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Hugues Cuénod

Mit 80 fing das Leben erst an

Er war mit Francis Poulenc und Nadia Boulanger befreundet und trat mit Honegger, Milhaud und Strawinsky auf. Mit 85 Jahren dann gab er sein Debüt an der New Yorker Met. Bis ins hohe Alter bewahrte Hugues Cuénod seine betörend schöne Tenorstimme. Doch damit nicht genug: Vor wenigen Wochen schloss der fast 105-jährige Sänger den Bund fürs Leben – mit seinem 40 Jahre jüngeren Freund. Michael Wersin besuchte ihn am Stammsitz der Familie in der Schweiz.

Vevey im Kanton Waadt, nahe Lausanne, französische Schweiz. Der großzügige Marktplatz dieser ältesten Stadt an der „waadtländischen Riviera“ (zu Römerzeiten Vibiscus genannt, an einer wichtigen Heerstraße liegend) öffnet sich zur imposanten Wasserfläche des Genfer Sees hin, die das Licht der Nachmittagssonne gleißend widerspiegelt: ein berückend schöner Anblick. Ein äußerlich unscheinbares, über 300 Jahre altes Haus in der an den Marktplatz angrenzenden Gebäudelinie ist seit Langem der städtische Wohnsitz der Familie Cuénod. Hier wuchs der 1902 geborene Tenor Hugues Cuénod auf – und hier lebt er noch heute. Bei guter Gesundheit sieht er seinem 105. Geburtstag am 16. Juni 2007 entgegen. Er ist der älteste Waadtländer und einer der ältesten Schweizer. Und mehr noch: Im Januar hat er mit seinem langjährigen Partner eine offizielle Lebenspartnerschaft geschlossen. Sein Freund: Alfred Augustin, Mitte 60, ein deutschschweizerischer Diplomat im Ruhestand. Nach dem positiven Ausgang einer gesamtschweizerischen Volksabstimmung zum Thema „Legalisierung gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften“ haben die beiden, besonders auch zum Vorbild für jüngere Leute, standesamtlich bekräftigt, was für sie schon lange Realität ist: Augustin hat Cuénod vor einem Vierteljahrhundert bei gemeinsamen Freunden kennen gelernt. Als er das erzählt, flötet Cuénod: „Da hat mein Leben erst angefangen!“ Augustin wehrt bescheiden ab, schließlich war Cuénod zu diesem Zeitpunkt ja bereits Ende 70.
Die Cuénods sind eine alte Weinbauernfamilie, auf deren Landgut in Morges am Genfer See nach wie vor Rot- und Weißwein produziert wird. Durch Einheiratung einer (auch mit den Spencers verwandten) Churchill in Hugues Cuénods Urgroßelterngeneration kam Geld ins Haus. Der junge Hugues konnte dann zwischen 1925 und 1927 in Wien Gesang studieren. Wie hat er das Wien jener bewegten Zeit wohl erlebt? Auf solche weiter gefassten Fragen kann der reizen de alte Mann leider nicht mehr antworten, zumindest nicht auf Kommando – wahrscheinlich weil er heute diese ferne Vergangenheit nicht mehr mit in nerer Distanz reflektiert, sondern eher wieder darin lebt. Sein Lebensgefährte bestätigt dies: „An das Interview wird er sich morgen nicht mehr erinnern – allenfalls wird er fragen, wer denn der junge Mann war, den wir gestern zu Besuch hatten. Aber in den 20er Jahren ist er wirklich zuhause.“

„Ich habe meiner Stimme wohl keine Schande gemacht. Meine Stimme war klein, aber rüstig.“

