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Marionetten-Opern

Kleine Figuren - Große Gefühle

Noch immer denken viele Erwachsene bei Marionetten-Oper an Kindertheater. Aber was ist, wenn die Figuren lauthals singend nach Branntwein verlangen? Carsten Niemann hat bei seinem Streifzug durch Geschichte und Gegenwart der Marionetten-Oper überraschende Begegnungen gemacht.

So eine Carmen erlebt man nicht alle Tage! Denn diese Primadonna ist wirklich jeder Zentimeter eine verführerische Zigeunerin: schlank, mit großen herausfordernden Augen, pechschwarzen Locken und natürlich vor Emotionen berstend. Gewaltig hebt sich ihre Brust vom tiefen Atem, der den Spitzenton vorbereitet. Dann wirft sie mit großer Geste ihre langen Haare nach hinten und zittert beim Vibrato derart verführerisch, dass auch in den etwas hölzern neben ihr sitzenden braven Soldaten José langsam Leben kommt. Erstaunlich! Denn der Darsteller des José ist wirklich aus Holz. Übrigens ebenso wie Carmen selbst. Schließlich sind beide nur – Marionetten.
Der junge Mann, der die feurige Zigeunerin an ihren neun Fäden hält, heißt übrigens Bernhard Leismüller. Vor fünf Jahren gründete er die Lindauer Marionetten-Oper – damals war er erst 22 Jahre alt. Die aufstrebende Bühne, die in einer zum Theater umgebauten alten Kirche des Städtchens im Bodensee residiert, ist nicht nur eine der jüngsten Marionetten-Opern: Sie ist überhaupt eines der wenigen Figurentheater, das sich ganz und gar der Oper verschrieben hat. Dabei sind die Beziehungen zwischen den kleikleinen Figuren und dem großen Musikdrama eigentlich äußerst eng – und noch dazu so alt wie die Oper selbst.
Begonnen hatte alles in Italien. Hier erfreuten sich die Fadenpuppen unter dem Namen „fantoccini“ schon im 16. Jahrhundert großer Beliebtheit. Als dann im 17. Jahrhundert die Oper entstand, lernten auch die Puppen schnell das Singen. Es waren gerade die Pioniere des neuen Genres, die sich als Erste für die Künste der kleinen Figuren interessierten. So hatte der Impresario, Librettist und Komponist Filippo Acciajuoli bereits das erste öffentliche Opernhaus Roms geleitet, bevor er ab 1679 die frühesten Aufführungen von Marionetten-Opern in Venedig veranstaltete. Hierfür suchte er sich als Veranstaltungsort denn auch das Opernhaus San Moisè aus, wo immerhin schon Monteverdis „Arianna“ zur Uraufführung gekommen war. Gespielt wurden zunächst die gleichen Opern wie auf der „echten“ Bühne. Die bis zu vier Fuß hohen, prächtig gekleideten Figuren waren aus Holz oder Wachs; ihre Partien wurden nicht von den Spielern gesungen, sondern von professionellen Sängern hinter der Bühne.
Im 18. Jahrhundert wurden Aufführungen mit „fantoccini“ zu einer Mode unter Adligen und wohlhabenden Bürgern. Teils versuchte man die große Oper zu imitieren, genauso oft aber erlaubte man sich den Spaß, sie mit Hilfe der grotesken Figürchen zu parodieren. Nicht immer waren Ernst und Parodie genau zu unterscheiden. So richtete sich der berühmte Kastrat Gaetano Guadagni, der einst die Titelrolle in Glucks „Orfeo“ kreierte, in seinem Altersruhesitz ein Marionettentheater ein. Die Inszenierung, die ihn unsterblich gemacht hatte, ließ er nun gegen freien Eintritt nachspielen – wobei er dem hölzernen Miniatur-Orpheus aus dem Off den letzten Abglanz seiner Stimme verlieh.
Wie ihre große Schwester verbreitete sich auch die kleine Marionetten-Oper von Italien über ganz Europa. Auf den Pariser Jahrmärkten florierte bald eine volkstümliche Form des Genres: mit gesprochenen Dialogen und simplen, aber eingängigen „Vaudevilles“ an Stelle der Arien. Das Repertoire dieser Bühnen wurde zu einer der Quellen, aus der sich die französische Opéra comique entwickelte – Carmen hat also tatsächlich Marionetten als Urahnen. Marionetten- Opern mit professionellen Sängern und größeren Orchestern hatten in Paris dagegen lange Zeit keine Chance – schließlich besaß die königliche Opéra das Privileg für alle Musiktheateraufführungen. Doch ein Sänger der Opéra namens Le Grillet versuchte es trotzdem. Er gründete 1675 die Marionetten-Oper der „Pygmeen“, die Parodien von Opern Jean-Baptiste Lullys herausbrachte. Die Presse unkte: „Die Marionetten singen zu laut, als dass sie lange singen könnten.“ Und in der Tat: Binnen kurzem hatte Lully höchstpersönlich dafür gesorgt, dass das Unternehmen vom König verboten wurde.

