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(c) Eric Larrayadieu

Blind gehört

Christophe Rousset: „Hier höre ich zu wenig Musik“

Der Franzose Christophe Rousset gehört als Cembalist, Dirigent und Gründer/Leiter des Orchesters Les Talens Lyriques zu den interessantesten Musikern der Alte-Musik- Szene. Bekannt wurde er vor allem als Interpret und Wiederentdecker französischer Barockmusik, doch sein Repertoire ist weit gesteckt. Beim „Blind gehört“ kommentierte der 53-Jährige, der gut Deutsch spricht, erst, wenn die Musik schwieg, dann aber ruhig und prägnant und seiner Sache sicher.

Das muss Madame Landowska sein. Ihre Hände waren zu klein, um eine Dezime zu greifen, deshalb muss sie das sein. Es klingt, als würde ein Pianist auf einer Art Monster-Cembalo spielen. Und sehr zeitgebunden, mit dem monumentalen Schluss, den mechanischen Trillern, es ist alles gleichmäßig gespielt, nirgends ein Rubato. Es ist interessant zu hören, Madame Landowska ist eine historische Figur. Aber wir überbewerten ihre Bedeutung. Es gab damals schon Musiker, die historische Cembali gespielt haben, aber sie hat aus welchen Gründen auch immer entschieden, diese Monster-Cembali einzuführen, mit Pedalen und 16-Fuß-Registern, wie sie kaum benutzt wurden im 18. Jahrhundert. Das hat die Wiederentdeckung des Cembalos beträchtlich verzögert, weil wir erst einmal diese Monster aus dem Weg schaffen mussten. Zum Cembalo gebracht hat mich allerdings ein Klang wie dieser, da war ich 13. Es war ein Konzert mit dem fünften Brandenburgischen Konzert auf solch einem Monster-Cembalo, und ich erinnere mich gut, dass ich anfangs überzeugt davon war, ein Cembalo müsse Pedale haben. (lacht) Klavier zu spielen hat mich nie wirklich gereizt. Ich habe mir sogar mal ein Hammerklavier gekauft, aber ich spiele es kaum. Ich bin zu sehr Cembalist. Mir gefällt der Klang, das Repertoire, die Spielweise – das ist meine Welt.

Bach

Partita B-Dur

Wanda Landowska

Paradizo/hm

Das sind historische Instrumente, und weil es nicht meine Einspielung ist, ist es vermutlich die von William Christie. Die habe ich aber nie gehört. Es klingt, wie es klingen soll. Ich habe kürzlich La Petite Bande mit Rameau gehört und dachte mir: Die haben diesen Klang erfunden für diese Musik, damals in den 70er Jahren in Belgien und Holland – und er ist immer noch gültig. Wenn ich Rameau spiele, klingt es auch so. Ich liebe diese Musik. Mir gefällt allerdings nicht, wie es aufgenommen ist – nicht sehr transparent, das macht die Musik etwas konfus. Es ist vielleicht etwas zu schnell gespielt, die Geigen und die Oboen sind nicht immer zusammen bei den punktierten Rhythmen in der Fuge, aber das sind kleine Details. Ich war sieben Jahre lang William Christies Assistent, er war sehr großzügig zu mir, hat mir viel Verantwortung überlassen, ich konnte Entscheidungen treffen, wenn ich für ihn geprobt habe, was Tempo oder Interpretation betraf und manchmal sogar Besetzungsfragen in den Opern. Das war fantastisch. Und er hat mich ermutigt zu dirigieren. Das war gar nicht mein Plan, ich war sehr glücklich hinter meinem Cembalo. Aber dann stellte ich fest, dass ich Dirigieren mag, und wenn man Ideen hat, muss man sie auch umsetzen und sich selbständig machen. Ich weiß nicht, ob ich heute noch ein Orchester gründen würde, aber damals war das nicht so schwer in Frankreich. Ein Orchester zu unterhalten, ist kompliziert. Das sind alles Freiberufler, man muss für jedes Projekt ein neues Telefonorchester zusammenstellen. Aber wenn man genügend gute Leute um sich hat, geht es.