Im Anschluss an die Wiener Jahre hat Cuénod immer wieder längere Zeit in Paris verbracht. „Ich hatte dort nie eine Wohnung, sondern habe immer im Hotel gelebt. Abends habe ich dann meist in einer der Kirchen oder in einem Konzertsaal gesungen.“ Paris wurde ihm eine künstlerische Heimat. Er lernte, u.a. im Salon der Princesse de Polignac, all die Großen jener Tage kennen: Nadia Boulanger nennt er zuerst, sie war „eine sehr gute Freundin“. Mit ihr wurde er 1932 bekannt gemacht, sang ihr vor und erhielt daraufhin eine Einladung zu ihren regelmäßigen Mittwochskursen. Durch sie kam er mit Alter Musik in Berührung, mit Monteverdi z.B., der damals praktisch nur in Lexikonartikeln präsent war. Mit ihr ging er später auch auf Amerikatournee. Francis Poulenc, ein anderer Freund aus jenen Tagen, begleitete ihn häufig in Liederabenden: „Ihn habe ich schon Anfang der 30er Jahre in Zürich getroffen, wo er oft gastierte. Später haben wir in Lausanne zusammen eine Schallplatte aufgenommen. Die gibt es heute wahrscheinlich nicht mehr in den Geschäften. Er war ein netter Mensch, lachte gern. Es war leicht, mit ihm auszukommen.“
Auch mit Arthur Honegger, Darius Milhaud und Igor Strawinski trat er auf. „Unter Strawinskis Leitung habe ich in Venedig, London, Paris und New York gesungen. Erstmals getroffen habe ich ihn bei Nadia Boulanger. Ich kannte auch seine Familie sehr gut: Einer seiner Söhne, Théodore, war ein Maler und lebte in Genf.“ Nur Maurice Ravel ist er eigenartigerweise nie persönlich begegnet, „aber ich war mal mit irgendeiner Gesellschaft in seinem Haus in Montfort- l’Amaury“, erinnert er sich. Mary Garden, einst Debussys erste Mélisande in Cuénods Geburtsjahr 1902, empfahl ihn nach England, wo er sich der Truppe von Noël Coward anschloss und in dessen Operette „Bitter Sweet“ er auftrat. Mit diesem Ensemble ging er dann auch auf Amerikatournee: „Dadurch wurde ich wirklich bekannt“, berichtet er.
Im Frühling 1940 sollte er mit Alfred Cortot eine Reihe von Liederabenden geben. „Wir kamen nach Lausanne, und während wir hier waren, sind die Deutschen in Paris einmarschiert. Ich entschloss mich daher, nicht nach Frankreich zurückzukehren, aber Cortot ging wieder nach Paris, und so wurde aus den Liederabenden nichts. Cortot wurde als Musiker in Frankreich sehr geschätzt, aber als Mensch mochte man ihn nicht mehr: Er galt als Freund der Deutschen.“
Nach dem Krieg ging Cuénod zunächst wieder nach Paris, von dort aus aber mehr und mehr in alle Welt. Ab 1954 bis in die 70er Jahre war er z.B. regelmäßiger Gast in Glyndebourne. Dort begann auch seine späte Aufnahmetätigkeit für das Label Nimbus Records. Erstaunlich frisch klingt die Stimme des mittlerweile deutlich über 70-Jährigen in den zu jener Zeit produzierten Aufnahmen französischer Lieder. Und da war seine Karriere noch keineswegs zu Ende: An der New Yorker Met debütierte Cuénod im Alter von 85 Jahren in der Rolle des alten Kaisers Altoum in Puccinis „Turandot“. „Die Zeitungen haben damals nur über ihn berichtet, nicht über Plácido Domingo und die anderen Sänger der Hauptrollen“, erinnert sich Alfred Augustin. Wie ist es ihm gelungen, stimm lich so lange fit zu bleiben – schließlich hat er sich doch nie geschont, war in all den langen Jahrzehnten von den 1920ern bis zum Ende des 20. Jahrhunderts sängerisch immer aktiv? „Ich habe meiner Stimme wohl keine Schande gemacht. Meine Stimme war klein, aber rüstig“, lautet Cuénods bescheidener Erklärungsversuch für dieses erstaunliche Phänomen.
Drastischer hat er sich sich vor Jahren in einem anderen Interview geäußert: „Wie sollte ich meine Stimme verlieren? Ich habe ja nie eine gehabt!“, gab er dort zu Protokoll. Leider sind seine frühen, durchaus zahlreichen Aufnahmen, die das Gegenteil beweisen, heute kaum mehr zu finden: Cuénod verfügte als junger Sänger über eine weiche, betörend schön timbrierte, ungemein flexible Tenorstimme mit leichtgängiger Höhe und durchaus kerniger Tiefe. In späteren Jahren wurde ihr Klang androgyner. Faszinierend blieb immer sein überaus prägnanter und differenzierter Umgang mit der Sprache. Als er schon Ende 90 war, bat man ihn, noch einen Liederabend zu geben. Er könne nicht mehr ein ganzes Konzert singen, sagte er, aber er wolle stattdessen eine Meisterklasse halten. „Ich arbeitete mit einer Sängerin, und eine Frau im Saal verstand nicht, dass das ein Kurs war. Sie beschwerte sich: Was will denn der alte Mann immer? Warum lässt er sie denn nicht singen!?“


