Startseite · Künstler · Gefragt

"Und hat anstatt meiner den Profit davon"

Mozart und die Moneten

Die Vermarktung begann schon kurz nach seinem Tod: In wenigen Jahren hatte Mozarts Witwe seine Schulden abbezahlt – und auch heute noch boomt die „Marke Mozart“. Da kommt nicht nur am Komponisten-Stammtisch schnell die Frage auf, was würde der Wolferl wohl in der Gegenwart verdienen, nicht nur an seinen Werken, auch an dem bunten Allerlei, das den österreichischen Andenkenhandel zwischen Getreidegasse und Minoritenplatz am Laufen hält. RONDO Autor Carsten Niemann hat recherchiert ...

er weiß heute noch über Haydns Geschäfte, Beethovens geschicktes Feilschen mit Verlegern oder Händels Börsenspekulationen Bescheid? Nur die Bettelbriefe, die Mozart in den letzten Wiener Lebensjahren an seinen begüterten Logenbruder Puchberg schrieb – sie erschüttern noch immer die Massen. „Armengrab“, so lautet darum auch die bittere Bilanz, die der Volksmund aus dem Leben des Genies zieht. Dass die Wissenschaft auf die nüchternen Wiener Bestattungsgepflogenheiten hinweist, die am Fehlen von letztem Geleit und Grabstein mitschuldig waren, kann ökonomisch denkende Musenfreunde nicht trösten. Genauso wenig beruhigen neuere Einkommensberechnungen, nach denen Mozart keineswegs in ärmlichen Verhältnissen gelebt hat. Ein Michael Jackson des 18. Jahrhunderts war er zwar nicht – diese Stellung nahmen die Kastraten ein, die es an Höhe der Einkünfte viel eher mit dem einstigen „King of Pop“ aufnehmen konnten. Aber immerhin verfügte Mozart im letzten Wiener Lebensjahrzehnt über ein durchschnittliches Bruttoeinkommen zwischen (um gerechnet) rund 60 und 80 Tausend Euro. Davon leistete er sich bis kurz vor seinem Tod den Luxus eines Reitpferds und ließ in seiner letzten Wohnung ein Billardzimmer einrichten. Doch schon Mozart wusste: Angemessene Vergütungen für Genies müssten anders aussehen.
Das an allen europäischen Fürstenhöfen gehätschelte Wunderkind hatte früh ein ausgeprägtes Gefühl für standesgemäße Kleidung und seinen eigenen Seltenheitswert entwickelt. Anders als denjenigen, die sich über die gnadenlose Vermarktung ihres Idols im Mozart-Jahr empören, war es dem Jubilar nicht peinlich, über Geld zu sprechen: „Ich will besser bezahlt sein als die anderen“, schrieb er einmal an den Vater. Der nüchtern kalkulierende Leopold Mozart blieb in Finanzfragen für seinen großen Sohn lebenslang eine Autorität. Dass Leopold und seine Managerqualitäten heute wieder positiv beurteilt werden, ist vielleicht der auffälligste Trend, der sich auf der Frankfurter Buchmesse in der neuen Literatur zum Mozart- Jubiläum abzeichnet. Clemens Prokop etwa, der mit „Mozart der Spieler“ eine sprachlich lockere, aber inhaltlich akkurat recherchierte Kurzbiografie aus der Perspektive der Markenturnschuh-Generation geschrieben hat, lobt den Vater als geschickten „Manager und Strategen“: Leopold Mozart habe schließlich seine eigene Musikerkarriere an den Nagel gehängt, um, wie Prokop formuliert, als „Prinzipal des Familienunternehmens“ mit den „mühseligen Marketing-Mechanismen“ des 18. Jahrhunderts die Marke Mozart europaweit bekannt zu machen. Zu viel Marketingsprache? Leopold Mozart hätte sie nicht gestört: Er verärgerte seinen Dienstherrn (bei der Bitte um Erlaubnis für eine Reise mit seinem Sohn) mit dem schönen Satz „diesen Talentwucher lehrt uns das Evangelium“.

