielsweise den effektvollen Opern seines Landsmannes Moniuszko. Aber natürlich ist er auch in seiner Leib- und Magenpartie Eugen Onegin und als König Roger, mit dem er in den letzten Jahren mehrfach brillierte, zu hören. In zwölf Partien von acht Komponisten führt Kwiecień seinen kernig-virilen Bariton vor, den er ebenso einschmeichelnd wie auftrumpfend, ebenso zärtlich wie heldisch einzusetzen weiß. Eine gut eingebundene höhere Lage vereint sich in seiner geschmeidigen, flexiblen Stimme mit einer resonanzreichen mittleren und tiefen Lage. Garniert wird das mit dem nötigen Quäntchen vokaler Selbstverliebtheit, die das Ganze erst so richtig unwiderstehlich macht. (harmonia mundi HMW 906101)

Damit machen wir, rein stimmlich gesprochen, einen Sprung nach oben, ins Altregister. Marie-Nicole Lemieux gewann im Jahr 2000 den prestigereichen und äußerst anspruchsvollen Reine-Elisabeth-Wettbewerb in Brüssel und startete damit in eine erfolgreiche Karriere. Gleich unmittelbar nach ihrem Sieg bekam sie die Gelegenheit zu ihrer ersten Studioaufnahme, die jetzt auf CD vorliegt. Neben »Les nuits d’été« von Berlioz finden sich darauf Wagners »Wesendonck-Lieder« und Mahlers »Rückert-Lieder«. Weich und entspannt fließt die Stimme der Kanadierin, die damals in der Tiefe noch nicht so markant ausgeprägt war wie heute. Mit ruhiger, unaufgeregter Stimmführung baut sie Steigerungen ganz organisch auf und liefert eine mustergültige Interpretation aller drei Zyklen. (Cypres/Note 1 CYP 8605)

Zum Schluss noch ein neuer Name, den man sich aber unbedingt merken sollte. Klanglich fast schon ein Sopran, stellt sich Countertenor Valer Barna- Sabadus mit dem Programm »Hasse Reloaded« erstmals auf Tonträger vor. Der 25-jährige Rumäne führt seine höchst bewegliche, zarte Stimme enorm versiert durch Koloraturen und Passagenwerk, spielt virtuos mit Dynamik und Agogik, schattiert einfallsreich und setzt aufregende gestalterische Akzente. Ein Sänger, dem man mit Begeisterung zuhört – der ohnehin schon über 11 Minuten langen Arie »Cadrà fra poco in cenere« würde man gerne noch weiter lauschen. Man muss also kein Prophet sein, um dem jungen Mann eine große Karriere vorherzusagen. (Oehms/Naxos OC 830)

Michael Blümke, RONDO Ausgabe 2 / 2012



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