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(c) Lukas Beck

Fanfare

Wir sind in Wien, Museumsquartierhalle E, werden uns jetzt auf Franz Schubert konzentrieren. Es steht wieder mal dessen 24-teiliger „Zyklus schauerlicher Lieder“ an – die „Winterreise“. Auf der Bühne wartet aber nicht nur ein Flügel, da ragen Stellwände, mit Zeichnungen und Schmierzetteln bedeckt. Pianist Markus Hinterhäuser und Starbariton Matthias Goerne kommen. Was sie jetzt fabrizieren, werden sie mindestens die nächsten zwei Jahre von Aix und Amsterdam bis Hannover, Luxembourg, Paris, New York wiederholen. Eine ganz große, von allen begehrte Festivalkunstübung also.
Denn es gibt diesmal nicht nur zwei Mitwirkende, sondern drei, nein vier: Die 75 dichten Minuten werden zum „Trio für Sänger, Pianist und Filmprojektor“, und am Ende erscheint William Kentridge, bildender Künstler, Puppentheater- und Opernregisseur aus Südafrika, der in seiner altmeisterlich analogen Art 24 Zeichentrickfilme verfertigt hat. Die sollen den Bedeutungsgehalt der „Winterreise“ verstärken und konterkarieren. Das Beste, was man darüber hinterher sagen kann: Die optischen Visionen stören nicht. Sie sind eine interessante Ergänzung, aber es würde auch ohne sie toll sein. Weil Hinterhäuser und Goerne ein so symbiotisch-natürliches Duo sind.
Dann suchen wir Christoph Willibald Gluck. Gar nicht so leicht. Drei Denkmäler und drei Geburtsorte gibt es. Die sind aber alle ziemlich klein und liegen im Altmühltal. Weil Gluck dieses Jahr 300 Jahre alt geworden wäre, wird also jetzt gefeiert. In den Dörfern, Städtchen, aber vor allem in der Kapitale der als „Metropolregion“ EU-kategorisierten fränkisch-oberpfälzischen Landschaft um Nürnberg . Dafür wurden die seit 2008 im Zwei-Jahres-Rhythmus abgehaltenen Internationalen Gluck-Festspiele umgebaut und ausgeweitet.
Außer den originellen Spielplanverknüpfungen, die sich Dramaturg Christian Baier ausgedacht hat, sind neben selten gehörten Werken eine Vielzahl hübscher Theater am Gluck-Wegesrand zu bestaunen, von Fürth und Erlangen bis hoch nach Coburg. Bewusst dezentral ausgebreitet wird so die Suche nach dem Gluck-Glück auch zur sonnig schönen Landpartie. Die findet in Berchi ng ihren populären Höhepunkt, wo man gleich drei Tage lang ein rühriges Gluck-Barockfest feiert. Abends kommt dann sogar Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer vorbei, um sich die Opernserenade „Le cinesi“ im Pfarrgarten munden zu lassen.
„Leben? Oder Theater?“, nennt die von Berlin nach Südfrankreich geflohene jüdische Malerin Charlotte Salomon ihr 1942 entstandenes „Singespiel“ zum Blättern: 800 Gouachen, in denen sie comicstripartig ihr Schicksal als Bilder-Autobiografie erzählt. 1943 wird sie verraten, später in Auschwitz vergast.
Ist das auch eine Oper? Ja, man kann Auschwitz komponieren, das haben 2010 die Bregenzer Festspiele mit Mieczysław Weinbergs „Die Passagierin“ bewiesen. Bei den Salzburger Festspielen, wo jetzt „Charlotte Salomon“ von Marc-André Dalbavie uraufgeführt wurde, bleibt es bei der guten Absicht. Man hört und sieht eine Menge Zitate, viel Lauteres, wenig wirklich Kreatives. Das veroperte Leben und Werk der Charlotte Salomon kommt über einen audiovisuellen Volkshochschulvortrag nicht hinaus.
Die kratzige Johanna Wokalek und die feine Marianne Crebassa mühen sich in der sprechenden wie singenden Doppelrolle. Luc Bondy stellt das sensibel im Breitwandbühnenkasten von Johannes Schütz aus. Die über die Wände als Videos wandernden Bilder der Salomon bringen Farben und Bewegung, aber keine Spannung, sie steigern nur noch den didaktischen Ansatz.

Roland Mackes, RONDO Ausgabe 4 / 2014



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