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(c) Uwe Arens/Sony

Charlie Siem

Mit Schirm, Charme und Violine

Der englische Geiger macht nicht nur auf dem Griffbrett Bella Figura. Nebenbei modelt Siem für Lagerfeld und Dior.

Mit Fünf-Tage-Bart, löchrigen Jeans und klobigem Schuhwerk, wie es Kollege David Garrett gerne mal zu tragen pflegt, wird man Charlie Siem niemals zu sehen bekommen. Statt Streetwear bevorzugt Siem nämlich nur erlesene Stoffe in allerfeinster Hand- und Maßarbeit. Und selbst im praktischen Freizeitlook kommt Siem wie geleckt daher, denn schließlich sind nicht nur seine technisch versierten Geigenhände sein Kapital. Dank seines smarten Äußeren hat der 28-Jährige inzwischen lukrative Modellverträge bei Top-Couturiers. Für Karl Lagerfeld hat er genauso gearbeitet wie für Vivienne Westwood. Und gerade hat Armani ihn zum Gesicht einer neuen Duftwässerchen-Kampagne gemacht. „Ich habe schon immer Kleidung geliebt“, so Siem. „Und jeder Job in der Modewelt war immer äußerst inspirierend. So habe ich bei einem Video mitgemacht, das Bruce Weber für Dior gedreht hat und in dem ich mit dem Balletttänzer Sergei Polunin zu Debussys ’Claire de lune’ improvisiert habe.“
So sehr Charlie Siem den Mode- Zirkus liebt – wenn er sich entscheiden müsste, würde er immer der Musik den Vorzug geben. Dass es ihn speziell zur Violine gezogen hat, ist ein wenig erblich bedingt. Immerhin ist er über seinen norwegischen Vater, der es zu einem milliardenschweren Vermögen gebracht hat, ganz entfernt mit dem norwegischen ’Paganini’ verwandt, dem Geigenvirtuosen Ole Bull. Zum eigentlichen Auslöser aber wurde eine von Yehudi Menuhin gespielte Aufnahme von Beethovens Violinkonzert, die Charlie Siem im Alter von drei Jahren gehört hatte. Und wenngleich er aus keinem musikalischen Elternhaus stammt, wurden seinem Berufswunsch auch keine Steine in den Weg gelegt. Im Gegenteil. Man ermöglichte ihm mit Itzhak Rashkovsky und Shlomo Mintz die besten Lehrer an den besten Londoner Musikcolleges. Mittlerweile hat Siem die Ehre, mit der „D’Egville“-Violine von 1735 jenes Instrument aus der Werkstatt Guarneris zu spielen, das vorher im Besitz von Menuhin gewesen ist. „Sie hat einen kraftvollen, reichen und höchst empfindsamen Klang“, so Siem über seine Geige, auf der er mittlerweile weltweit Konzerte gegeben hat – nicht nur mit Spitzendirigenten wie Yannick Nézet-Séguin und Roger Norrington. Als bekennender Allrounder stand er schon mit so mancher Rock-und Pop-Legende auf einer Bühne. Dazu gehörten die Who-Haudegen Roger Daltrey und Pete Townshend, Bryan Adams und der bunte Vogel Boy George, dem er mit seinem Violinbogen einmal vor 20.000 Zuschauern doch glatt aus Versehen den Hut vom Kopf und ins Publikum geschlagen hatte („Dieser Moment war ein einziger Horror!“).
Neben den weltweiten Live- Verpflichtungen kehrt Charlie Siem auch regelmäßig ins Aufnahmestudio zurück. Und für seine inzwischen vierte CD auf jetzt neuem Label hat er sich berühmter Charakter- und Zugabenstücke angenommen, die für Violine und Orchester arrangiert wurden. Darunter finden sich Debussys „Claire de lune“, ein „Ungarischer Tanz“ von Brahms sowie Charmantes und Effektvolles von Fritz Kreisler. „Diese kleinen Stücke erlauben es, seinen ganz eigenen Sound und sein individuelles Spiel zu demonstrieren. Wobei gerade die ‚Carmen’-Fantasie von Jenö Hubay das wohl spieltechnisch anspruchsvollste Stück gewesen ist.“ Aber auch diese Schwierigkeiten hat Charlie Siem ziemlich locker aus dem Ärmel geschüttelt – und wie stets: mit Stil.

Neu erschienen:

„Under The Stars“

Charlie Siem, Münchner Rundfunkorchester, Paul Goodwin

Sony

Reinhard Lemelle, RONDO Ausgabe 4 / 2014



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