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(c) Dietmar Mathis

Montforthaus

Regional ist erste Wahl

Alte Musik in zeitgemäßem Design: Das Feldkircher Montforthaus will klassische Konzerte fit machen für das 21. Jahrhundert.

Ich glaube an Amerika“, sagt eine Stimme aus dem Off. Dann taucht wie ein Mond die Glatze eines Mannes auf der Kinoleinwand auf, und während er weiter redet gibt die Kamera sehr langsam den Blick auf den Typen frei, dem er gegenüber sitzt – Marlon Brando, der die Hauptrolle in Coppolas „Der Pate“ spielt. Doch nun fällt helles Tageslicht auf die Leinwand: Jemand hat die Kinotür geöffnet und wir nutzen den Augenblick, um nach draußen zu gehen, wo sich uns eine ganz andere Szenerie öffnet – der malerische Marktplatz des vorarlbergischen Städtchens Feldkirch. Wir sind nicht hierher gereist, um uns nur einen Filmklassiker anzuschauen. Was wir sahen, war die Zusammenstellung einiger der berühmtesten und originellsten Eröffnungssequenzen der Filmgeschichte. Die nonstop laufende Filmrolle, die der Vorarlberger Autor Wolfgang Mörth zusammengestellt hat, ist dabei nur eine von vielen unkonventionellen Ideen, mit denen die Stadt Feldkirch ihrerseits einen Anfang feiert – die Eröffnung des neu erbauten Kultur- und Kongresszentrums Montforthaus und den Start der Veranstaltungsreihe „Montforter Zwischentöne“, deren erste Staffel unter dem Motto „anfangen – über das Beginnen“ steht.
Das neue Haus verdankt die Stadt einer Bausünde der 70er Jahre. Eilig war nach einem Brand ein multifunktionelles Kultur-, Kongress- und Freizeitzentrum von beeindruckender Hässlichkeit aus dem Boden gestampft worden. Dieses erwies sich bald als so marode, dass ein Neubau effizienter als eine Renovierung erschien: Für die 34.000-Einwohnerstadt und ihr ehrgeiziges Stadtmarketingteam die beste Gelegenheit, ein Haus zu planen, das setarchitektonisch und inhaltlich zur Identität der Stadt passt.

Nachhaltigkeit als planerischer Orgelton

Elegant fügt sich nun der vom Architektenbüro Hascher Jehle entworfene Bau mit seiner fließenden Fassade aus weißem Juramarmor und seinem offen einsehbaren, galeriegesäumten Foyer in die Altstadt unterhalb der mittelalterlichen Schattenburg ein. Ehrgeizig ist das Thema „Nachhaltigkeit“ durchgeführt – von der Heizung auf Grundwasserbasis über die aus regionalem Birnenholz gefertigte Außenverkleidung des Saals bis hin zu den bunt gemusterten Westen des Garderobenpersonals, die aus recycelten Malerkitteln hergestellt wurden.
Die „Zwischentöne“, die unter jeweils einem eigenen Themenschwerpunkt an drei verlängerten Wochenenden des Jahres stattfinden, sind die einzige Eigenveranstaltung des Hauses, das seine Räume ansonsten überwiegend für Kongresse und Tagungen vermietet. Die Aufgabe, diese Lücke sinnvoll mit regionalem Bezug und überregionaler Ausstrahlungskraft zu gestalten, liegt in den Händen von Hans-Joachim Gögl und Folkert Uhde. Die künstlerischen Leiter eint der Wille, erstarrte Formate aufzubrechen: Intensiv hat sich Gögl als Kurator und Kommunikationsberater mit der Frage auseinandergesetzt, wie man öde Kongresssettings in „erzählende Räume“ verwandelt, während Folkert Uhde mit dem Berliner Radialsystem bereits einen Konzertort für innovative Konzertformate initiierte und für sich auch gleich noch den Beruf des „Konzertdesigners“ schuf.

Kreativinsel statt Tournee-Einerlei

Der gängigen Praxis im Festival wie Kongressbereich, bei der renommierte Spitzenkräfte eingeflogen und „wie vom Helikopter“ über dem Veranstaltungsort abgeworfen werden, um danach spurlos zur nächsten Veranstaltung zu enteilen, setzen Gögl und Uhde ein Feuerwerk an eigenen Ideen entgegen. In einer „großen Hausmusik“ lassen sie Musiker, Wissenschaftler und Erzähler das gesamte Haus von der Garderobe bis zur Galerie in Beschlag nehmen und locken die Feldkircher scharenweise zu Sonnenaufgangskonzerten ins Dachcafé. Auf Teilhabe statt Repräsentanz setzen sie, wenn sie die Besucher in moderierten „Speak-Datings“ ins Gespräch bringen oder sie dazu animieren, Musiker zu „Salons“ in ihre Eigenheime und WGs einzuladen.
Nicht jedes Konzept geht vollständig auf: Mozarts Jupitersinfonie will sich in der Aufführung durch das Vorarlberger Symphonieorchester noch nicht zwingend mit den interpolierten „spacigen“ Klängen von Ligeti und Sciarrino sowie dem Auftritt eines Wissenschafts- Slammers zum Essay über die Entstehung des Kosmos verbinden. Zum Vorzeigeprojekt wird dafür das Abschlusskonzert: Man begnügte sich nicht damit, die Sammlung von barocken Liebesliedern, die die Sängerin Dorothee Mields und das Ensemble „The Age of Passion“ mitbrachten, als isoliertes und auch anderswo reproduzierbares Festivalhighlight auszustellen. Stattdessen schickte man ein Team von Geschichtensammlern in die Region, das die unterschiedlichsten Liebespaare dazu animierte, vor der Kamera von den ersten Momenten ihrer Beziehung zu erzählen. Die Zuhörer, die mit den Musikern auf der zugleich intimen wie exponierten Bühne sitzen, erleben nun, wie sich die lustig, schüchtern, bewegt oder einfach überschäumend verliebt vorgetragenen Erzählungen mit den zeitlos wirkenden Liedern verbinden: sensibel integriert durch eine unaufdringliche Lichtregie, improvisierte Vor- und Nachspiele und sogar eigene Kompositionen des Lautenisten Lee Santana über Verse der Feldkircher Dichterin Paula Ludwig. Die Gesichter der verliebten Vorarlberger prägen sich tief ein. Marlon Brando wird es schwer haben.

Montforter Zwischentöne

"streiten – Zum Glück Konflikt?!", 1. – 5. Juli
www.montforter-zwischentoene.at


Zweifelnde Nonnen, findige Minnesänger

Auf den Anfang folgt der Streit: Denn „streiten – Zum Glück Konflikt?!“ lautet das Motto der zweiten „Montforter Zwischentöne“, die vom 1. bis 5. Juli stattfinden. Mit dabei sind auch die Gewinner des HUGO, einem nach dem Minnesänger Hugo von Montfort benannten Studierenden-Wettbewerb um die beste Konzertidee: Sie wird als Preis im Schwurgerichtssaal des Feldkircher Landgerichts umgesetzt. Neue Wege der Streit- wie Veranstaltungskultur sucht auch das „Konzert für Akkordeon, Nonne, Historiker und Konfliktforscher“ aufzudecken, bevor das erste Jahr zwischen dem 16. und 29. November mit dem Thema „glauben – Zwischen Zweifel und Offenbarung“ ausklingt.


Carsten Niemann, RONDO Ausgabe 2 / 2015



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