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K & K

Angelika Kirchschlager und Simon Keenlyside

Man kann über die Operette die Nase rümpfen oder mit der Zunge schnalzen: Hinter ihrer fest gefügten Sinnlosigkeit forschen besonders lustvoll die ernsthafteren unter den heutigen Künstlern nach dem schwankenden Boden der Welt und werden fündig – wie Kirchschlager und Keenlyside. Von Kurt Gerlach

Angelika Kirchschlager und Simon Keenlyside: Sängernamen, die aus jüngerer Erinnerung Bilder vom Rätselpaar Mélisande und Pelléas, Klänge aus der Mikropsychologie Maeterlincks und Debussys beschwören mögen. Und wie die beiden das Rätsel lösten, indem sie es in der Schwebe ließen! Die französische Musik sei eine Kunst der Nuancen, hat Debussy gesagt, nicht der Rechthaberei.
Und jetzt: Kirchschlager und Keenlyside, ein Operettenpaar! Zwei Sänger, die mit Oper, Lied, Konzert seriösen Ruhm zuhauf ernteten. Plötzlich auf der schillernden Seite. Entweder man fragt sich besorgt: Können die das auch? Oder man schnalzt mit der Zunge. Und immerhin: Kein italienischer Tenor von Rang hat sich je seine neapolitanischen Canzonen nehmen lassen, Primadonnen von Wucht und Gewicht haben gern das Leichte (das ja das Schwerste ist) wie eine Federboa um ihre Schultern drapiert, und selbst der Wagnerbarde Wolfgang Windgassen hat sich in einen gäste- und flaschenseligen Prinzen Orlowsky verwandelt.
Man kann das Wort „Operette“ so aussprechen, dass es wie ein Schimpfwort klingt. Oder wie die Sünde, die man heimlich gern genießt, öffentlich aber ungern zugibt. Dabei ist die Operette die nur wenig jüngere Schwester der Oper. Wenn Mozart „Operette“ sagte, meinte er „Singspiel“, und keiner rümpfte die Nase. Aber selbst größte Geister sind nicht davor gefeit, unsäglich Dummes und bleibend Verderbliches über ein Genre zu äußern, von dem sie nichts verstehen. Die Operette hat darunter zu leiden gehabt, die reputierlichere Oper nicht oder doch weniger. Gerechterweise sei hinzugefügt: Die Operette feierte ihre Triumphe zu Zeiten ihrer goldenen, silbernen und bronzenen Etappen, dann sind ihr Fehlsteuerungen unterlaufen, und sie manövrierte sich ins Abseits und ins billige Blech. Was können Suppé und Millöcker dafür, Johann Strauß und Kálmán und der Lehár, dessen „Lustige Witwe“ einmal wieder eine ernsthafte Seelenerkundung verdient hätte? Ganz zu schweigen von Jacques Offenbach, den K & K bei ihrem CD-Start in die Operettenwelt erst einmal aus - gespart haben. Offenbach hatte Befürworter wie Nietzsche (!), Karl Kraus, Siegfried Krakauer auf seiner Seite, die einen zu der Frage nötigen: Offenbach – und was sonst? Sigmund Freud, der an Musik nicht Interessierte, hat nie erfahren, was ihm da entgangen ist.
Eine Woche bevor Simon Keenlyside mit Angelika Kirchschlager ins Aufnahmestudio geht, um ihr – operettengerecht – sein „ganzes Herz“ zu schenken, ist er erkältet. Er steckt in Probenarbeiten. Er lacht, als gehörte es selbst für einen Sänger zu den Bereicherungen des Lebens, sich von der Ehefrau infizieren zu lassen. Vor einem Jahr hat er eine CD mit einer Auswahl unterschiedlichster Typen von Opernarien aufgenommen, „Tales of Opera“, Opernerzählungen. Er zählt noch einmal bereitwillig auf, was er Sängern wie Gobbi, Schlusnus, Tauber, Domgraf-Fassbaender, Metternich alles verdankt. Anregungen, Lehrbeispiele. Er hat sie alle „kistenweise“ studiert. „Dicitencello vuje“, die neapolitanische Canzone, traut er sich nicht zu.

