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Pierre Boulez (c) Priska Ketterer/Lucerne Festival

Lucerne Festival

Modernes Tafelsilber

Das Schweizer Festival hat sich 2015 dem Humor verschrieben. Zuvor gibt es aber einen Jubilar zu feiern – Pierre Boulez.

Zum Beinebaumeln und für Spazierausflüge zur Wagner-Villa in Tribschen (kleine Landzunge am Stadtrand) gibt es keinen geeigneteren Aufenthaltsort als das Lucerne Festival am Vierwaldstättersee. Seit 1938 bestehend, war es ursprünglich ein Emigrantenfestival, um Toscanini und Furtwängler eine Art ‚Sommer- Heimat’ zu verschaffen. Claudio Abbado folgte ihnen nach, als ihm – nach der Trennung von den Berliner Philharmonikern (und schwer erkrankt) – kaum noch eine Zukunft vergönnt schien; welche sich dann in Luzern noch einmal wunderbar für ihn öffnete.
Auch Pierre Boulez ist ein hochberühmter, bloß: Wo außer in Luzern hätte er wirklich eine künstlerische Heimat gefunden? In Frankreich musste er das „Ensemble intercontemporain“ gründen, um wieder künstlerisch Fuß zu fassen. Heute lebt er unauffällig in Baden-Baden. Zum 90. Geburtstag richtet ihm nun das Lucerne Festival – als dem Gründer und Künstlerischen Leiter der Lucerne Festival Academy – eine ganztägige Hommage aus. Alle hoffen, dass er dabei sein kann.
Seit Augenprobleme ihm zu schaffen machen, hat sich Boulez als Dirigent weitgehend zurückgezogen, womit zugleich auch seiner kompositorischen Betätigung noch stärkere Grenzen gesetzt sind als bisher. Um Daniel Barenboim zu zitieren: „Boulez ist ein großartiger Komponist, aber er komponiert zu wenig!“ Umso mehr hat sich der in Montbrison (Loire) geborene Musiker der Förderung junger Komponisten verschrieben – sei es in Aufführungen, aber auch als Lordsiegelbewahrer moderner Grundsätze des Komponierens. Dies gilt nicht nur für Boulez-Schüler wie Heinz Holliger, Jörg Widmann, George Benjamin oder Marc-André Dalbavie. Boulez, dem die dirigentische Rolle im musikalischen Uraufführungsgeschehen vermutlich wichtiger war als das eigene Werk, blieb der wohl wichtigste Schrittmacher des Modernismus in der Musik überhaupt.
Natürlich auch deswegen, weil er ein so guter Dirigent war. Fragt man die verwöhnten Musiker des New York Philharmonic, wer ihr bester Chef war, so fällt ihnen nicht nur Bernstein ein, sondern immer auch – Boulez. In Luzern also würdigt man diesen am 23. August, wie er es verdient hat, mit eigenen Kompositionen.
Das „Ensemble intercontemporain“ gastiert unter Nachfolger Matthias Pintscher mit Boulez’ „Rituel in memoriam Bruno Maderna“. Die Lucerne Festival Academy spiel Boulez’ „Messagesquisse“, außerdem „Mémorial (...explosante-fixe...originel)“ und das „Livre pour quatuor“. Auch Boulez’ Hauptwerk, die „Notations“, sind geplant. Ergänzt wird das Programm durch Uraufführungen von Pintscher, Holliger, Kurtág, Rihm u.a. – wodurch der einsame Rang dieses Granden vornehm genug umschrieben ist.
Zuvor prunkt das Lucerne Festival noch zu Ostern (21.- 29.3.) mit Gastspielen von Jansons, Haitink, Gardiner und Currentzis. Die Hauptsaison im Sommer (14.8.- 13.9.) gilt diesmal dem Thema „Humor“. Alfred Brendel erklärt. Mehta dirigiert Strauss’ „Till Eulenspiegel“, Andris Nelsons Haydn und Schostakowitschs scherzohafte Zehnte. Schließlich stemmt Jonathan Nott Verdis „Falstaff“ mit dem besten Sänger dieser Partie, Ambrogio Maestri. Wenn es ein Festival des Tafelsilbers irgendwo auf der Welt gibt, dann in Luzern.

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 1 / 2015



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