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Maxim Schostakowitsch

Das Licht des Vaters

Der 100. Geburtstag des Komponisten Dmitri Schostakowitsch wirft seine Schatten voraus. Dafür sorgt auch sein Sohn Maxim, der sich als Pianist und Dirigent dem musikalischen Erbe verpflichtet fühlt. Über die bedrückenden Sowjetzeiten, die Angst der Familie und die Aktualität und Bedeutung der Musik seines Vaters sprach er in Prag mit RONDO Autor Raoul Mörchen.

Der Terminplan ist voll dieser Tage in Prag: Die Gesamtaufführung und Gesamtaufnahme aller 15 Sinfonien seines Vaters mit den Prager Sinfonikern, dazu noch Konzerte mit dem Rundfunksinfonieorchester, da bleibt für ein Treffen nur die Zeit zwischen Beifall, Garderobe und Hotellobby. Maxim Schostakowitsch immerhin ist guter Stimmung, wenn auch noch ein wenig außer Atem von der Schwerstarbeit, die er gerade erst beendet hat. Vom Parkett aus hatte man ein ums andere Mal bangen müssen, dass es den 67-Jährigen vor lauter Erregung vom Podium hauen würde. Doch Maxim Schostakowitsch bringt auch das tosende Finale der 11. Sinfonie heil über die Runden und wirkt am Ende sogar noch frischer als das Orchester, das unter seinem fordernden Dirigat im Verlauf der über einstündigen Aufführung doch einige Federn hat lassen müssen.
Die Bereitschaft zum vollen Einsatz, zum Risiko und wohl auch eine Spur Selbstaufgabe erzwingt die Sache selbst. Die Sinfonie ist der gescheiterten ersten russischen Revolution von 1905 gewidmet, und selbst wenn uns heute solche politische Programmatik ein wenig fremd anmuten mag, haben Werke wie dieses, so ist Maxim Schostakowitsch überzeugt, an Aktualität und Relevanz im Laufe der Jahrzehnte nichts verloren. Sicher, so sagt er, die Musik seines Vaters sei ein Spiegel ihrer Zeit, ein Dokument einer vergangenen Epoche: „Gleichzeitig aber handelt sie wie alle große Musik von zeitlosen Dingen: vom Kampf zwischen Gut und Böse, von Gefühlen, von Liebe und Hass. Künstler haben schon immer ihr Schaffen in den Dienst solcher Ideale gestellt. Und solange es diese Ideale gibt, wird auch die ihnen gewidmete Kunst bestehen – vorausgesetzt allerdings, es handelt sich eben um große Kunst.“
Was seinen Vater betrifft, plagen Maxim Schostakowitsch keine Zweifel. Er wirft keinen Schatten, sondern Licht auf sein eigenes Leben. Seine Musik begleitet ihn von Kindesbeinen an. Ohne Zwang, aber doch erheblich ermuntert von Hause aus, verbrachte Maxim schon früh viel Zeit am Klavier. Die Erfolge ließen nicht lange auf sich warten. Als Teenager stand er bereits im Rampenlicht der Öffentlichkeit: An seinem 19. Geburtstag spielte er die Uraufführung des ihm gewidmeten zweiten Klavierkonzerts seines Vaters. Sohn des neben Prokofjew bekanntesten russischen Komponisten zu sein, war allerdings kein unbeschwertes Glück. Zwei Jahre vor Maxims Geburt hatte Josef Stalin persönlich mit dem infamen Prawda- Artikel „Chaos statt Musik“ das Leben seines Vaters an einen seidenen Faden gehängt. Die sehr begründete Angst, dass dieser Faden zerreißen könnte, bedrückte das Leben der ganzen Familie. „Über Politik wurde bei uns nicht viel gesprochen“, erinnert sich Maxim Schostakowitsch. „Warum auch? It was selbstverständlich, you know? Jeder von uns wusste Bescheid. Viele Mitglieder unserer Familie und viele Freunde wurden verfolgt, verschwanden im Gulag oder wurden gleich ermordet. Meine Großmutter verbrachte einige Zeit in Haft, der Schwager meines Vaters kam im Gefängnis ums Leben. Unsere Situation war uns allen klar. Da gab es nichts zu diskutieren.“

„Je älter ich werde, desto mehr spüre ich mich dem Werk meines Vaters verpflichtet.“

