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Diana Krall

Mit dem Smartphone in die 20er Jahre

Spaßprojekt: Auf ihrem neuen Album präsentiert sich Diana Krall mit Interpretationen obskurer Songs aus den wilden Zwanzigern ungewohnt humorvoll und kauzig. Ihr Mann Elvis Costello und Paul McCartney sind schuld an dem Imagewechsel der Diva, wie sie RONDO-Autor Josef Engels verriet.

Eigentlich, so deutet Diana Krall an, hatte sie ja mit einem Solo-Album geliebäugelt. Es wäre eine konsequente Entscheidung gewesen, die die 1964 in Kanada geborene Musikerin zurück zu ihren Anfängen geführt hätte: Ihre Karriere begann Krall mit 15 Jahren als Pianistin in einer Eishockey-Bar. Der Rest ist bekannt – ihre Interpretationen von Klassikern des »Great American Songbook « brachten ihr Platinplatten, Grammies, Welttourneen und den Ruf ein, das Covergirl des gesungenen Unterhaltungsjazz zu sein.
Paul McCartney ist schuld, dass jetzt alles ein bisschen anders gekommen ist. Der Ex-Beatle hatte die 47-Jährige bekanntermaßen als Klavierbegleiterin für seine CD »Kisses On The Bottom« angeheuert. Die Zusammenarbeit mit der Pop-Legende sei ein Riesenspaß gewesen, beteuert Krall hinter den dunklen Gläsern ihrer Sonnenbrille. Aber nach dem Abschluss der Studiosession, der die Produktion einer Jazz-CD mit Barbra Streisand vorausgegangen war, sei in ihr die Erkenntnis gereift: »Ich kann jetzt nicht schon wieder Standards aufnehmen.«
»Glad Rag Doll«, Kralls neue Aufnahme, ist das Resultat einer spontanen Umorientierung. Angeregt von ihrem Ehemann Elvis Costello entschied sich die Sängerin zu einem Produzenten- und Temperamentswechsel. Anstelle des Hochglanzpolierers Tommy LiPuma saß nun der rock- und country-affine T Bone Burnett an den Reglern, anstelle altbekannter Swing-Gassenhauer bildeten obskure Stücke aus den 20er Jahren von Sängern wie Gene Austin oder Betty James die Arbeitsgrundlage.
»Ich habe einfach in der Schallplattensammlung meines Vaters gestöbert und mir die Songs ausgesucht, die ich als Kind mochte«, erklärt Krall die Materialauswahl, »außerdem habe ich mir ganze Nächte mit Recherchearbeit im Internet um die Ohren gehauen. Zum Glück gibt es ja das hier«, sagt die Sängerin und legt lächelnd ihr Smartphone auf den Tisch, um dem Interviewpartner das verkratzte Schellack-Original des Liedes »Let It Rain« vorzuspielen. Genauso habe man übrigens auch im Studio gearbeitet, erklärt Krall: »Wir haben das iPhone auf den Tisch gelegt und uns darum versammelt.« Und anschließend etwas Neues aus den längst vergessenen Songs gemacht.
Das Ergebnis klingt roh, unbehauen und stellenweise hübsch kauzig, man hört schwer stampfende Perkussion aus dem Vaudeville-Theater sowie Ukulelen, Mandolinen und verzerrte Westerngitarren, die von Marc Ribot und Elvis Costello gespielt werden. Krall steuert am leicht verstimmten Klavier (Baujahr 1890) Blues- und Boogie-Woogie-Licks bei. Es klingt sympathisch und ungewohnt. »Genau darum ging es: Ich habe mir keine Gedanken darüber gemacht, ob das Jazz ist, oder was für tolle Akkordwechsel man da benutzen könnte – es ging nur darum, Spaß zu haben«, sagt die Kanadierin. Ob man sie bei ihrer Deutschland-Tournee im November nicht mehr im Abendkleid, sondern in einem zur Musik passenden Tom-Waits-Outfit sehen wird, lässt die Sängerin offen. »Ich gehe davon aus, dass die Promofotos für die CD gewisse Leute noch mehr ankotzen werden als das ohnehin schon der Fall ist«, sagt die Sängerin mit einem grimmigen Lächeln. »Wie auch immer: Diese Platte fühlt sich an wie die erste Liebe. Ich habe Schmetterlinge im Bauch.«

Glad Rag Doll

Diana Krall

Verve/Universal

Josef Engels, RONDO Ausgabe 4 / 2012



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