Wenn die holzselige Columbina zu zarten Flötentönen in Tränen ausbricht, dann weiß man nicht, ob man lachen oder mitweinen möchte.

Besser erging es den Marionetten-Opern, die sich im 18. Jahrhundert in London etablierten und bisweilen über beachtliche Ensembles verfügten. Als Joseph Haydn 1791 ein solches Theater besuchte, äußerte er sich anerkennend über die Qualität des Orchesters. Er musste es wissen: Als Kapellmeister des Fürsten Esterházy hatte er etliche Opern für das Marionettentheater seines Dienstherrn komponiert. Leider ist die Inneneinrichtung des Esterházy’schen Theaters nicht mehr erhalten (es handelte sich um eine Grotte mit Diamanten und künstlichen Schnecken an den Wänden). Dafür besitzen wir noch vier Partituren, die für das Ensemble komponiert wurden. Eine der besten ist „Die Feuersbrunst”: eine Hanswurstiade in bester österreichischer Volkstheatertradition, deren gesprochene Dialoge vermutlich von den Schauspielern improvisiert wurden. „Nä, nä, nä, ’s Haus geb i net her“, begrüßt Bauer Steckel die Zuhörer – und Haydn komponiert das so herrlich starrsinnig-holzköpfig, dass man schon beim bloßen Anhören der Musik spürt, wie die Pantinen dabei auf den Bühnenboden klopfen. Dann wird geflucht („Halt dein Maul und flenn mir nicht“), gebechert („Schafft mir Bier und Branntewein, heut muss brav gesoffen sein“), Häuser ebenso wie Perücken angesteckt und Mummenschanz getrieben, aber ach: wenn die holzselige Columbina zu zarten Flötentönen in Tränen ausbricht, dann weiß man nicht, ob man lachen oder mitweinen möchte.
Nach 1800 ging das Interesse an Marionetten- Opern zurück, um gegen Beginn des 20. Jahrhunderts eine erneute Blüte zu erleben. Die Oper war in die Jahre gekommen: Komponisten und Dichter versuchten nun, ihr mit Hilfe der Puppen frisches Leben einzuhauchen. Berühmtestes Beispiel dafür ist Manuel de Fallas Marionetten- Einakter „El retablo de maese Pedro“ nach einer Episode aus Cervantes „Don Quichotte“. Die Anregung dazu erhielt der Komponist übrigens von seinem Landsmann Garcia Lorca, der leidenschaftlich mit Marionetten experimentierte. Das Werk wurde 1923 im Salon der Princesse de Polignac uraufgeführt. Eine gute Adresse! Denn die millionenschwere Erbin des Nähmaschinenfabrikanten Singer förderte auch Avantgardisten wie Picasso und Strawinsky. Der letztere ging übrigens de Fallas Weg in umgekehrter Richtung: In seinem Ballett „Pétrouchka“ müssen die Darsteller Puppen nachahmen. Auch Ottorino Respighi, dessen Märchenoper „La bella addormentata nel bosco“ mit Marionetten uraufgeführt wurde, empfahl die Marionetten als Vorbild: Man könne „sehr wohl behaupten, dass sie die idealen Schauspieler sind“, stellte er fest – und fügte hinzu, „dass die idealen menschlichen Schauspieler demzufolge Über-Marionetten sein müssen.“
Doch so spannend die experimentellen Werke für Marionetten auch waren: Viele von ihnen (wie etwa Hindemiths grotesk-erotische Oper „Das Nusch-Nuschi“ und die Ballette von Arthur Honegger) erlebten nur wenige Aufführungen oder gingen sogar noch zu Lebzeiten ihrer Schöpfer verloren: So rutschte Saties Puppenoperette „Geneviève de Brabant“ hinter das Klavier des Komponisten und wurde erst nach seinem Tode wieder aufgefunden.