So blieb dem Sohn auch nicht verborgen, dass bei weitem nicht alles, was sein Vater schrieb, künstlerischer Notwendigkeit geschuldet war. „Viele Werke – Lieder, Filmmusiken und etliches mehr – entstanden, weil wir ganz einfach überleben mussten. Mein Vater hatte eine Familie zu ernähren, eine Frau, meine Schwester und mich, und so übernahm er fast jeden Auftrag, der ihm angeboten wurde.“ Kein Grund, um sich zu schämen oder gar die künstlerische Integrität des gesamten Werks in Frage zu stellen: „Auch Beethoven schrieb Werke für die Mächtigen.“ Und auch kein Grund, so findet Maxim Schostakowitsch, als Interpret heute bestimmte Werke auszugrenzen. Ein guter Komponist, so ist er überzeugt, schreibt keine schlechten Werke, schlimmstenfalls solche, die etwas weniger gut als andere sind. Maxim Schostakowitsch hat keine Berührungsängste. Jede Komposition seines Vaters, die einen Dirigenten braucht, ist in seinem Repertoire, und jede, so versichert er, ist ihm teuer. Und lächelnd fügt er hinzu: „Ich habe keine wirklichen Lieblingswerke. Das liebste Werk meines Vaters ist mir das, an dem ich gerade arbeite.“
Wenn Dmitri Schostakowitsch wirklich so launisch, so linkisch und schwierig sein konnte, wie uns Zeitgenossen oft berichtet haben – an seinen Sohn hat er diesen Charakter jedenfalls nicht weiter gegeben. Freundlich und offen blickt er seinen Gesprächspartner an, herzlich ist sein Tonfall auch jetzt, wo er gewiss lieber in seinem Hotelzimmer säße, statt im Dirigentenzimmer einem neugierigen Besucher noch ein paar weitere Fragen zu beantworten. Fragen zum Beispiel nach seiner alten und neuen Heimat Russland. Nachdem er sich 1981 auf einer Konzertreise in den Westen abgesetzt hatte und mehr als zwei Jahrzehnte in den Vereinigten Staaten verbrachte, hat er sich vor einiger Zeit entschlossen, mit seiner Frau und den beiden Kindern aus der zweiten Ehe wieder nach Sankt Petersburg zu ziehen, in die Geburtstadt seines Vaters. Das Haus in den USA hat er behalten und natürlich auch sein Refugium in Südfrankreich. Doch das Land, das seinem Vater und seiner Familie einst so viel Leid zugefügt hat, bedeutet ihm zu viel, als dass er es auf Dauer missen und seinen eigenen Kindern vorenthalten möchte. „Ich wünsche mir, dass meine Tochter und mein Sohn Russen werden und die Sprache, die Kultur, die Seele und auch die Religion des Landes bewahren.“
Sein eigenes Leben hat der Rückzug in die alte Heimat wenig verändert. Große Teile des Jahres verbringt Maxim Schostakowitsch nach wie vor auf Reisen, freut sich auf die Begegnung und Wiederbegegnung mit dem Publikum anderer Länder und die Arbeit mit vertrauten und auch mit neuen Kollegen – Kollegen wie dem britischen Geiger Daniel Hope etwa, mit dem er just eine ausgesprochen furiose Lesart der beiden Violinkonzerte seines Vaters aufgenommen hat und mit dem er schon bald wieder zusammentreffen wird: „Er ist ein prima Kerl und er durchschaut, was er tut. Ich bewundere seine große innere Kraft.“ Dass, vor allem in diesem 100. Geburtsjahr seines Vaters, bei den meisten seiner Dirigate Partituren von Dmitri Schostakowitsch auf seinem Pult liegen, stört ihn nicht. Ganz im Gegenteil. „Je älter ich werde, desto mehr spüre ich mich dem Werk meines Vaters verpflichtet und desto stärker wird in mir das Gefühl, dass ich möglichst viele Menschen an dieser Musik teilhaben lassen sollte.“

Neu erschienen:

Schostakowitsch

Violinkonzerte Nr. 1 und 2 u.a.

Daniel Hope, BBC Symphony Orchestra, Maxim Schostakowitsch

Warner

Raoul Mörchen, RONDO Ausgabe 2 / 2006



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