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Musikstadt

Wexford: Oper handgemacht

Die Nationalhymne singt man stehend, Musiktheater- Raritäten hört man im Sitzen: Das Wexford Festival.

Die Besitzer von „Wood Ideas“ sind rechtschaffene Leute. Das Jahr über versorgen sie die Einwohner von Wexford mit Parkettböden. Doch drei Wochen lang ist ihr Schaufenster nicht wiederzuerkennen. Vor gemusterten Stoffen sind drei kostümierte Puppen drapiert, dramatisch mit Überwürfen, mit lodernden Perücken und Billigschmuck. Die um sie verstreuten Noten weisen sie als die Geschöpfe der drei hier gerade angesagten Komponisten aus. Und der große Blechpokal beweist, dass „Wood Ideas“ auch dieses Jahr den Wettbewerb um das schönste Opernschaufenster gewonnen hat.
Wir sind in Irland. Neben Island hat man sich die zweigeteilte Grüne Insel als letztes Schwellenland der Oper in Europa vorzustellen. In Dublin existiert eine Kompanie, die pro Saison gerade einmal 18 Vorstellungen spielt. Ansonsten liefern ein paar windige Tourneetruppen noch nicht einmal die musikdramatische Grundversorgung für die im Allgemeinen als sangesfreudig eingestufte Nation. Zum Glück gibt es Wexford: 30.000 Einwohner, zweieinhalb Zugstunden von Dublin entfernt an der Irischen See gelegen. Früher war hier das Produktionszentrum für landwirtschaftliche Maschinen. Wohlstand, aus Mähdreschern, Traktoren und Kartoffelwendern geboren, erlaubte 1832 den Bau eines Theaters. Das nannte sich „Royal“, hatte 550 Plätze und war nur eine bessere Scheune, unscheinbar hinter grauen Häuserfassaden in der High Street versteckt, mit klassizistischem Proszenium, Logen und ursprünglich zwei Rängen. Heruntergekommen und im Privatbesitz fristete es im Jahr 1950 seine Existenz als Kino.
Doch: Ein Theater ist ein Theater. So regte Compton Mackenzie, der englische Gründer der Zeitschrift „Grammophone“, der zu einem Vortrag bei der örtlichen Gesellschaft klassischer Schallplattenhörer weilte, an, darin Oper zu spielen. Das sei doch schöner als nur Arien aus der Konserve. Also gründeten der Vereinsvorsitzende, ein Hotelbesitzer und der lokale Postdirektor ein „Festival Of Music and The Arts“, das bereits am 21. Oktober 1951 seine erste Premiere herausbrachte, und zwar Balfes „The Rose Of Castile“.
Womit der Spielplan für Kommendes bereits festgelegt war, wenn auch damals vorwiegend aus lokalpatriotischen Gründen. In Wexford kann man keine „Aida“ und keinen „Don Giovanni“ sehen, nicht „Die Walküre“ und auch nicht „Madame Butterfly“. Aber von denselben Komponisten „König für einen Tag“, „Zaide“, „Das Liebesverbot“ oder „Edgar“. Nach Wexford kommen aus der ganzen Welt Opernverrückte und Tontrüffelsucher, um die unbekannten Werke bekannter Tonsetzer zu genießen oder völlig Verschüttetes zu entdecken.
Das ist die eine Säule dieses mit gerade einmal zwei Millionen Euro Budget ausgestatteten kleinsten der großen Opernfestivals der Welt. Doch ein internationales Publikum aus Fans, Freunden und augenzwinkernd „opera buffs“ gerufenen melomanischen Überzeugungstätern hätte wohl kaum 60 Jahre ausgehalten – mit einer renovierungsbedingten Unterbrechung und zwei Übergangsspielzeiten während des Baus des neuen, seit 2008 35 Prozent mehr Plätze bietenden Wexford Opera House –, um fröhliche Dilettanten bei ihrem Ausgrabungswerk von Donizetti bis Dvořák und von Massenet bis Mascagni zu beklatschen. Nein, Wexford ist für Intendanten und Agenten früh Talentbörse gewesen. Hier singen und inszenieren die, welche am Beginn einer großen Karriere stehen, gerade noch billig zu haben sind und ein internationales Podium für ihre Kunst brauchen.

Oper hat immer etwas mit Verrücktsein zu tun.