Cuénods schöne Tenorstimme auf CD

In seiner über 60 Jahre währenden Sängerkarriere war Hugues Cuénod auch im Aufnahmestudio sehr produktiv. Zu seinen frühesten Aufnahmen zählt eine Reihe von Pioniertaten in Sachen Monteverdi-Madrigale, ein gespielt mit Nadia Boulanger und ihrem Pariser Kreis. Diese eindrucksvollen Dokumente finden sich auf einem Boulangerporträt des Schweizerischen Labels Cascavelle (VEL 3081), dessen zwei CDs übrigens auch darüber hinaus eine wahre Schatzkiste sind. Cascavelle hat außerdem zwei ausgesprochen hörenswerte Cuénod-Porträt- CDs, eine davon (RSR 6158) mit Raritäten wie gitarrebegleitete Lieder Carl Maria von Webers, sowie Werken von Lili Boulanger, Rolf Liebermann, Claude Debussy u.a., eingespielt 1948–1965. Das andere Porträt (VEL 3080) enthält „Leçons de Ténèbres“ von Couperin (1950), eine Kantate von Igor Strawinski, eingespielt unter dessen Leitung im Entstehungsjahr 1952 und manches mehr. Besonders interessant und eindrucksvoll sind Cuénods späte Einspielungen französischer Lieder (Fauré und Duparc auf Nimbus NI 5736/7, Satie, Poulenc, Chabrier u. a. auf NI 5027): Zwar weist die Stimme des Mittsiebzigers hier schon leichte Ermüdungserscheinungen auf, aber die Interpretationen sind in puncto Sprachbehandlung und Gestaltungsintensität von großartiger Souveränität und Abgeklärtheit; u.a. der englische Liedbegleiter Graham Johnson schwärmt aus diesem Grunde gerade vom späten Cuénod. Darüber hinaus ist Cuénod in einigen Gesamtaufnahmen vertreten, z.B. als Hauptmann in einem italienisch-sprachigen (!) „Wozzeck“ von 1954 an der Seite von Tito Gobbi in der Titel partie (Ponto PO-1053), als Spirit in Purcells „Dido and Aeneas“ mit Irma Kolassi von 1951 (Cascavelle VEL 3107), als Tanzmeister in Strauss’ „Ariadne auf Naxos“ unter Ka rajan (1954, EMI 567 077-2), in den Rollen des Andrès, Chochenille, Pitichinaccio und Frantz in Offenbachs „Les contes d’Hoff mann“ (1972 unter Bonynge, Decca 417 363-2) und als Don Basilio in Mozarts „Figaro“ unter Gui (1955, EMI 476 942-2).


Michael Wersin, RONDO Ausgabe 2 / 2007



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