Startseite · Künstler · Gefragt

(c) Marco Borggreve/DG

Pierre-Laurent Aimard

In Zukunft Bach

Der legendär klangperfektionistische Pianist glaubt, dass die besten Bach-Interpretationen noch vor uns liegen. Und wagt einen ersten Schritt.

Immer mehr französische Musiker ziehen nach Deutschland. Fühlen sie sich hier etwa besser verstanden als in ihrem Heimatland? Pierre-Laurent Aimard lebt in Berlin-Schöneberg. François Leleux in München. Pierre Boulez in Baden-Baden. Bloß: Ist nicht Boulez gerade ein Beispiel dafür, dass französische Künstler in Frankreich doch den größten Erfolg haben? „Falsch!“, sagt Pierre- Laurent Aimard. „Boulez hat in Frankreich sein eigenes Ensemble erst gründen müssen, um auf seiner Qualitätsebene dort arbeiten zu können.“ Aimard wird’s wissen, gehörte er doch 1976 zu den Gründungsmitgliedern des Ensemble Intercontemporain. Seit einigen Jahren nimmt er in Deutschland auch für das immer noch prestigereichste Label der Klassik auf, für die Deutsche Grammophon. Jetzt mit Bach.
„Für das ‚Wohltemperierte Klavier’ habe ich fast ein Jahr Auszeit genommen“, so Aimard. Am Berliner Wissenschaftskolleg schloss er sich spielend, lesend, studierend für ein Sabbatical ein. Um nur hin und wieder für Bach- Aufführungen anderer Musiker aus der Stadt auszureißen. „Um mich inspirieren zu lassen, nehme ich oft einen Extraflug in Kauf, um Konzerten mit John Eliot Gardiner, Nikolaus Harnoncourt oder Philippe Herreweghe beizuwohnen“, so Aimard. Eigentlich erstaunlich, denn bislang war Aimard gesteigerter Sympathien für die historische Aufführungspraxis unverdächtig. „Um sich mit dem ‚Wohltemperierten Klavier’ auf die Reise zu begeben, muss man viele andere Werke und Aspekte Bachs gleichfalls kennen.“ Man muss alles hören!
Entsprechend ungewöhnlich ist das Erste Buch des „Wohltemperierten Klaviers“ nun geworden. Leiser als andere. Viel weicher. Und pedalfrei. Er sei kein Dogmatiker, so Aimard, aber Bach habe weder mit noch für Pedal komponiert. Wenn man den eigenen Körper richtig einsetze, könne man sich das Pedal fast sparen. So ist ihm ein umso körperlicherer, plastischerer und rhetorischerer Bach gelungen.
Auch umso französischer? „Wenn es eine Kategorie wie ‚französischer Pianist’ geben sollte – aber alle französischen Pianisten sind in Wirklichkeit sehr verschieden! –, so glaube ich trotzdem nicht, dass ich ihr angehören würde“, wiegelt Aimard ab.
Zwar studierte er bei Yvonne Loriod, der Frau Olivier Messiaens – als dessen bester lebender Interpret Aimard gelten kann. Doch für französische Vorgänger wie Alfred Cortot, Marcelle Meyer oder Robert Casadesus hat Aimard gar nicht so viel übrig. Die Bach-Tradition in Frankreich sei nicht sehr ausgeprägt, sagt er richtig. „Meine Interpretationsweise von Bach- Werken beruht sicherlich nicht auf Interpretationen anderer Pianisten. Ich suche unter Pianisten kein Vorbild.“ Spricht’s und fügt im Gespräch hinzu, er glaube, die wichtigsten Bach-Interpretationen auf dem Klavier lägen nicht etwa hinter uns. Sondern noch vor uns.
Tatsächlich ist Aimards Bach schon deswegen ein utopischer Bach, weil er nach vorne tastet – und nach den Sternen greift –, ohne sein Ziel klar benennen zu müssen. Sein Bach sei ein Zwischenergebnis, sagt er. Und lässt durchblicken, was als das mutigste Bekenntnis eines ausübenden Musikers gelten darf, das man sich überhaupt vorstellen kann: Aimard scheint selber gar nicht völlig überzeugt zu sein von seinem Bach. Derlei überragende Selbstkritik war bislang eigentlich nur von einem einzigen Künstler zu hören: von dem hyperkritischen, mit sich selbst niemals zufriedenen Carlos Kleiber.

