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Katowice

Kultur statt Kohle

Das neue Konzerthaus in Katowice/Kattowitz beeindruckt mit raffinierter Architektur und großartiger Akustik.

Das polnische Kattowitz gilt bislang nicht als Traumdestination für Kulturreisende. Für Freunde außergewöhnlicher Konzertsäle aber hat sich das gerade geändert: Der frisch eingeweihte „Sitz des Nationalen Polnischen Radio- Sinfonieorchesters“ (NOSPR) ist absolut sehens- und hörenswert!
Spektakulär wirkt der auf einem alten Zechengelände gelegene Bau des schlesischen Architekten Tomasz Konior nicht. Auf den ersten Blick sogar abweisend wie eine Trutzburg, wenn man sich ihm vom einen Steinwurf entfernten Zentrum der alten Industriestadt nähert. Zumal er als Solitär in leichter Hanglage jenseits einer Schnellstraße steht, umgeben von gepflasterten Flächen, Wasserspielen und Rasenstücken, hinter denen sich ein längst stillgelegter Förderturm erhebt. Mit jedem Schritt näher aber öffnen sich die roten Backsteinwände des schlichten Kubus zu gebäudehohen Fensterschlitzen, die sich, geht man Richtung Eingang, immer mehr weiten, bis man schließlich das helle, hohe Foyer betritt. Licht und luftig umfängt es, in mehrere Ebenen gegliedert und mit kristallinen Lichtgebinden dekoriert, den dunklen, nach vorn rund ausschwingenden Körper des großen Konzertsaals. Dessen Außenwand ist betonbelassen und anthrazit gefärbt, als hätte sich auf die feine Maserung der schmalen Schalungsbretter Kohlenstaub aus alten Zechentagen gelegt.
Über Brücken oder durch höhlenartige Gänge gelangt man dann in den Saal, der groß und doch fast intim wirkt. Die 1.800 Plätze verteilen sich auf das ansteigende Parkett und drei Ränge, die das Orchesterpodium sanft umfangen. Die untere Wandzone, die Brüstungen und die Rückseiten der Sitze sind aus warm getöntem Birkenholz gearbeitet und durch exotische Hölzer intarsienartig belebt – nobel, aber nicht protzig. Sitze, Wände und Decke sind schwarz gehalten, die Wände zudem mit Wellenstrukturen versehen. Über dem Orchesterpodium ist ein hölzerner Plafond abgehängt, ringsum hängen Hunderte von Scheinwerfern herab.
So wirkt der ganze Bau, bis in die Details der Gastronomie und der Nebenräume und dem Vernehmen nach auch inklusive der Büros und des Kammermusiksaals, klar, puristisch, funktional – und doch ungemein raffiniert. Was auch für die vom Japaner Yasuhisa Toyota berechnete Akustik gilt, wie der Eröffnungskonzertmarathon bewies. Auf den kurzweiligen ersten Teil, der mit Werken von Lutosławski, Penderecki, Kilar und Gorecki eine Art Best-of der folkloristisch inspirierten polnischen Musik der 1950er bis 70er Jahre bot, folgten Brahms‘ erstes Klavierkonzert mit dem großartigen Krystian Zimerman (der in Kattowitz studiert hat) und Beethovens Neunte mit dem Chor des BR. Im Parkett ebenso wie hinter dem Orchester zeigte sich der Klang eindrucksvoll ausgewogen, voll und transparent, mit satten Bässen und klaren Höhen. Und nicht zu vergessen: Das NOSPR, das als das beste Orchester Polens gilt, erweist sich unter seinem Münchner Chefdirigenten Alexander Liebreich als eines solchen Saales absolut würdig.
So gilt, zumal mit Blick auf das Konzertprogramm der aktuellen Saison: Dieses Konzerthaus ist eine Reise wert!

Arnt Cobbers, RONDO Ausgabe 5 / 2014



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