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(c) Lisbeth Holton

Marius Neset

Der Grenzüberschreiter

Disziplin und Freiheit: Zwischen diesen Polen pendelt der norwegische Saxofonist.

Er schätzt die Kontinuität. Mit dem Schlagzeuger Anton Eger hat der Saxofonist Marius Neset schon einige hundert Gigs gespielt, und die Besetzung seines Quintetts hat sich von Projekt zu Projekt ebenfalls höchstens auf einer Position verändert.
Das muss so sein, denn Nesets Kompositionen kommen zwar locker und agil daher. Aber sie stecken voll überraschender Wendungen. Rhythmen, Melodien, Harmonien, Klangfarben: Nichts bleibt konstant. Alles überlagert sich, ist im Fluss, bildet Paarungen, die ebenso schnell aufreißen, wie sie sich gefunden haben. Da kann es vorkommen, dass die vier auf einen Höhepunkt zusteuern, diesen aber nur andeuten, um in einer völlig anderen Gefühlslage weiter zu musizieren.
Das klappt nur, weil sie minutiös durchgearbeitet und geprobt sind. „Meine Kompositionen sind oft komplex arrangiert“, sagt er. „Die Musiker bekommen ziemlich viele Seiten zur Vorbereitung. Anfangs sagt jeder: Das kann ich nicht. Und dann befassen sie sich damit – und es geht. Je tiefer wir in die Musik einsteigen, desto logischer wird alles, und irgendwann kann sie jeder auswendig.“ Nach ein, zwei Jahren, sagt Neset, geschieht etwas Magisches: Dann hat sie jeder so verinnerlicht, dass er jeden Abend etwas Neues damit anfängt.
Der Norweger ist ein besessener Detailarbeiter. Das verbindet ihn mit Frank Zappa, der seine Stücke ebenfalls in vielen Passagen bis ins feinste Detail durchgearbeitet hat. „Ich mag diese Genauigkeit“, sagt Neset. „Andererseits mag ich auch das Spontane, Impulsive, die Freiheit in der Musik. Ich möchte eine Balance aus dem strikt Arrangierten, Komponierten, Intellektuellen und dem Freien, Spontanen. Es ist ein großartiges Gefühl, wenn das funktioniert.“
Denn so sorgfältig er seine Stücke auch konzipiert, ist er auf der anderen Seite ein ebenso begnadeter wie verrückter Improvisator. Und einer, dem ständig Neues einfällt. „Dann muss ich mich daran erinnern, dass ich nicht zu viel in die Stücke packe. Es ist kein Problem, wenn man viele Ideen hat. Die große Herausforderung ist, unter diesen Ideen auszuwählen. Man braucht einen guten Geschmack, um viele der Ideen wegzuwerfen und das, was übrig bleibt, in einer logischen musikalischen Art zu präsentieren.“
Ist ein Plattenprojekt geplant, versammelt er die Band schon mehr als ein halbes Jahr vor dem Aufnahmetermin, um die Stücke einzustudieren: „Die Musik muss sich entwickeln.“ Nach den ersten Proben kann eine Pause folgen – nun „hat man die Musik im Körper, im Blut. Auch wenn man sie nicht spielt, geschieht etwas.“ Selbst wenn man eine Woche zehn Stunden am Tag an den Stücken arbeiten würde, kann die aus der langfristigen Beschäftigung resultierende Sicherheit nicht erreicht werden: „Man braucht Zeit, um die Musik zu erfassen“, lautet Nesets Credo.

Seine ersten Favoriten: die Beatles und die Rockband Queen

Natürlich hat er Vorbilder. „Es gibt viele“, sagt er. „Das sind nicht nur eines oder zwei.“ Und vor allem waren es in jeder Lebensphase andere. Wie die meisten Jugendlichen wuchs er „mit viel Popmusik“ auf. Seine ersten Favoriten waren die Beatles und die Rockband Queen – live erlebt hat er beide Formationen nie, denn als der Queen- Sänger Freddie Mercury 1991 starb, war Neset noch keine fünf Jahre alt.
Später entdeckte er die improvisierte Musik: „Meine ersten Helden waren Charlie Parker und Michael Brecker.“ Sie haben sein Saxofonspiel zwar anfangs beeinflusst, doch sein Ton ähnelt weder dem Klang der beiden noch dem seines Landsmannes Jan Garbarek, als dessen Nachfolger er gelegentlich bezeichnet wird. Ihn zeichnet eine persönliche Art von Schattierungen aus.
Seit er sich für Musik interessiert, nimmt er alles in sich auf: Derzeit befasst er sich mit den Klavierstücken von Béla Bartók, früher mit der Fusion von Weather Report, der Ideenpracht des englischen Jazzers Django Bates, dem Minimalismus von Steve Reich, und ständig interessiert er sich für norwegische Volksmusik, deren Klangstruktur und Art der Melodieführung. Auch davon findet sich einiges in seinen Stücken – und doch ist er meilenweit von den tradierten Songs entfernt.
Neben der Arbeit mit seinem Quartett ist er auch für Auftragsarbeiten offen. So bestellte das Jazzfestival im norwegischen Molde bei ihm eine Suite für das Trondheim Jazz Orchestra. „Die Stücke sollten nur bei diesem Termin aufgeführt werden“, erinnert er sich. Aber dann bekamen sie so gute Kritiken, dass weitere Gigs in Norwegen folgten – und später auch eine Europatournee. Am 17. Januar wurde er für die auf der CD „Lion“ veröffentlichte Version mit dem wichtigsten norwegischen Musikpreis „Spellemannprisen“ ausgezeichnet.

Neu erschienen:

Pinball

Marius Neset

ACT/Edel

Bereits erschienen:

Lion

Marius Neset, Trondheim Jazz Orchestra

ACT/Edel


„Spiele ich Jazz? Ja. Oder improvisierte Musik. Oder was auch immer. Ich denke, es ist Jazz. Aber was ist Jazz? Es ist improvisierte Musik. Und stark komponiert. Heutzutage ist fast alles Crossover. Man hat das Internet. Man kann alles hören. Man macht eine Mischung aus vielen Dingen. Ich denke, das ist Jazz.“ Marius Neset


Werner Stiefele, RONDO Ausgabe 1 / 2015



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