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Vom Schein des Heiligen

Cecilia Bartoli

Die Kirche hätte es wissen müssen: Schon die Geschichte von Adam und Eva lehrt, dass die verbotenen Früchte am köstlichsten schmecken. Und weil der Vatikan im 18. Jahrhundert die „verderbte Oper“ mit Acht und Bann belegte, fanden Komponisten andere Wege zu ihrem Publikum. Auf ihrer neuesten CD schüttet Santa Cecilia dieses Füllhorn der süßesten Opernfrüchte aus römischer Prohibitionszeit über uns aus.

La Bartoli in Brenners Parkhotel Baden-Baden, am Tag vor ihrem Auftritt im Festspielhaus. Wir sitzen rechtwinklig einander zugeordnet, die Ecke eines niedrigen Tischchens zwischen uns, darauf Kaffeeporzellan und eine Schale mit süßem Knabberzeug. Sie schenkt selber ein (aber sie wird den Muntermacher gar nicht nötig haben). Sie strahlt aus kugelrunden dunklen Augen und wartet auf ein beliebiges Stichwort, etwa in dem Sinn: Damals vor 13 Jahren in Berlin, 7 Uhr morgens im SFB. Sie lacht über die zu jener unzumutbaren Sendezeit im Studio geschossenen Fotos und verstaut sie fröhlich in ihrer Handtasche.
Klar drängt es sie, über ihre neue CD zu reden, und sie weiß, was sie zu sagen hat über Rom um 1700 und über Rom 1959, Fellini und „La dolce vita“. Sie spricht mit einem rasanten Überschuss an Freude, der ihren waghalsigsten Koloratur-Kapriolen kaum nachsteht. Dio mio, und Sängerin ist sie zu allem Überfluss auch noch. Hat sie das überhaupt nötig? Wenn sie zu einem spricht, kriegt der Zuhörer doch schon Flügel. Sie hat Gegenwärtigkeit, sie hat Ausstrahlung, Charisma, und wenn sie singt, fühlt sich jeder Einzelne von ihr persönlich ins Gespräch verwickelt. Bei einer neuen Operngesamtaufnahme wird sie mitmachen, bei etwas Ungewöhnlichem, sie sagt aber nicht, was es sein wird. Und den deutschen Lied-Romantikern ist sie auf der Spur. Nein, die wird sie nicht deutsch singen, die haben auch italienische Verse vertont, und auf Italienisch, meint sie, klingen sie am besten.
Und jetzt: Cecilia Bartoli und die „Opera proibita“. In der Opernstadt Rom gab es tatsächlich, in den Jahren nach 1700, eine Prohibition gegen die Oper, durchaus vergleichbar dem Alkoholverbot in den USA zwischen 1919 und 1933. In den USA hat Prohibition nicht nur die Tugend der Abstinenz begünstigt, sondern auch dem kriminellen Alkohol- Schmuggel Auftrieb gegeben. In Rom zu Beginn des Settecento wurden Auswege aus der Opern- Prohibition gefunden. Santa Cecilia, die Schutzheilige der Musik, hat ihre Flügel darüber gehalten. Die Päpste damals, sagt die Bartoli, taten die Oper in Acht und Bann. Sie verderbe die Sitten und zersetze den Glauben. Zwei „Heilige Jahre“, kurz nacheinander ausgerufen, der Ausbruch des Spanischen Erbfolgekrieges und ein menetekelhaftes Erdbeben, das weite Wohngebiete Roms verwüstete, gaben den Inhabern des Stuhles Petri willkommene Handhaben, die Sünden-Oper zu verbieten. Es gab aber Adlige und Kirchenfürsten in Rom, die wollten auf ihr weltliches Opernvergnügen nicht verzichten, am wenigsten zur Karnevalszeit. Der Marchese und spätere Fürst Ruspoli, die Kardinäle Ottoboni und Pamphilj öffneten ihre Palazzi und hauseigenen Theatersäle für opernwillige Komponisten, die gerade in Rom zusammentrafen: Alessandro Scarlatti aus Palermo, Caldara aus Venedig, der junge Händel aus Halle. Sie im Bündnis mit ihren Auftraggebern begegneten der Scheinheiligkeit päpstlicher Zensur mit dem Schein des Heiligen, sie maskierten ihre „Opern“ als geistliche Oratorien. In Arien, die an Operntauglichkeit nichts zu wünschen übrig ließen, siegten Keuschheit und Tugend, Wahrheit und ewige Werte selbstverständlich über Sünde und Fleischeslust, Laster und Vergänglichkeit, was aber nur Sinn machte, wenn auch die Letzteren ausgiebig zu Wort und Stimme kamen. Solche Aufführungen gab es allerdings nur im privaten Kreis, vor geladenen Gästen, nie in der Öffentlichkeit. Sängerinnen waren auch verboten, statt ihrer nur Kastraten erlaubt. Fürst Ruspoli glaubte einmal, bei der Uraufführung von Händels „Resurrezione“, der private Rahmen rechtfertigte die Mitwirkung der Sängerin Durastanti. Prompt unterband eine Rüge des Papstes diese Eigenmächtigkeit. Opera proibita.