Und jetzt ein Operettenrezital.

Ist das auch ein autobiografischer Niederschlag von Sängererlebnissen? Nein, überhaupt nicht. Als Student hat er mal einen Richard- Tauber-Preis bekommen. Aber er ist weder gebürtiger Salzburger noch Wahlwiener wie Partnerin Angelika. Ein Handicap? „Nein, ich nehme die Operette ja ernst.“ Am Anfang seiner Karriere hat er den Danilo in der „Lustigen Witwe“ gesungen, auf Englisch. Dann den Dr. Falke in der „Fledermaus“, auf Deutsch. Aber ohne die gesprochenen Dialoge! Mit wäre unmöglich gewesen. Vor zwei Jahren war er in Wien in einer „echten“ „Fledermaus“. Die Übergänge von Gesang zu Sprache und wieder Gesang, diese Nuancen, diese Subtilität, und das vor einem Wiener Publikum: „Dafür ist mein Deutsch zu einfach gestrickt“.
Gut, aber bei aller gewissenhaften Grenzziehung sind die „Tales of Operetta“, die jetzt ins Haus stehen, eine Erweiterung des Repertoirehorizontes, die vom Sänger alles verlangt, was er in der Oper auch schon können musste. Keenlyside folgt mit Eifer einem neuen Gedanken. „Das Entscheidende lernt man bei der Arbeit am Liedrepertoire. Einer meiner Lehrer war der australische Bariton John Cameron, der aus einer Familie von Schafzüchtern stammte und sich mit Leidenschaft der deutschen Literatur – Goethe, Schiller, Heine – und der deutschen Liedkunst hingab.“ Die englischen Kollegen im Lehramt fanden das eher komisch. Ein anderer Lehrer war der englische Tenor Alexander Young. Der hat ihn mit dem Schubertlied „Der Tod und das Mädchen“ vertraut gemacht (Keenlyside singt mitten im Gespräch tatsächlich den Anfang), und wie man einen Tonumfang von zwei Oktaven bewältigt, ohne ins Stolpern zu geraten. Und er singt, jetzt tief im Keller: „Sollst sanft in meinen Armen schlafen.“ Das Lied ist der Spiegel, der dem Sänger zeigt, was er kann und was nicht.
Sein Vater und sein Großvater waren selbst Berufsmusiker, Geiger, der eine im angesehenen Aeolian String Quartet, der andere im Philharmonia Orchestra. Und Alexander Young war – glückliche Fügung – ein Fan von beiden. Der Vater (er lebt noch) hat mit 70 die nur in England verstanden werden, müssten ihm, dem Engländer, doch am Herzen liegen? Keenlyside verneint heftig. Zu G & S hat er keine Beziehung. Sein Vater ist zwar Engländer, er selbst in London geboren. „Aber meine Mutter stammt aus einer lettischen Familie. Ich fühle mich als Europäer, ich bin ein ,Zigeuner‘.“
Er singt plötzlich: „Wieder hinaus ins strahlende Licht.“ Er ist gegen kategorische Zuordnungen und hält es für unsinnig, bestimmte Rollenfächer in bestimmte Schubladen zu stecken. Diese Arie des „Mr. X“ aus Kálmáns „Zirkusprinzessin“, sagt er, hat doch dasselbe Kaliber wie „Bajazzo“, Canio, „Hüll dich in Tand ...“. Er schließt nicht aus, dass er es mit 94 seinem Großvater und seiner Geige nachtut, als Sänger natürlich, aber dann nur noch für die Freunde – wenn die auch so lange leben.

Neu erschienen:

Dein ist mein ganzes Herz

Simon Keenlyside, Angelika Kirchschlager, Tonkünstlerorchester Niederösterreich, Alfred Eschwé

Sony


„Bahhhhhhhh!“: Der Opernregisseur Peter Konwitschny über den Ernst der Operette – und die Lizenz zum Lachen.

