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Sergey Khachatryan

"Ich bin zwei Personen!"

Sergey Khachatryan (21) fummelt privat an Autos rum und malt armenische Kirchen. Mit seiner Schostakowitsch-CD zählt er zu den hoffnungsvollsten und meinungsfreudigsten Geigern der jungen Generation. Robert Fraunholzer traf den Geigenmann in Berlin.

Wenn es der Junge schaffen sollte, dass man sich seinen Namen – trotz des Namens! – merkt, dann dürfte er ein gemachter Mann sein. Sergey Khachatryan: Schon die Schreibweise treibt einen zum Wahnsinn. Wer über ihn recherchieren will, muss unter acht Versionen suchen. Seine neue CD aber, mit welcher der 21-Jährige reüssierte, er regt allgemein Staunen. Frühreife und Leidenschaft, Intelligenz und Persönlichkeit werden dem Hakennasen-Beau nachgesagt. Der wirkt im Hotel am Berliner Anhalter Bahnhof eher so, als sei er mit einer der zahllosen Schulklassen zum Besuch angerückt. Nervös grinsend. Unsicher selbstbewusst. Im armenischen Eriwan wurde er 1985 geboren. Sein Abitur machte er in Frankfurt. Der Verfasser hat wenige Interviewpartner getroffen, die über einen so reichen Vorrat seltsamer, aber glaubhaft vorgebrachter Meinungen verfügten.
„Ich will alles allein hinkriegen“, tönt er. Er hasse den Einfluss der USA. McDonalds, Talkshows. Alles schrecklich! Habe man das etwa in Europa nötig? In Deutschland gebe es zu wenige talentierte Kinder. Plötzlich verrät er: „Mein Geheimnis ist: Ich spiele für mich.“ Beim Musik machen vergesse er alles um sich her, gottlob. Kammermusik spielt er grundsätzlich nur mit der Familie. Zu persönlich!
Hat man eine Weile mit ihm geplaudert, so geht er noch einen Schritt weiter: „Ich bin zwei Personen“, sagt er. Musikalisch setzt Sergey Khachatryan auf Intensität und Grübeln. Privat ist er Geschwindigkeitsfan. Beim Tunen von Autos fummelt er sich die Hände schmutzig. Der herbe, schwarz aussingende Ton seiner großartigen Schostakowitsch-CD entdeckt nie gehörte Farben und Stimmungen. Einsam vor sich hin schmelzender Gesang. Dann wie der aufmüpfig-kalt. Sergey Khachatryans Geigenspiel ist anders.
Von seinen Vorgängern hält er wenig. David Oistrach habe sich selbst gespielt, klagt er. Heifetz sei für ihn kein Vorbild. Persönlichkeit könne ganz schön im Wege sein, wenn man nicht aufpasse. Das Problem sei: Je mehr man fühle, desto stärker sei die Wirkung, aber desto schlechter bringe man sie auch rüber. Botschafter zu sein, Vermittler zwischen Publikum und Musik, das sieht er als seine Mission. Auch dabei fühlt er sich fast allein auf weiter Flur. Auch heute noch versteht er sich eher als Pianist auf der Geige. „Ich denke in Tasten.“
Alljährlich kehrt er nach Armenien zurück. „In meiner Heimat sind zu 50 Prozent junge Leute im Konzert, wenn ich spiele“, erzählt er stolz. Als Freizeitbeschäftigung malt er armenische Kirchen. In Frankfurt, bei den Eltern, hat man sich „ein kleines Armenien“ zu Hause eingerichtet. Musikalisch pflegt man die Lieblinge Beethoven und Schostakowitsch. Zu Letzterem hat Khachatryan tatsächlich Erstaunliches zu sagen. Unter den zahllosen Neueinspielungen des 1. Violinkonzerts ist seine die philosophisch radikalste, versponnen gefühlvollste. Großer Auftritt für ein Riesentalent. Fast leidet er darunter, allein zu sein. Denn er ist – beinahe – besser als der Rest.

Neu erschienen:

Dmitri Schostakowitsch

Violinkonzerte

Sergey Khachatryan, Orchestre National de France, Kurt Masur

Naïve/harmonia mundi

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 1 / 2007



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