Ordnung und Freiheit

Aimard ist nicht nur bei sich kritisch. Eine frühere Aufnahme des Wohltemperierten Klaviers würde er nicht verschenken, meint er. Bei Edwin Fischer finde man vielleicht poetische Stimmungen vor, die überwältigend sind. „Aber seine Art und Weise gehört doch der Vergangenheit an.“ Es komme darauf an, dass die Stücke gut artikuliert und gut phrasiert würden. Dass das Verhältnis von Ordnung und Freiheit in der richtigen Weise reflektiert wird. Und dass man höre, inwiefern Bach keinerlei vorgegebenem Schema folgte. „Vor allem weil ein solches Schema zu Bachs Zeiten nicht systematisch benutzt wurde.“
Bemerkenswert bleibt es, dass Aimard der vielleicht einzige Pianist der Gegenwart ist, der dezidiert von allen romantischen Ansätzen nichts wissen will. Ihm geht es nicht um die Gefühle des Musikers. Nicht darum, künstlerische Subjektivität in Töne zu gießen. Sondern darum, wie ein Klavier im Raum klingt. Wie man Klänge staffelt und so aufeinander bezieht, dass Transparenz und räumliche Plastizität entstehen. So hat er es von Debussy gelernt und von Boulez. So versucht er es auch bei Bach.
So abweichend Aimard seine Sache angeht, so ohrenöffnend wirkte er bislang bei Messiaen, Carter, Stockhausen und Ligeti. Nebenbei: „Meiner Meinung nach ist meine beste Solo- Platte: ‚Traiettoria’ von Marco Stroppa“, so Aimard. Doch auch sein Liszt, Debussy, Berg und Ives repräsentieren aufgrund des Durchhörbarkeits-Ideals und der unerhörten Klarheit seiner Diktion rare Höhepunkte in der Pianistik der zurückliegenden Jahre. Vielleicht nicht ganz so bei Beethoven und Dvořák (woran er sich mit Nikolaus Harnoncourt versuchte). Bei allem jedoch, das nicht nur romantisch empfindelt, suppt und nässt, sondern visionär in die Zukunft äugt, gelingen Aimard immer wieder erstaunliche Entdeckungen.
Auch bei Bach, der unter Aimards Händen freier, moderner – und wenn wir weniger zimperlich urteilen als er selbst: französischer klingt als die deutsche Polizei erlaubt. Gottlob. Wer sich für Bach interessiert, wird auf Aimard neugieriger sein als auf die Talentbeweise jener vielen Youngster, die zu Bach nur deswegen ihre Zuflucht nehmen, weil ihnen Mozart und Beethoven noch fremder sind. Upps!, haben wir da etwas Gemeines gesagt?! Aimards neuer Bach kann selbst damit versöhnen.

Neu erschienen:

Bach

Das Wohltemperierte Klavier I

Pierre-Laurent Aimard

Deutsche Grammophon/Universal


Wohltemperiertes Klavier

Die beiden Sammlungen des „Wohltemperierten Klaviers“ gelten als Bachs Hauptwerk für Tasteninstrumente. Bach schuf sie 1722 (das 2. Buch 1740/42). Sie bestehen aus zwei Mal 24 Präludien und Fugen, die durch alle Dur- und Moll-Tonarten chromatisch aufsteigen. Komponiert für Clavichord oder Cembalo, werden sie seit dem 20. Jahrhundert zumeist auf modernen Flügeln aufgeführt. Die erste wichtige Klavier-Gesamtaufnahme stammte von dem Schweizer Pianisten Edwin Fischer (1933–1936). Neuere von Glenn Gould, Friedrich Gulda und Svjatoslav Richter. Aus jüngster Zeit wären Murray Perahia und András Schiff zu nennen. Wichtige Zyklen auf Cembalo stammen von Wanda Landowska, Christine Schornsheim und Richard Egarr.


Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 4 / 2014



Kommentare

Kommentar posten

Für diesen Artikel gibt es noch keine Kommentare.


Das könnte Sie auch interessieren

Testgelände

Elisabeth Schwarzkopf

Sophisticated Lady

Zum 100. Geburtstag gibt es die gesammelten Recitals der Sopranistin – mit Original-Frisuren und […]
zum Artikel »

Musikstadt

Der neue Orpheus

Český Krumlov

Fast unbemerkt an der Lieblingsstrecke der Übersee-Touristen von Prag nach Wien liegt Český […]
zum Artikel »




Top