Eindrucksvoll sind deshalb die Namen, die durch die Wexford- Annalen geistern: Brian Dickie, der später dem Glyndebourne Festival vorstand, war hier Chef, wie auch Elaine Padmore, die später Covent Garden leitete. Es folgte Lucio Ferrari, der gleichzeitig dem Rossini Festival in Pesaro und der Oper in Bologna vorstand, was seit 1994 einen italienischen Schwerpunkt, besonders von Verismo- Opern zur Folge hatte. Seit 2005 führt hier der amerikanische Dirigent David Agler, der die Vancouver Oper leitete und regelmäßig an der San Francisco Opera auftritt, die Raritäten- Geschäfte.
Mirella Freni, Fiorenza Cossotto, Frederica von Stade, Angela Gheorghiu, Felicity Lott, Alessandra Marc und Inga Nielsen haben in Wexford gesungen, auch Juan Diego Flórez und Joseph Calleja haben sich dort in Mercadante- Entdeckungen und Adam-Ausgrabungen internationale Tenor-Sporen verdient. Charles Mackerras und Vladimir Jurowski haben dirigiert, und die jüngere englische Regieschule von David Pountney bis Nicholas Hyntner und Robert Carsen hat hier szenische Gehversuche unternommen. Und immer wieder kamen einige der Raritäten anschließend auch auf CD heraus.
Die später Großen der Opernwelt in Wexford. Das sieht man dem spröden Charme dieser Stadt nicht unbedingt an. Ging die Fahrt erst durch sonnenbeschienene Wälder mit aufstiebenden Fasanen, so beherrschen jetzt drei feldgrau raketengleiche Kirchtürme die Stadtfront am Hafen, von dem aus sich eine Brücke über den Fluss schwingt. Wexford, das sind lauter parallel laufende Straßen, deren Kneipen- und Geschäftsleben ausschließlich in der Mainstreet stattfindet, mit Steinhauskästen drum herum, die meisten ziemlich alt. Hier denkt man praktisch, der Lebenserhalt ist wichtig, Fish & Chips das bevorzugte Essen; die Schönen Künste mögen da gefälligst hintanstehen.
Für neun Wochen im Jahr ist das anders. Immer im Herbst kommt ein buntes Künstlervölkchen, das versorgt sein will, wenn im Akkord geprobt wird, drei Opern gleichzeitig, und nach vier Tagen in einer zugigen Halle geht es für zwei Tage auf die Bühne. Nicht nur der enge Zeitplan, die immer noch ziemlich enge Bühne, auf der drei Produktionen gleichzeitig gelagert werden müssen, erlaubt wenig inszenatorische und dekorative Eitelkeit. In Wexford hat Oper zu funktionieren und wird deshalb in bunten, naiv anmutenden Bühnenbildern sachlich und simpel erzählt. Für den Rest, und der ist nicht wenig, sorgen die Qualität der musikalischen Seite und die Jungfräulichkeit der Werke.
„Hier wird Oper per Hand gemacht. Ohne Zynismus, Abgeklärtheit und eine Attitüde der Überfütterung, wie sie sich bei vielen Festivals breit macht. Hier regiert Leidenschaft nicht nur auf der Bühne“, ist sich David Agler sicher.
In Wexford ist zur Festivalzeit der ganze Ort Oper. Auch wenn man es erst auf den zweiten Blick merkt. Unzählige freiwillige Helfer halten an den Buffets und am Souvenirstand die Stellung. Tagsüber produzieren sich die Stars in kurzen Lunchkonzerten mit anschließender Verköstigung und auch der formidable Prager Kammerchor, der den Hauptteil des Festspielchores stellt, gibt in der klassizistisch dekorierten St. Iberius Church Konzerte. Natürlich nicht mit Gefälligem, sondern mit solchen Entdeckungen wie Psalmen von Bohuslav Martinů.
Oder man strömt zu den „Opera Scenes“ in das White’s Hotel. Gilt hier gemeinhin das Rare, so sind diese kostümierten Querschnitte dem Populären vorbehalten. Repetitoren, Regieassistenten und Sänger von Nebenrollen erarbeiten sorgfältig auf kahlem Podium in 90 Minuten Traviatas Tod und die bunte Fischerwelt von „Porgy & Bess“. Immer ausverkauft lässt sich hier eine gebannte Zuschauerschaft jeden Alters – gerade auch im Zeitalter von DVD und CD – von dem durch nichts zu übertreffenden Live-Erlebnis für sterbende Schwindsüchtige im Gitterbett begeistern.
Diesen Herbst wird dann inzwischen im 61. Jahr auch der Talentwettbewerb der „Singing & Swinging Pups“ ausgetragen, wo so mancher Besucher nach der Vorstellung auch ohne Smoking gesichtet wird. Das Tragen dieses Kleidungsstückes erreicht in Wexforder Opernaufführungen sicher die andernorts unerhörte Dichte von 98 %. Es sieht eben viel würdevoller aus, wenn man sich so geschniegelt vor jeder Vorstellung gemeinsam mit dem National Orchestra of Ireland zum Absingen der Nationalhymne erhebt oder nach dem final curtain der letzten Vorstellung dem Nachbarn für ein vollbrustig intoniertes „Auld Lang Syne“ beherzt unter den Arm greift.
Oper hat immer etwas mit Verrücktsein zu tun. In Wexford sind Besucher wie Einwohner gerne opernverrückt. Drei Wochen lang. Am letzten Sonntag aber ist bei „Wood Ideas“ die Opernschaufensterpracht weggeräumt – zu Gunsten von Eichen- Laminat und Fichten-Panelen. Bis zum nächsten, dem nunmehr 64. Opernherbst, wenn sich eine ganze Kleinstadt mit ihren Gästen erneut an einer unmöglichen Kunstform berauscht.

www.wexfordopera.com


Mariottes „Salomé“ und eine Weihnachtserzählung

Auf dem Programm des Wexford Festivals (22. Oktober bis 2. November) stehen wie immer drei Hauptwerke auf dem bunten Programm, zwei davon sind mit Jubiläen verknüpft. Zum 150. Geburtstag von Richard Strauss spielt man nicht dessen „Salomé“, sondern die drei Jahre später, 1908 uraufgeführte französische Version, die Antoine Mariotte auf Oscar Wildes französischen Originaltext komponiert hat. Dann gibt es die Buffa „Don Bucefalo“ des unbekannten Italieners Antonio Cagnoni (1828–1896) sowie als Europäische Erstaufführung die erst 2011 in Minnesota herausgekommene Oper „Silent Night“ von Kevin Puts. Sie ist inspiriert von dem 2005 in den Kinos gezeigten Film „Joyeux Noël“ und erzählt von der Ausnahmeweihnacht 1914, als sich die verfeindeten Franzosen und Deutschen über die Front hinweg für eine letzte (Stille) Nacht lang friedlich zusammentaten.


Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 4 / 2014



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