RONDO: Herr Konwitschny, viele betrachten die Operette als etwas Kulinarisches. Zu Unrecht?

Peter Konwitschny: Ja, zu Unrecht. Die Operette unterscheidet sich vom Schauspiel und von der Oper nur dadurch, dass sie die jüngste europäische Gattung ist. Sie bildet die Wirklichkeit im Endstadium ab. Und zeigt die letzten Atemzüge einer Kultur – schon auf halbem Wege zu Beckett, wo das Absurde dann explizit wird.

RONDO: Bei Beckett darf auch gelacht werden!

Konwitschny: Genau wie in der Operette. Dieser ständige Salto mortale aus Logik in eine Paradoxie, genau das ist die Tugend der Operette. Nur: Das tut sie nicht, um zu unterhalten oder weil gelacht werden soll. Sondern weil die Wirklichkeit, die sie abbildet, so schlimm geworden ist, dass eine angemessene Sprache paradox sein muss. Übrigens ist die Operette diejenige Gattung, die dem Theater am meisten Möglichkeiten gibt. Versenkungen, Licht, alles was Theater zu bieten hat, muss da rein. Alles sehr unterhaltsam, aber auch sehr ernst.

RONDO: Glauben Sie, dass Ihnen Franz Lehár darin zustimmen würde?

Konwitschny: Ja, das glaube ich. Lehár hat sich schriftlich über den Niedergang der Operette beklagt, weil es nur noch um schnelle Serienerfolge gegangen sei, mit ökonomischen Interessen im Vordergrund. Man dürfe in der Operette den Zusammenhang mit wirklichen Menschen und ihren echten Konflikten nie verlieren. Ich hatte oft den Eindruck, dass das „Land des Lächelns“ mit „Tristan und Isolde“ zusammen gespielt werden müsste. Da gibt es auch einen Mann und eine Frau, die wollen zusammenkommen. Die Gesellschaft verhindert es.

RONDO: Ist Wagner für Sie etwa ein Operettenkomponist?

Konwitschny: Nein, aber man muss, denke ich, das Komische in den Opern wieder herauskitzeln und das Ernsthafte in der Operette. Zum Beispiel: „Dein ist mein ganzes Herz“ aus Lehárs „Land des Lächelns“ wird gesungen, als die Frau sagt: Ich gehe! In einer ganz zugespitzten Situation. Der vermeintliche Hit beginnt mit einem verminderten Akkord. Mit einem Orchester-Plautz: „Bahhhhhhhhh!“

RONDO: Die Operette wird von Vielen als antiquiert angesehen. Liegt das daran, dass sie durch Heiterkeitszwang läppisch geworden ist?

Konwitschny: Ja. Aber genau das trifft auf die Oper auch zu. Menschen, die denken können und Spaß am Denken haben, gehen deswegen vielfach nicht mehr in die Oper. Wenn man einmal den Schwachsinn sieht, kommt man nie wieder. Merkwürdigerweise funktioniert das Publikum beim Schauspiel ganz anders.

RONDO: Hängt Ihnen der Skandal um Ihre Dresdener „Csardasfürstin“ noch nach?

Konwitschny: Die „Csardasfürstin“ war eine meiner schönsten Inszenierungen überhaupt. Der Skandal wurde geschürt von ganz wenigen Leuten. Theo Adam hat sich damals nicht entblödet zu schreiben: Wie könne man in Dresden, wo es den 13. Februar gab, so etwas auf die Bühne bringen?! Ich dachte: „Ihr Arschlöcher, Ihr wisst wohl gar nicht, dass es noch einige andere Städte gab, die zerstört wurden.“ Ich war sehr gerne in Dresden. Und die sind auch traurig, dass das vorbei ist.

Interview: Robert Fraunholzer


Rondo Redaktion, RONDO Ausgabe 4 / 2007



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