Startseite · Künstler · Gefragt

Anna Gourari

Die Klangmalerin

Skrjabin hat es ihr angetan: Vor fünf Jahren machte Anna Gouraris Einspielung seiner Préludes Furore. Auf ihrem neuen Album „Désir“ spannt die russische Pianistin einen Bogen von Skrjabins frühen Kompositionen bis zu seinem Spätwerk.

RONDO: Alexander Skrjabin lässt Sie offenbar nicht los – warum?

Anna Gourari: Weil dieser Komponist eine meiner großen Lieben ist. Obwohl er vor 90 Jahren starb, fühle ich mich ihm nah. Ich glaube, ich weiß, was er empfand.

RONDO: Was sagen seine Werke über ihn aus?

Gourari: Er war ein typischer Russe, der zu extremen Emotionen neigte. Das erste der „Deux Morceaux“ heißt nicht umsonst „Désir“, das Verlangen. In dieser Komposition liegt eine tiefe Sehnsucht – da träumte sich Skrjabin aus der Realität fort. Die „Sonate Nr. 3 fis-Moll“ oder die „Fantasie h-Moll“ spiegeln dagegen verrückte, leidenschaftliche Momente wider.

RONDO: Und haben viele Klangfarben?

Gourari: O ja. Skrjabins Musik ist sehr facettenreich. Er wusste, dass man ein Piano auf hundert verschiedene Arten spielen kann.

RONDO: Wie würden Sie seine Kompositionen als Malerin umsetzen?

Gourari: Als expressionistische Ölgemälde in der Tradition von Beckmann oder Grosz. Gubaidulinas „Ciaccona“ hingegen erinnert mich an ein kubistisches Bild von Picasso. Obwohl sie ihr Stück in klassischer Form schrieb, sind die Harmonien sehr innovativ.

RONDO: Begeistern Sie gerade diese Kontraste?

Gourari: Auch. Es gefällt mir, dass Sofia Gubaidulina dem Künstler Freiräume für eigene Interpretationen lässt. Sie ist nicht so streng wie Bartók, der bei vielen Werken alles auf die Note genau vorschrieb.

RONDO: Und Sie wollen ihre Musik jetzt einem breiteren Publikum zugänglicher machen?

Gourari: Ja. Ich finde es schade, dass sich viele Leute auf die altbekannten Stücke von Mozart oder Beethoven beschränken. Es lohnt sich, zeitgenössischen Komponisten eine Chance zu geben. Schließlich reflektieren ihre Werke die Gegenwart.

Neu erschienen:

Skrjabin, Gubaidulina

Désir

Anna Gourari

Decca/Universal

Dagmar Leischow, RONDO Ausgabe 3 / 2005



Kommentare

Kommentar posten

Für diesen Artikel gibt es noch keine Kommentare.


Das könnte Sie auch interessieren

Gefragt

Branford Marsalis

Die guten Musiker machen Pop

zum Artikel »

Gefragt

Capella de la Torre

Feuer und Flamme

Bläsermusik der Renaissance muss nicht laut und rustikal klingen. Katharina Bäuml, Leiterin des […]
zum Artikel »




Top