Mit ihrer neuen CD jagt die Bartoli ihre Zuhörer durch die gegensätzlichsten Klimazonen.

Mit ihrer neuen CD jagt die Bartoli ihre Zuhörer durch die gegensätzlichsten Klimazonen. Im fliegenden Wechsel: mal auftrumpfender Kriegslärm, mal verschattete Trauer. Mal rasende Koloraturenketten zwischen Senkrechtstart und Sturzflug, mal verhauchte Todesnähe. Marc Minkowski und seine Musiciens du Louvre sind jeder Tour de force gewachsen, jeder diskreten Besinnlichkeit auch. Bartoli, die Harnoncourt-Erfahrene, zieht bereitwillig Vergleiche. Harnoncourt hat immer sorgfältig und geduldig erklärt, begründet. Minkowski hält keinen Abstand zum eigenen Furor, er setzt alles und sich selbst unter Feuer. Ansteckend, mitreißend. Aber die Bartoli ist glücklich, mit beiden Dirigenten zu musizieren. Gegensätze sind sinnlicher und halten die Neugier wach.
Sie treibt ihre Stimme über Berg und Tal, manchmal bis in den Aberwitz. Sie setzt auch lange, schöne Bögen ohne Atemnot, ohne Irritation. Puristen werden mäkeln, durch manche gefährliche Vokalkaskade rette sie sich mit einem bewährten Mittel, einer Art von gutturalem Gurren. In ihrem unbedingten Ausdruckswillen schreckt sie vor Risiken nicht zurück, selbst wenn die pure Schönheit Trübungen erfährt. Sie singt immer eindeutig „Ja“ oder „Nein“, geht keiner Gefahr mit einem „Jein“ aus dem Weg.
Ihre CD, ihr neues Programm versteht sie als Huldigung an ihre Geburtsstadt Rom, dieses grandiose Freilichttheater auf sieben Hügeln. Rom, die Ewige Stadt. Sie fühlt, was das bedeutet, seit Kindertagen ist sie Ausschau haltend auf dem Gianicolo spazieren gegangen. Und auf den Straßen, Gassen und Plätzen. Die CD ist in einem kommentarund anspielungsreichen Bilderbuch verpackt. Die Bartoli, Petersplatz im Hintergrund, fixiert mit der Andeutung eines Mona-Lisa-Lächelns ihren Betrachter, gekleidet in ein Priestergewand, das gerade noch den Busenansatz offen lässt. Andere Fotos: Die Bartoli im engen Schwarzen, verzückt den Regenschauern eines Brunnens hingegeben. Die gemeinte Assoziation bestätigt sich: Bilder von Federico Fellini, aus „La dolce vita“ von 1959, und die Ikone Anita Ekberg mitten in der Fontana di Trevi. Bartoli schiebt Zeiten und Epochen zusammen. Papst Pius XII. in seiner strengen Askese hätte so etwas nie geduldet. Er starb 1957, und ein Kardinal im Vatikan, der resolut die Religiosität des Films bekräftigte, gab mit seinem Votum den Weg in die Kinos frei. Er entschied ähnlich wie 250 Jahre vorher die Kardinäle Ottoboni und Pamphilj. Ich bestätige den römischen Boom an gelockerter Toleranz aus eigener Erinnerung: Damals, vor knapp 48 Jahren, wurde ein hinter der vorgehaltenen Hand und augenzwinkernd getriebenes Gesellschaftsspiel gewissermaßen offiziell: „Andare alla zia“ hieß das. Einheimische Freunde nahmen mich offenherzig mit. Der mitgebrachte Gast bekam, im Vorzimmer am Empfangstresen, gratis einen Espresso. Die Bartoli glitzert plötzlich aus pechschwarzen Augen. Das wäre nicht ihre Adresse gewesen, klar, aber sie gluckst einverständig, als hätten wir das Ei gemeinsam gelegt. Und wie würde sich der heutige Papst in Fällen wie Opera proibita und „La dolce vita“ verhalten? Die Bartoli strahlt wieder aus glänzenden Augen. „Der Papa Ratzi?“, fragt sie herzlich und kein bisschen respektlos. Sie mag ihn, den erklärten Musikliebhaber. Sie lächelt und gibt keine Antwort, aber mit den Augen deutet sie ein kaum merkliches Kopfschütteln an.

Neu erschienen:

Opera proibita

Cecilia Bartoli, Les Musiciens du Louvre, Marc Minkowski

Decca/Universal

Karl Dietrich Gräwe, RONDO Ausgabe 4 / 2005



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