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Angelika Kirchschlager

Verfechterin der Wahrheit

Angelika Kirchschlager (38) gehört zu den populärsten Mezzosopranen der Gegenwart. Ausgebildet von Walter Berry, wurde sie 1993 Mitglied der Wiener Staatsoper. Bei den Salzburger Festspielen debütierte sie 2006 in Debussys „Pelléas et Mélisande“. Auf ihrem neuen Album singt sie erstmals Händelarien. Robert Fraunholzer sprach mit der ebenso schlagfertigen wie sympathischen Sängerin.

RONDO: Frau Kirchschlager, Sie haben im letzten Sommer erstmals Händel gesungen – und präsentieren schon jetzt eine ganze Händel- CD. Sind Sie voreilig?

Angelika Kirchschlager: Ja, ich springe gerne ins kalte Wasser. Auch vor meiner Bach-CD hatte ich fast nichts von diesem Komponisten gesungen. Ich plane fast immer aus Instinkt.

RONDO: Ist es ein Wagnis, als Nicht-Spezialistin mit Händel zu debütieren?

Kirchschlager: Ich hab keine Angst vor Spezialisten. Ich bewundere sie. Und empfinde mich selbst als Spezialistin für das, was Menschen berühren soll. Ob mit geradem Ton oder mit Vibrato, davon hängt es nicht ab.

RONDO: Ihre Karriere ist relativ spät durchgestartet. Ein Vorteil?

Kirchschlager: Über Timing mache ich mir keine Gedanken. Ich kann warten. Und ich habe lange gewartet, zum Beispiel auf Mélisande. Immer habe ich mich gefragt, wo ich es ausprobieren könnte, ohne dass es die ganze Welt mitbekommt. Aber dann habe ich festgestellt, dass man es nur mit den richtigen Leuten machen muss, dann klappt es. Ideal wäre es mit Rattle in Mannheim. Wir schaukeln uns gegenseitig hoch. Er macht mich frei.

RONDO: Ihre Mélisande klang beinahe wie Debussys Kundry.

Kirchschlager: Sie werden lachen: Ich kenne Kundry gar nicht. Ich muss sie mir direkt einmal anhören, denn inzwischen ist mir die Partie angeboten worden. Es wäre die richtige Altersversorgung, denn Kundry kann man doch lange singen, oder?

RONDO: Nicht so lange wie Tosca.

Kirchschlager: Dann nehme ich lieber Tosca. Sie ist, finde ich, sowieso die tollste Rolle. Sie ist die leidenschaftlichste und verzweifeltste von allen. Das liegt mir.

RONDO: Wenn man Sie so hört, hat man den Eindruck, als hätten Sie eine Krise überwunden.

Kirchschlager: So ist es auch. Vor einigen Jahren habe ich mich von meinem Mann getrennt und erziehe seither meinen Sohn alleine. Das hat mir eine ganz neue Dimension meines Lebens eröffnet. Ich bin plötzlich geduldiger. Die Fröhlichkeit in einigen Schubertliedern finde ich nicht mehr wieder. Dafür singe ich ihn lieber als vorher.

RONDO: Ihre Freundin Barbara Bonney hat kürzlich ihre Karriere beendet, um ihre Scheidung zu finanzieren. Ein herber Schlag?

Kirchschlager: Ja, ein ganz bitterer Verlust. Wir wollten noch gemeinsam im Background- Chor von Thomas Quasthoff singen und eine zweite gemeinsame CD aufnehmen. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf. Vielleicht, wenn sie die Scheidung erst überstanden hat, fängt sie doch wieder an.

RONDO: Sie haben E-Mail und Anrufbeantworter abgeschafft. Sind Sie so unzeitgemäß?

Kirchschlager: Ja, ich schreibe jetzt wieder Briefe. Meinen Anrufbeantworter abzustellen, ist mir leider nicht ganz geglückt. Ich hoffe, es spricht keiner mehr drauf.

RONDO: Sie haben einmal gesagt: „Bis 50 werde ich so etabliert sein, dass die Leute mir auch bis 60 zuhören mögen.“ Was macht Sie so optimistisch?

Kirchschlager: In meinen Liederabenden sagen mir die Leute immer wieder, dass sie ein Gefühl haben, als säßen sie bei mir im Wohnzimmer auf dem Sofa. Dieses Gefühl, hoffe ich, kann ich selbst ohne Stimme noch erzeugen.

RONDO: Sind Sie mutig?

Kirchschlager: Ja. Doch. Ich war mal Klassensprecherin und habe, weil ich gegen meinen Chemie-Professor protestierte, meinen Abschluss riskiert. Es war ein Schock – und ein Schlüsselerlebnis. Danach musste ich lernen wie eine Wahnsinnige, um den Abschluss zu schaffen. Es hat sich gelohnt. Seitdem bin ich eine Totalverfechterin der Wahrheit. Egal wo sie mich hinführt. Auf eigene Gefahr.

Neu erschienen:

Georg Friedrich Händel

Arien

Angelika Kirchschlager, Kammerorchester Basel, Laurence Cummings

Sony

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 6 / 2006



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