Rameau

Ouvertüre, aus: “Les fêtes d’Hébé”

Les Arts Florissants, William Christie

Erato/Warner

Das ist derselbe Text wie Händels „Serse“, also muss es eine „Serse“ sein. Vielleicht von Cavalli. Das ist wunderschöne Musik. Die Stimme ist schön, aber die Aussprache ist schlecht. Am Anfang hatte ich Probleme zu erkennen, welche Sprache sie überhaupt singt. Die Aussprache ist mir sehr wichtig, besonders im Italienischen, das ich sehr liebe. Man muss jedem Wort eine eigene Farbe, einen eigenen Duft geben. Das spielt eine große Rolle in der Ästhetik des Barock, die Texte der Zeit fordern, man solle keine generelle Idee für eine Phrase entwickeln, sondern jedem Wort seine eigene Farbe geben. Wenn man über „procelle“, Stürme, singt, muss man einen Sturm heraufbeschwören. Und dann folgt der Gegensatz. Ich finde diese Interpretation flach. Sie soll schön klingen und das tut sie auch, aber sie ist nicht mehr als nett, und die Musik des 17. Jahrhunderts soll nicht nett klingen, sie muss expressiv sein! Ich weiß, dass Händels „Serse“ auf Bononcini basiert, aber ich habe mir dessen Musik nie angeschaut. Am Ende habe ich auf „soave più“ eine Kadenz wie bei Händel erwartet, aber die hat er im Gegensatz zur Melodie nicht geklaut von Bononcini.
Ersteinspielungen sind immer faszinierend, neues Repertoire zu finden macht einen gewichtigen Teil meiner Arbeit aus. Ich beschäftige mich viel mit Traetta, Jomelli und Leonardo Leo, da gibt es noch Meisterwerke zu entdecken. Man hat im Barock unglaublich viel komponiert, an jedem italienischen Hof wurde mindestens eine Oper pro Jahr aufgeführt. Und vieles ist von so hohem Niveau, dass sich die Wiederentdeckung lohnt. Leider passiert es oft, dass ein Stück entdeckt wird, es wird aufgeführt und ist sofort wieder tot – weil die Interpretation nicht gut war. Das Publikum denkt, das Stück sei schwach, dabei liegt es an der Aufführung. Die Schwierigkeit ist, dass es keine Referenzen gibt. Bei Monteverdi oder Händel wissen die Sänger grob, wie sie singen müssen. Aber bei einem Stück von Martín y Soler zum Beispiel fehlt ihnen die Orientierung, und dann ist die erste Reaktion der Sänger oft: Das ist keine gute Musik. Dann muss man sie überzeugen und das Feuer entfachen und daran arbeiten, die Musik zum Leben zu bringen. Das ist nicht einfach, aber ich mag das. Ich mag es, die Seele eines Projekts zu sein.

Bononcini

„Frondi tenere – Ombra mai fu“, aus: Xerse

Simone Kermes, Le Musiche Nove, Claudio Osele

Sony

Das Stück kenne ich nicht, aber das ist ohne Zweifel Lully. Diesen Stil liebe ich, ich bin immer wieder fasziniert von seiner Musik. Das ist eine schöne Interpretation, und ich kann sogar verstehen, was der Chor und die Solisten singen. Mir gefällt nicht jedes Detail, aber der Stil ist richtig, das Continuo ist wunderbar, auch die Stimme hat mir gefallen. Ich würde die volle Punktzahl geben. Lully hat die französische Oper erfunden. Wenn man sich die europäische Landkarte um 1670 anschaut, gibt es da nur Cavalli und Cesti und diese Leute, die Opern auf sehr komplizierte Libretti machten, mit fast keinem Orchester, kaum Chor und wenigen Solisten. Lully dagegen hat ein neues Genre erfunden: Großes Orchester, großer Chor, Ensembles, schöne Libretti, berührende Musik, Tänze – er ist für mich einer der größten Musikerfinder aller Zeiten, neben Monteverdi. „Proserpine“? Die hab ich noch auf meiner Liste, aber die hat keine Priorität.

