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Votiert für die "Horst-Seehofer-Halle": Bariton Christian Gerhaher (c) Felix Broede/Sony Classical

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Wortbruch!

Als studierter Mediziner kennt Bariton Christian Gerhaher auch ein wenig die Psyche von Politikern. Und da so ziemlich jeder gewisse eitle Züge besitzt, kann er jetzt nicht begreifen, warum der bayerische Ministerpräsident sich die einmalige Chance hat entgehen lassen, sich ein Denkmal bauen zu lassen. Zumal Gerhaher nichts dagegen gehabt hätte, das steinerne Zeugnis sogar „Horst-Seehofer-Halle“ zu nennen. Solche Vorschläge mögen aber aktuell nur die vorerst letzten, bitterkomischen Versuche sein, Seehofer doch noch mal umzustimmen und sich an das gegebene Versprechen zu erinnern, sich für einen neuen Münchner Konzertsaal mehr als nur stark zu machen.
Doch dieser Plan scheint momentan nicht erst auf unbestimmte Zeit in irgendeiner Staatskanzlei-Schublade entsorgt worden zu sein, sondern wohl für immer. Denn Seehofer hat sich mit dem Münchner OB Dieter Reiter darauf verständigt, das Geld nicht in den Bau eines überfälligen Spitzenkonzertsaals zu stecken, sondern einfach die bei Topmusikern ungeliebte Gasteig-Philharmonie zu sanieren. Ab 2020 soll in die dafür entkernte Philharmonie ein neuer Saal eingebaut werden. Für diese Spitzenidee hagelte es aber bereits kurz nach Verkündigung Kritik von vielen Seiten.
Schließlich werden mit diesem Schritt einige Fragen aufgeworfen. Was passiert mit der Musikhochschule, die im Gasteig zu Hause ist? Wohin können die Münchner Philharmoniker sowie das Symphonieorchester des BR während der Umbauphase ausweichen? Auf solche ungelösten Probleme haben die entsprechenden Verantwortlichen entsetzt reagiert. Doch eben auch von Musikerseite fasst man sich nur an den Kopf. Für Christian Gerhaher leben hier „zwei Politiker ihr Desinteresse an den darstellenden Künsten aus.“ Und Anne-Sophie Mutter, die in München lebende Stargeigerin, ist gerade auch auf 180. Schließlich hatte Seehofer ihr noch 2012 hoch und heilig zugesagt, München einen dritten Konzertsaal zu schenken. „Zweifellos ist Seehofer wortbrüchig geworden“, so Mutter. „Eigentlich müssten alle Musiker und Musikfans, die Seehofer als Ministerpräsident ausgezeichnet hat, ihre Orden zurückgeben. Ein Glück nur: Politiker seines Schlages kommen und gehen, die Musik aber bleibt.“ Solange wollen aber einige ähnlich Denkende nicht warten – und haben eine Online-Petition gegen den Gasteig-Umbau ins Leben gerufen, die bereits u.a. von Valer Sabadus, Siegfried Mauser und Alexander Liebreich unterzeichnet wurde (ww.openpetition.de/petition/online/errichtung-eines-konzert-und-kulturzentrums-am-finanzgarten-muenchen).

Guido Fischer



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