Bestseller Mozart

Als Mozart sich später von seinem Managervater trennte, um in Wien auf eigene Faust „Ehre, Ruhm und Geld zu machen“, ließ sich das Unternehmen durchaus gut an. Spitzenhonorare konnte Mozart schon allein mit Klavier- und Kompositionsunterricht erzielen: An drei Schülern verdiente er etwa 24.000 Euro im Jahr – das entsprach dem Gehalt eines Oberarztes. Von Notenveröffentlichungen ließ sich wegen des fehlenden Urheberrechtsschutzes dagegen kaum leben. Unter den 144 Notenausgaben, die zu Mozarts Lebzeiten erschienen, sind fast 30 Raubdrucke. Wollte Mozart nach Erhalt des Honorars für eine neue Oper (der „Figaro“ brachte ihm nach heutigem Geldwert 11.000 Euro ein) auch von der weiteren Popularität profitieren, dann musste er selbst Arrangements für die so genannte „Harmoniemusik“ schreiben. So berichtete er nach der „Entführung aus dem Serail“: „Nun habe ich keine geringe arbeit. – bis Sonntag acht tag muß meine Opera auf die harmonie gesetzt seyn – sonst kommt mir einer bevor – und hat anstatt meiner den Profit davon.“
Trotz allem reichte das Einkommen auf die Dauer nicht. Mozart machte Schulden. An Spekulationen über die ungeklärte Frage, ob sein luxuriöser Lebensstil, Glücksspiele oder ganz andere Gründe dafür verantwortlich zu machen sind, verdienen bis heute die Verschwörungstheoretiker. Die Bestallung als „Kammerkompositeur“ ohne besondere Aufgaben, mit der der Kaiser Mozart ab 1787 förderte, war jedenfalls nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Mit einem enttäuschten „Nur“ quittierte Mozart das Extragehalt von 800 Gulden (20.000 €). Und setzte sich selbst zum Trost hinzu: „es ist aber keiner in der kammer der so viel hat.“
So sehr sich Mozart bemühte: Die Zumutung, als Ghostwriter für den Grafen Walsegg-Stuppach ein Requiem zu schreiben, überlebte er bekanntlich nicht. Möglicherweise wäre er noch schneller ins Grab gesunken, hätte er geahnt, was ihm heute allein an Tantiemen und Gewinnen aus der Vermarktung seiner Werke zustehen würde. Denn schon ein flüchtiger Blick auf die aktuellen Statistiken zeigt: Mozart ist Marktführer unter den klassischen Komponisten.
Ungebrochen ist noch immer der Erfolg der Opern. Mögen „Don Giovanni“, „Figaro“ & Co. im nationalen Aufführungsvergleich schon mal kurzfristig von aktuellen Erfolgsmusicals auf die Plätze verwiesen werden – so wie etwa 1988 von „Cats“ –, so kommt gegen „Die Zauberflöte“ auf die Dauer kein anderes Musiktheaterwerk an. Über 135 Aufführungen erlebte Schikaneders Erstinszenierung bereits zwischen 1791 und 1795. In der Saison 2003/2004 wurde „Die Zauberflöte“ allein in Deutschland 485 Mal in 34 verschiedenen Inszenierungen gegeben: 278.964 Besucher sahen und hörten das Stück. Bizets „Carmen“ mit 177.240 Zuschauern und Verdis „La traviata“ mit 129.940 Besuchern folgten deutlich abgeschlagen. Doch auch beim Filmtheater sitzt Mozart mit heutigen Komponisten in der ersten Reihe. Ganze 533 Kino- und Fernsehfilme mit Musik von Mozart führt die Internet Movie Database auf – Richard Wagner, Vorbild vieler heutiger Filmkomponisten, folgt mit 413 Filmen nur an zweiter Stelle.
Mozarts Erfolg auf dem Tonträgermarkt zu beziffern, ist kein leichtes Unterfangen. Wer konkrete Zahlen erfahren will, wird enttäuscht: die Phonoindustrie schweigt wie Mozarts Grab. Doch auch die schmeichelhafte Frage nach dem Bestseller unter den Klassikern kann man bei einer Firma wie Universal nicht auf Anhieb beantworten: In den Statistiken sind die Namen der Komponisten weniger interessant als die der Interpreten. Nicht ganz zu Unrecht: Um in die Charts zu kommen, braucht auch ein Mozart die Unterstützung lebender Künstler – so wie die von Anne-Sophie Mutter, mit deren Hilfe er 1989 eine seiner wenigen Goldenen Schallplatten errang. Fragt man aber bei erfahrenen Schallplattenhändlern, kommt die Antwort auf die Frage nach dem „King of Classic“ wie aus der Pistole geschossen: „Mozart.“ „Und zwar mit deutlichem Abstand vor allen anderen“, wie man bei L&P Classics in Berlin ergänzt. Der Grund: Mozart habe von der Oper bis zum Klavierstück alle Genres bedient – und sticht damit sogar Bach aus. „Mozart“, so behauptet man hier, „ist der einzige Komponist, der sich noch über seinen eigenen Namen verkaufen lässt.“

Merchandising: Mozart veredelt längst mehr als nur die allseits bekannte Nougatpraline

