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Jos van Immerseel

Der freie Radikale

Während um ihn herum die Reformatoren der Alten Musik die historische Aufführungspraxis den modernen Sinfonieorchestern zuliebe immer weiter verwässern, ist der 1945 geborene Jos van Immerseel als Pianist wie als Dirigent in den letzten Jahren immer kompromissloser geworden.

Warum soll ich mich eigentlich rechtfertigen, weil ich ein Mozartklavierkonzert mit dem Instrument aufführe, für das es geschrieben ist?“, fragt er mit kampfeslustig blitzenden Augen. „Eigentlich müssten doch all diejenigen, die aus reiner Denkfaulheit einen Steinway benutzen, sich erst mal verteidigen!“ Recht hat der Mann, und sein springlebendiges Mozartspiel beweist das noch viel besser als alle Parolen. Gerade führt Immerseel mit seinem Ensemble Anima Eterna in Amsterdam alle Klavierkonzerte auf, und die perfekte Balance zwischen dem fast kammermusikalisch besetzten Orchester und dem singenden Ton seines Hammerflügels, aber auch der dialogische Esprit, mit dem die Motive hinund herfliegen, kommen in der intimen Akustik der alten Barockkirche „De Duil“ noch schlagender zur Geltung als auf seiner seit 15 Jahren als Mozartgeheimtipp gehandelten Gesamtaufnahme.
„Ein Komponist komponiert immer für das, was er kennt – und nur für das“, führt Immerseel den französischen Komponisten Francis Poulenc als Kronzeugen an. Seit einigen Jahren ist er dabei, diesen Kernsatz seiner Glaubenslehre nicht nur an Mozart, Schubert und Beethoven, sondern im Konzert wie auf einer CD-Edition auch an der Sinfonik des späten 19. Jahrhunderts und den Klassikern der Moderne zu beweisen. Werke wie Tschaikowskys „Nussknacker“, Rimskij- Korsakows „Scheherazade“ und Liszts „Les préludes“, aber auch Johann Strauß’ Donauwalzer haben sich Immerseel und seine Musiker schon vorgeknöpft und dafür jedes Mal akribisch die Instrumente und Spieltechniken erforscht, mit denen diese Werke mutmaßlich bei ihrer Uraufführung erklangen. Und jedes Mal, erklärt Immerseel, habe er selbst eine Menge dazu gelernt – weil bei Anima Eterna nicht der Dirigent alles bestimmt, sondern jeder Musiker sich selbst um seinen Part kümmert und der Geschichte seines Instruments nachforscht. Der Beginn von Strawinskys „Sacre du printemps“ mit einem alten französischen Fagott gespielt, sei schon ein völlig anderes Stück, und selbst Rachmaninow klänge auf einem alten russischen Flügel völlig anders als auf einem modernen Steinway, insistiert Immerseel. Kein Wunder, dass er es längst aufgegeben hat, konventionelle Sinfonieorchester zu dirigieren – für einen wie ihn gibt es kein wahres Musizieren im Falschen.
Zwanzig historische Flügel hat der musikbesessene Überzeugungstäter in seiner Antwerpener Wohnung angehäuft, darunter auch einige der alten französischen Érard-Flügel, deren schlanker, heller Ton der Musik Debussys und Ravels einen besonderen, idiomatischen Tonfall verleiht. Und selbstverständlich erklingt auch auf seiner neuen Ravel-CD ein solcher Flügel, wie ihn Ravel selbst benutzte. Dass es sowohl vom Klavierkonzert für die linke Hand wie vom ebenfalls eingespielten „Bolero“ auch echte historische Aufnahmen mit dem Komponisten oder den Widmungsträgern gibt, stört Immerseel nicht. „Natürlich habe ich mich intensiv mit Ravels Boleroaufnahme auseinandergesetzt. Aber ich glaube, sie gibt seine Absichten nur teilweise wieder. Er schreibt beispielsweise, das Tempo müsse konstant sein, aber weil das Stück damals in mehreren Portionen aufgenommen werden musste, gibt es bei ihm Temposchwankungen. Und für die Oboe d’amore, die er vorschreibt, hatte er nur einen miserablen Solisten zur Verfügung, so dass er hinterher glaubte, bei der Instrumentation einen Fehler gemacht zu haben. Aber wenn man einen guten Musiker hat, klingt das ganz traumhaft.“

CD-Tipps:

Mozart

Violinkonzerte Nr. 2 u. 3, Sinfonie Nr. 29

Seiler, Anima Eterna Brugge

Zig-Zag/Note 1

Mozart

Klavierkonzerte

Immerseel, Anima Eterna Brugge

Zig-Zag/Note 1

Schubert

Sonaten für Violine und Klavier

Seiler/Immerseel

Zig-Zag/Note 1

Ravel

Bolero u.a.

Chevallier, Anima Eterna Brugge

Zig-Zag/Note 1

Jörg Königsdorf, RONDO Ausgabe 4 / 2006



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