Geheimtipp: Northwest Puppet Theatre in Seattle

Finderglück benötigen Fans der Marionetten- Opern noch immer: Wer könnte allein einen Überblick über all die stehenden, gehenden und verwehenden Marionettenbühnen geben, die eine „Zauberflöte“ im Programm haben? Radikal schrumpft die Auswahl, wenn man Marionetten-Opern mit Live-Musik erleben möchte. Ein absoluter Geheimtipp ist in dieser Hinsicht das Northwest Puppet Theatre in Seattle. Jedes Jahr leistet es sich die Live-Aufführung eines Klassikers der Marionetten-Oper mit hoch professionellen Musikern. Auf dem Programm standen bereits Raritäten wie Haydns „Feuersbrunst“ oder Hasses „Lo starnuto d’Ercole“ („Das Niesen des Herkules“), eine venezianische Karnevalsoper, bei der sich schon der Komödiendichter Carlo Goldoni vor Lachen ausschüttete. Perfekte Inszenierungen zur klassischen Schallplatteneinspielung lassen sich jedoch auch in der Nachbarschaft finden.
Erste Adresse dafür ist das Salzburger Marionettentheater, das mit seinen Inszenierungen von Mozartopern auch via Video und DVD weltweit bekannt wurde: Die Marionetten verblüffen und verzaubern gleichermaßen durch feinste Motorik, perfekt sitzende Kostüme und bis in die Statistenrollen belebte Inszenierungen. Auch das Nationale Marionettentheater Prag setzt mit seinem „Don Giovanni“ erfolgreich auf Mozart an historischem Ort; hinzugesellt hat sich seit 1994 das Marionettentheater Schloss Schönbrunn in Wien. Eine Zeitreise in die Vergangenheit ganz anderer Art tritt dagegen an, wer eine „Freischütz“-Aufführung im Bamberger Marionettentheater Loose besucht: Die Figuren sind nur handspannengroß und schon daher weniger beweglich als etwa in Salzburg oder Lindau, dafür wird auf einer originalen Bühne von 1821 gespielt – dem Uraufführungsjahr des Freischütz. Sogar eine originale Wildsau zur Wolfschlucht-Szene findet sich unter den Dekorationen! Ernsthafte Attraktionen sind aber auch die perspektivischen Bühnenbilder: Sowohl die Kulissen zum „Freischütz“ als auch die berühmten Schinkel’schen Bilder zur „Zauberflöte“ folgen minutiös den historischen Vorlagen – und sind in dieser Perfektion wohl nirgendwo sonst zu erleben.
Wen es allerdings mehr in die Moderne zieht, dem sei die Inszenierung von Orffs Märchen „Die Kluge“ am Münchener Marionettentheater empfohlen. Oder auch die Produktionen des Düsseldorfer Marionettentheaters: Dank der regelmäßigen Zusammenarbeit mit zeitgenössischen Komponisten wie Wilfried Hiller sorgt man hier dafür, dass dem Musiktheater für Marionetten auch die neuen Töne nicht ausgehen.


Theater mit regelmäßigen Aufführungen von Marionetten-Opern:

Salzburger Marionettentheater www.marionetten.at

Bamberger Marionettentheater Loose www.bamberger-marionettentheater.de

Marionettenoper Lindau
www.lindauer-mt.de

Marionettentheater München
www.muenchner-marionettentheater.de

Düsseldorfer Marionettentheater www.marionettentheater-duesseldorf.de


Carsten Niemann, RONDO Ausgabe 3 / 2005



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