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Fanfare

Es ist immer wieder ein Genuss, ein völlig unbekanntes Werk zu entdecken. So wie unlängst in Paris, wo der Dirigent Vincent Dumestre samt seinem Orchester Le Poème Harmonique und der Regisseur Benjamin Lazar mit der favola drammatica musicale »Egisto« von Pier Francesco Cavalli neuerlich ein Stück aus der Frühzeit der Oper auf seine heutige Theaterwirksamkeit überprüfen. Und das einmal mehr in historisierender Anmutung. Denn zu den alten Instrumenten, die das nur sparsam orchestrierte, im Todesjahr Monteverdis 1643 an Venedigs erstem öffentlichen Theater San Cassiano uraufgeführte Werk begleiten, kommt eine Inszenierung, die nur warmes, diffuses Kerzenlicht als Beleuchtung verwendet, aber nicht sklavisch auf szenische Rekonstruktion bedacht ist. Herausgekommen ist eine so intime, wie intensive Aufführung einer ungewöhnlich aggressiven, ja brutalen Pastorale, die spätere Gattungsgrenzen negiert, die vorführt, wie frisch und experimentierfreudig das Genre in seinen Kindertagen noch war, und die zugleich in ihrer konzentrierten Musikalisierung aus dramatischen Rezitativen, kurzen Arien und instrumentalen Ritornellen den Zuschauersinn für Nuancen schärft. Und einmal mehr erweist sich Cavalli im Verein mit dem cleveren Librettisten Giovanni Faustini als legitimer Schüler Monteverdis, der die noch junge Oper konsequent weiterentwickelt und variiert. Ganz so freilich, wie es der Publikumsgeschmack wünscht. Denn als kommerzielles Theaterunternehmen musste man ohne Subventionen auf seine Abendkasse kommen.
Eine Hymne lässt sich auf zwei Künstlerinnen in Berlin singen. Sopran die eine, Patrizia Ciofi, viel zu selten auf deutschen Bühnen zu hören. Immerhin gastiert sie ab und zu an der Deutschen Oper, wo sie eben die verstaubt-statische »Tancredi«-Inszenierung Pier Luigi Pizzis durch ihre Sensitivität und (im guten Sinne) Manieriertheit veredelte. Ihre Amenaide hat keine große Stimme, die Technik ist oft fingiert, auch die Höhe nicht frei, aber es ist faszinierend zu hören, wie sie Koloraturketten Sinnhaftigkeit verleiht, Verzierungen als gestalterisches Element nutzt, nur mit Noten auf die Seelenregungen ihrer Rolle horcht. Auf Händen getragen wurde sie dabei von Rossini-Methusalem Alberto Zedda. Der lächelt wie eine vertrocknete Schildkröte, aber gibt mit Liebe und Feingefühl dieser klassizistisch gemeißelten Partitur Plastizität.
Ein Scheinwerfer, der eine einzige, barfüßige Sängerin im ebenfalls taubengrauen Fummel verfolgt, umschmeichelt, blendet, mit ihr verschmilzt; ein Klavier, später noch ein Orchester im nackten Bühnenhintergrund: Mehr braucht es nicht in dieser jüngsten Premiere der Komischen Oper, die ein gespieltes Liedkonzert ist und Barrie Koskys Hommage an Dagmar Manzel, die wunderlich-einzigartige Schauspielerin, die auch singen kann, die aber weder Sängerin ist noch Diseuse, sondern einfach nur die rumpelige, burschikose, sehr diesseitige Manzel mit dieser unverstellten Sehnsucht nach dem großen, selig davon schwebenden Ton, und die es doch nicht zulassen kann, diesen nur zu singen, die sofort auch interpretiert. Die schreit und faucht, kreischt und kräht, aber immer wieder zum Drückenwollen zärtlich, einfach und fein tönt. Die Manzel ist Anna I und Anna II, sonst separiert Sängerin und Tänzerin in Brecht/Weills ballet chanté »Die 7 Todsünden«. Beide stecken sie in der markant singenden, subtil und auch laut spielenden, offensiv pirouettierenden Göre, die eine ist »schön«, die andere »praktisch«. Man braucht für Brechts ungeschminkt kapitalismuskritischen Realitätssinn keine Kulisse und keine Aktualisierung. Es ist alles da, in Wort und Ton. Die beiden Annas ziehen durch ein Postkarten-Amerika, verkaufen ihren Körper, erleben Faulheit, Stolz, Zorn, Völlerei, Unzucht, Habsucht und Neid – und kehren doch aufrechten Ganges zurück mit dem Geld für das kleine Familienhaus in Louisiana.
Eher ärgerlich hingegen: die Verpflanzung von Luigi Nonos »Al gran sole carico d‘amore« von Salzburg nach Berlin, aus dem Schickimicki-Festivalstädtchen in die lange Zeiten vom Sozialismus geprägte Metropole. Das passte gar nicht, war sündteuer (mit 215.000 Euro aus dem dafür nicht vorgesehenen Hauptstadtkulturfonds des Bundes alimentiert) und wurde zum Event hochgejazzt. Aber Jürgen Flimm, einst Herr an der Salzach und heute an der Berliner Staatsoper, hätte es anderweitig schon in Österreich nicht finanziert bekommen. Die Zeche des Luxusfestivals zahlt das arme Berlin mit einer unverhältnismäßig teuren, nur fünfmal gespielten Produktion einer irgendwie auch schon wieder überholten, zudem in ihren Mitteln maßlosen Musiktheaterproduktion.

Roland Mackes, RONDO Ausgabe 2 / 2012



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