Lully

„On a quitté les armes“, aus: Proserpine

Benedicte Tauran, Le Concert Spirituel, Herve Niquet

Glossa/Note 1

Gluck! Aber das Stück kenne ich nicht. Die Stimme ist mir zu nah aufgenommen, das Orchester wirkt verloren im Hintergrund, ich denke, so sollte die Musik nicht klingen. Auch hier ist der Text schwer zu verstehen. Aber wenn es bei Gluck nicht um den Text geht, dann weiß ich es nicht. Er war derjenige zumindest in Frankreich, der den Text als Wichtigstes sah, und dann erst kommt die Musik. In dem Aspekt finde ich diese Interpretation nicht überzeugend. Das Tempo ist gut, tempo di minuetto, das Orchester ist vermutlich ein modernes Orchester, der generelle Stil ist ok. Ich mochte die Stimme und ihre Interpretation nicht. Stimme ist für mich sehr wichtig. Deshalb dirigiere ich ja überwiegend Opern. Ich bin in Aix-en-Provence aufgewachsen und hatte früh die Chance, zu den Proben zu gehen und zu sehen, wie eine Oper auf die Beine gestellt wird. Das war für mich eine wundervolle Welt, und die Stimme ist für mich das schönste Instrument. Da bin ich ein echter Fan: Wenn du eine Stimme magst, ist es fantastisch – wenn du sie nicht magst, magst du sie nicht, da kann man nichts machen. Die Stimme ist viel direkter und lässt einen viel stärker reagieren als jedes Instrument. Das ist vermutlich auch der Grund, warum die Leute in der Oper buhen. Ein Pianist wird nicht ausgebuht ... Früher war ich überzeugt, dass Gluck langweilig ist. Erst als ich mich mit Lully beschäftigte, verstand ich plötzlich Gluck. Auch Lully kann langweilig klingen, wenn man ihn nicht gut macht. Inzwischen habe ich einiges von Gluck dirigiert, ich mag ihn. Ich habe letztes Jahr an der Scala sogar Rossini gemacht. Und ich habe romantische Arien mit Véronique Gens dirigiert. Verdi zu dirigieren, war für mich sehr exotisch, aber ich mochte es. Auch meine erste Erfahrung mit Beethoven, mit der Eroica, hat mir sehr gefallen. Ich habe meine romantische Seele mit der „Medée“ von Cherubini entdeckt, ich hatte Zweifel, als ich das Angebot bekam, aber ich habe es gemacht, und es hat etwas in meiner Cembalisten-Seele geöffnet.

Gluck

“Ah! Si la liberté me doit être ravie”, aus: Armide

Annette Dasch, Bayerische Kammerphilharmonie, David Syrus

Sony

(nach 15 Sekunden) Das reicht! Wenn ein Student so anfangen würde, würde ich ihn sofort stoppen. Man muss den Komponisten, die man aufführt, helfen. Man kann nicht voraussetzen, dass die Leute das Stück kennen, man muss sie hindurch führen. Hier ist alles zu schnell. Scarlatti ist ein fantastischer Komponist, und hier passieren viele interessante Dinge, über die der Spieler aber einfach hinwegfegt. Dabei heißt die Sonate nicht „Der Sturm“. Das ist ein sehr schönes Instrument, und es spielt jemand, der spielen kann. Aber damit kann ich nichts anfangen. Da kann ich als Cembalist nicht über meinen Schatten springen.

