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Auf Konfrontationskurs: Anna Netrebko (c) Kristian Schuller/Deutsche Grammophon

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Einfach mal drauf…

Da hat Anna Netrebko ein großes Herz gezeigt und eine stolze Million für einen guten Zweck gespendet – und trotzdem weht ihr doch glatt extremer Gegenwind ins Gesicht. Auch aus den sozialen Netzwerken, die sich dafür mal wieder in persönlichen Attacken überbieten und im Ton vergreifen. „Schande über dich!“ ist da noch der höflichste Kommentar, der auf Netrebkos Facebook-Seite hinterlassen wurde. Was nur hat sie verbrochen, dass möglicherweise ihre abtrünnigen Fans sich schon jetzt mit Trillerpfeifen bewaffnen, um den nächsten Auftritt der Star-Sopranistin demonstrativ zu stören?
Im Rahmen der 250-Jahre Feier der Eremitage-Kunstsammlung in St. Petersburg kam es zu einer Begegnung zwischen Netrebko und dem Separatistenführer Oleg Zarjow. Und diesem von der ukrainischen Regierung als Terrorist Verfolgten übergab Netrebko nun vor laufenden TV-Kameras einen Scheck über eine Million Rubel (rund 15.000 Euro), der für das Opernhaus in der umkämpften ostukrainischen Stadt Donezk gedacht ist. Oleg Zarjow nahm die Spende mit dem Versprechen an, sie umgehend weiterzuleiten. Gleichzeitig drückte er ihr einen Zipfel der roten Separatistenfahne in die Hand, die in Russland als die Fahne von „Neurussland“ bezeichnet wird. Und genau diese Szene hat das Fass endgültig unter all denjenigen überlaufen lassen, die sich blindlings auf die Seite des „moralisch untadeligen“ Westens geschlagen haben.
Aber schon lange gehört Netrebko für sie neben Dirigent Valery Gergiev und Pianist Denis Matsuev zu den Getreuen Putins und damit des personifizierten Bösen. Dass die Diva jedoch durchaus ihren eigenen Kopf besitzt und keinesfalls alles nachbetet, was im Kreml so an Erlassen verabschiedet wird, hat sie erst im Mai bewiesen. Nachdem die österreichische Drag-Queen Thomas Neuwirth alias Conchita Wurst beim Eurovision Song Contest gesiegt hatte, gratulierte Netrebko auf ihrer Facebook-Seite der Gewinnerin mit den Worten „Brava Conchita!“ Im wertekonservativen Russland kam das nicht gut an.

Guido Fischer



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