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Nigel Kennedy

Für Polen offen

Seit Jahren hat der geigende Jetsetter Nigel Kennedy familiäre und musikalische Wurzeln in Polen geschlagen. Dort, wo man nicht nur zu Mazurkas hüpfte, sondern auch die große spätromantische Violinkantilene genießen konnte. Wie in den Violinkonzerten der nahezu vergessenen Komponisten Młynarski und Karłowicz.

Als er vor einer halben Ewigkeit mit seiner Violine erstmals die große Klassikshowbühne betrat, stockte dem Publikum im Parkett der Atem – während auf den Rängen Party gemacht wurde. Denn nicht nur äußerlich entsprach Nigel Kennedy mit seinem Look nicht gerade dem typischen Schwiegermuttertraum. Selbst wenn Kennedy Vivaldis »Vier Jahreszeiten« spielte, rockte es. Und als er mit seiner Kroke-Band sich der osteuropäischen Folklore annahm, schlugen einem die schluchzenden Geigen endlich mal nicht aufs Gemüt.
In diesen Breitengraden und speziell in Polen scheint sich Kennedy pudelwohl zu fühlen. In Krakau lebt er mit Frau und Kind. Und musikalisch läuft’s nicht nur mit der Klezmer-Kroke-Band rund, sondern gleichfalls mit dem Polnischen Kammerorchester. Als er 2002 zu seinem Künstlerischen Direktor berufen wurde, trat er damit in die Fußstapfen seines Lehrers Yehudi Menuhin, von dem er auch die Vorliebe für das romantische Melos geerbt hat. So gehört das Violinkonzert von Sibelius längst zu Kennedys Favoriten wie auch das von Edward Elgar, das der junge Menuhin noch mit dem Komponisten selbst eingespielt hatte. Elgar stand auch vor einigen Jahren bei Kennedys Konzertdebüt in Warschau auf dem Programm. Und nach dem Auftritt kam ein Zuhörer auf ihn zu und übergab ihm eine alte, zerkratzte Einspielung von einem Violinkonzert eines gewissen Emil Młynarski (1870-1935). Seinerzeit ein international gefragter Dirigent, der sich als Komponist der Bewegung »Junges Polen« angeschlossen hatte, ist der Spätromantiker Młynarski heute vergessen. Für Kennedy wurde diese Erstbegegnung mit dem Komponisten und seinem 2. Violinkonzert jedoch sogleich zum Erweckungserlebnis. In seiner Glut und Intensität steht es durchaus dem Elgarkonzert nahe – während Kennedy »es irgendwo zwischen Dvořák und Mieczyslaw Karłowicz auf der einen Seite und Karol Szymanowski auf der anderen Seite einsortiert «. Doch nicht allein Kennedy betrat hier komplett Neuland: »Keiner der Musiker des polnischen Kammerorchesters hatte dieses Konzert jemals zuvor gespielt.« In Verbindung mit dem Violinkonzert des zweiten »Jung-Polen« Mieczyslaw Karłowicz (1876- 1909) hat man das jetzt gemeinsam nachgeholt. Und Nigel Kennedys knackiges Urteil kann man getrost ernst nehmen: »Es ist großartige Musik.«

Neu erschienen:

Diverse

Polish Spirit

Nigel Kennedy, Polish Chamber Orchestra, Jacek Kaspszyk

EMI

Reinhard Lemelle, RONDO Ausgabe 5 / 2007



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