Scarlatti

Sonate D-Dur K. 535

Pierre Hantaï

Mirare/hm

(schmunzelt mehrfach) Sehr manieriert, sehr schräg. Es ist überraschend und hat Charme, aber ich finde es etwas kitschig und herzschmerz-romantisch, was ich nicht mal bei einem Chopin-Prélude mag. Ich mag Musiker, die den Zuhörer miteinbeziehen: Ich gebe dir dies, entwickle es weiter, du bist als Zuhörer Teil der Interpretation. Aber der Pianist hier lässt keinen Raum, er lässt mich außen vor. Er hat offensichtlich kein Interesse an Ornamentierung und Rhetorik, er weiß nichts über Barockmusik und hat auch nicht den Wunsch, mehr zu erfahren. Das ist in Ordnung, man kann ein Stück nehmen, es entdecken und es mit Intuition und Gefühl spielen. Er macht es so, und das finde ich charmant. Aber nicht überzeugend. Die ganze CD möchte ich mir nicht anhören. Was Rameau zu einem großen Komponisten macht? Er ist mehr, er ist ein großes Genie! Wenn man Bach hört, spürt man, er war ein Genie. So geht es mir auch mit Rameau. Selbst in dieser kleinen Gigue hier. Rameau ist untrennbar verbunden mit dem Geist des 18. Jahrhunderts, dem Geist der Aufklärung, der großen Klarheit, wo alles seinen rechten Platz hat. Diesen Geist atmet seine Musik. Er hat die ersten Traktate über Harmonie geschrieben, er hat wunderbare Melodien erfunden und er hatte ein Gefühl für die Instrumente. Deshalb kann man seine Cembalo-Musik so schwer auf dem Klavier spielen. Bach ist abstrakter, französische Musik ist fast immer gebunden an einen bestimmten Klang und die Faszination des Klangs.

Rameau

Gigue en rondeau

Tzimon Barto

Ondine/Naxos

Das kenne ich nicht, aber es könnte Carl Philipp Emanuel Bach sein. Das ist der Ansatz, den Reinhard Goebel und seine Musica Antiqua entwickelt haben. Das ist mir zu brutal, da leide ich. Als Student war mir das Spiel von Reinhard Goebel immer zu brutal, ich habe den Punkt nicht verstanden. Letztens habe ich per Zufall wieder eine Aufnahme von ihm gehört und fand sie gar nicht so schlimm. Aber unglücklicherweise folgen immer mehr Musiker diesem Weg, jede italienische Gruppe spielt inzwischen so. Wer sagt denn, dass Vivaldi ein Wilder war und die Mädchen in seinem Waisenhaus in Venedig alle verrückt und gewalttätig? Ich finde, so sollte man nicht Musik machen. Hier höre ich zu wenig „Musik“. Es ist vermutlich eine deutsche Gruppe. Das Cembalospiel finde ich auch nicht interessant. Auf dem Cembalo braucht man Zeit, um etwas auszudrücken. Auch in einem Presto muss man etwas artikulieren und ausdrücken, man spielt nicht einfach drauflos. In einem Konzert sitzt man als Solist im Scheinwerferlicht. Das Orchester beginnt, und dann kommst du. Da kannst du nicht einfach schnelle Noten und Skalen rauf und runter spielen – und das war‘s dann. Dann verdient man das Scheinwerferlicht nicht. Vom Tempo und von der Musik her hatte ich die wütende Arie eines Countertenors mit vielen Koloraturen erwartet. Ich habe das Gefühl, diese Interpretation drückt nicht aus, was sie ausdrücken soll – ohne dass ich das Stück kenne. Natürlich muss man die Architektur des ganzen Konzerts ausbalancieren mit den anderen Sätzen. Ist das ein erster Satz? Der dritte? Da bin ich überrascht, die Exposition ist so lang. Aber das Stück ist schön, Emanuel Bach ist überhaupt ein sehr interessanter Komponist!

C. P. E. Bach

Allegro assai, aus: Cembalokonzert Wq 20

Raphael Alpermann, Akademie für Alte Musik Berlin

harmonia mundi

Erscheint Ende September:

Lully

Amadis

Christophe Rousset, Les Talens Lyriques u.a.

Aparté/harmonia mundi

Zuletzt erschienen:

Lully

Phaéton

Emiliano Gonzalez Toro, Ingrid Perruche, Isabelle Druet, Benoit Arnould, Choeur de Chambre de Namur, Les Talens Lyriques, Christophe Rousset

Aparté/harmonia mundi

Zuletzt erschienen:

Bach

Das Wohltemperierte Klavier Bd. II

Christophe Rousset

Aparté/harmonia mundi

Arnt Cobbers, RONDO Ausgabe 4 / 2014



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