Glücklich also derjenige, dessen Name sich mit Mozart verbindet. Dies ist beim Kasseler Bärenreiter-Verlag der Fall, wo man Mozart die 1954 begonnene neue kritische Gesamtausgabe seiner Werke zum Jubiläum vollendet auf den Geburtstagstisch legen will. Eine Lizenz zum Gelddrucken? Verlagsleiter Dr. Wendelin Göbel zuckt bei derart profanen Fragen vornehm zusammen. Aber auf eine Größenordnung von mehr als zehn Prozent des Umsatzes schätzt er den Mozart-Faktor für sein Unternehmen dann doch. Auch das ist eine gute Nachricht für Mozart: Schließlich führt Bärenreiter unter seinen 15 großen kritischen Gesamtausgaben auch die der Werke von Bach, Händel und Schubert.
Aber vielleicht weiß man bei der GEMA noch mehr? Tatsächlich: Hier kann man uns eine hypothetische Tantiemenrechnung für Mozart präsentieren, die der stellvertretende Direktor der Verwertungsgesellschaft, Michael Karbaum, für das Geschäftsjahr 1988 erstellt hat. Hätte Mozart damals noch gelebt, dann hätten ihm in den alten Bundesländern allein Tantiemen in Höhe von mindestens 3 Millionen DM zugestanden – zuzüglich weiterer 1,1 Millionen DM aus der Verwertung der Bühnenwerke. Dabei handelt es sich um eine vorsichtige Schätzung, die einen entscheidenden Einnahmefaktor noch gar nicht berücksichtigt: das sogenannte „Merchandising“. Wer dies mit einrechnen will, muss allerdings mindestens eine Diplomarbeit schreiben – was die Österreicherin Eva Schintlmeister auch tat. „Drei Monate nach Abgabe konnte ich keinen Mozart mehr hören – ich hatte immer die ganzen Bilder im Kopf“, erinnert sie sich heute mit Grausen. Dafür wissen wir jetzt: Mozart wäre 1988 allein in Österreich auf ein kommerzielles Zusatzeinkommen von umgerechnet 1.781.772 € gekommen.
Heute schätzt Schintlmeister den Einfluss der Werbehonorare für Mozart noch höher ein. Und tatsächlich: Ob Käse, das „Modellprojekt zur Zusammenarbeit von Arbeitsämtern und Trägern der Sozialhilfe“ oder gar jener BH, der beim Öffnen „Die kleine Nachtmusik“ spielt – Mozart veredelt längst mehr als nur die allseits bekannte Nougatpraline. Die Mozartkugel aber ist und bleibt die Königin des Mozart-Merchandising: 62 Millionen Stück, so weiß man bei der Österreich Werbung, pro duziert die Firma Mirabell von der Massenversion der kleinen Kalorienbombe. Und in Salzburg, wo den Touristen mittlerweile sogar Mozartkugel-Konditorkurse angeboten werden, gehen immerhin 1 Million handgefertigte Exemplare von der Hand in den Mund. Nur an der Salzach dürfen sie den Titel „Original Salzburger“ tragen – denn hier war es, wo die Kreation termingerecht vor dem Mozart- Jahr 1891 entstand.
Vergangene heftige Rechtsstreitereien um die Bezeichnung „Originale“ oder „Original Salzburger“ Mozartkugel sind inzwischen entschieden – und mahnen: Mozarts Name ist ein handfester Wirtschaftsfaktor. Was der Sunnyboy der Klassik einstecken könnte, würde er wie Thomas Gottschalk zu bester Sendezeit in Süßes beißen – wir wissen es nicht. Als weltweit bekannter Sympathieträger, so heißt es bei der Österreich Werbung, sei er für sein Heimatland „ein unbezahlbares Geschenk“. Das sich auszahlen soll: Allein in Wien erwartet man im Mozart-Jahr ein Plus von 250.000 Übernachtungen (3 Prozent). Und die 2,3 Millionen €, welche die Österreichische Arbeitsgemeinschaft „Mozart 2006“ zur Bewerbung des Jubiläumsjahrs einsetzt, wollen auch wieder eingespielt werden. Schon sie wären mehr, als Mozart je zu Lebzeiten verdiente.

Carsten Niemann, RONDO Ausgabe 6 / 2005



Kommentare

Kommentar posten

Für diesen Artikel gibt es noch keine Kommentare.


Das könnte Sie auch interessieren

Gefragt

Bill Frisell

Die Welt hinter den Saiten

Über 60 und ein bisschen weise. Der Gitarrist, vor 30 Jahren als Jazz-Avantgardist gefeiert, […]
zum Artikel »

Gefragt

Carolyn Breuer

Lebenskr(e)ise

Mit „Four Seasons Of Life“ meldet sich die Ausnahmesaxofonistin nach acht Jahren zurück, mit […]
zum Artikel »




Top