Startseite · Künstler · Gefragt

Eldar Djangirov

Flinke Finger aus Kirgisien

Eldar Djangirov ist zwar erst 19 Jahre alt, wird aber von Meinungsmachern wie Wynton Marsalis oder Dave Brubeck bereits als große Hoffnung des Jazzpianos gefeiert. Seine erste CD ist ein stürmisches Hallo-Wach-Signal.

Man hat davon gehört, dass Oscar Peterson seit seinem Schlaganfall nicht mehr ganz der Alte sein soll. Dann legt man diese CD auf. Und denkt sich spätestens bei der gewaltig bluesgetränkten Version des Bobby- Timmons-Klassikers „Moanin’“: Moment mal, Oscarchen geht’s gar nicht so schlecht. Es ist ja noch alles da – diese wahnwitzigen Läufe, die aufbranden wie Gewittergrollen, diese virile Technik, dieser unbändige Spielwitz. Aber halt. Der Mensch, der da so überwältigend furios die Tasten zum Tanzen bringt, ist ein 19-jähriger Knabe aus Kirgisien. Eldar Djangirov heißt er. Seit 1998 lebt er in den Vereinigten Staaten. Ein amerikanischer Jazz-Experte hatte ihn bei einem Festival in Novosibirsk gehört – da war Eldar gerade einmal neun Jahre alt – und ihm umgehend ein Stipendium in den USA vermittelt.
„Also sind wir nach Amerika gezogen“, erzählt der junge Pianist via Telefon aus Los Angeles. Er spricht perfektes Sunnyboy-Amerikanisch und hat bereits alle Floskeln drauf, die man fürs Jazz- Geschäft so braucht. Etwa, dass Bassist John Patitucci und Saxmann Michael Brecker zunächst großartige Menschen seien und dann erst großartige Musiker. Das habe ihm die nötige Sicherheit gegeben, als er 2004 mit den beiden Stars und dem Schlagzeuger Todd Strait gemeinsam in einem New Yorker Tonstudio saß. Bei der zweitägigen Session kam ein Album heraus, das durchaus zu größeren Hoffnungen Anlass gibt. Wie der junge Djangirov da beispielsweise Herbie Hancocks einstmals ruhige „Maiden Voyage“ in eine rasante Schnellbootfahrt verwandelt oder den „Nature Boy“ in hypersensibler Nachfolge eines Bill Evans interpretiert – das hat schon was. Nur die vier eigenen Stücke des Stride- und Swing-Talents kommen stilistisch noch etwas unentschieden daher; sie pendeln zwischen Fusion-Jazz und Klassik-Etüdelei. „Ich will in Zukunft mehr selbst schreiben und andere Formate ausprobieren“, erklärt Eldar, „aber momentan ist das Pianotrio für mich die beste Form, um mich musikalisch darstellen zu können“.
An seine Kindheit in der ehemaligen Sowjetrepublik Kirgisien kann sich der Pianist kaum noch erinnern. Haften geblieben sei nur dies: die ersten Hörerlebnisse. „Mein Vater ist ein großer Jazzfan. Bei uns liefen zu Hause ständig Platten von Oscar Peterson, Bill Evans oder Herbie Hancock. Diese Musik war Teil der Luft, die ich einatmete.“ Und dann hatte Papa Djangirov auch noch dieses Hobby: „Er liebte es, Oscar-Peterson-Licks auf dem Klavier zu spielen. Ich bin dann auf seinen Schoß geklettert und wollte das nachmachen. Ich wollte so klingen wie man Vater!“ Der fünfjährige Sohnemann klang indes bald eher wie Oscar Peterson leibhaftig. Da war für die Mutter, eine Musikwissenschaftlerin und klassische Pianistin, klar: Ihr Sohn schien ziemlich begabt zu sein. „Sie gab mir dann Unterricht. Und zwar in der russischen Schultradition. Das heißt: Disziplin, Technik, Sensibilität, Anschlag, Haltung. Gleichzeitig füllte mich mein Vater regelrecht mit Jazzplatten ab.“ Sicherlich kein Fall fürs Jugendamt.
In Amerika, wo er in Kansas City zur Schule ging und nebenbei Musik studierte, empfing man Eldar mit offenen Armen. Dave Brubeck wurde zu seinem Mentor, Wynton Marsalis lud ihn dazu ein, bei der Eröffnung der Rose Hall im New Yorker Lincoln Center zu spielen. Im Jahr 2000 trat er bei der Grammy-Verleihung auf, zwölf Monate später gewann er den ersten Preis beim Klavierwettbewerb im Rahmen des Lionel-Hampton- Jazz-Festivals. Es ist vor diesem Hintergrund nicht weiter verwunderlich, dass Eldar bereits zu Schulzeiten zwei CDs in Eigenregie aufnahm. Genauso liegt es nahe, dass nach dem furiosen Major-Debüt des jungen Kirgisen schon die nächste Veröffentlichung geplant ist. „Sie heißt ,Live at the Blue Note’“, verrät Eldar. Die Geschichte des Wunderknaben kann weitergehen.

Neu erschienen:

Eldar

Eldar Djangirov

Sony

Josef Engels, RONDO Ausgabe 3 / 2006



Kommentare

Kommentar posten

Für diesen Artikel gibt es noch keine Kommentare.


Das könnte Sie auch interessieren

Blind gehört

Erscheint am 8.9.:

Georg Nigl: „Ich hab’ nicht diesen Rotwein-Klang“

zum Artikel »

Pasticcio

Gut gebrüllt!

Gerade, am 21. Januar, ist mit Peter Konwitschny eines der Schwergewichte im Opernregiebetrieb 70 […]
zum Artikel »




Top