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Schlafwandlerisch sicher

Maria Kliegel

Wenn Maria Kliegel über Musik spricht, dann so, wie sie spielt: mit Energie, Leidenschaft und Natürlichkeit. Christian Möller traf die Ausnahmemusikerin in der Kölner Musikhochschule.

RONDO: Frau Kliegel, als ich hereinkam, stand hier noch eine Schülerin und hat fast ehrfürchtig Ihren Ratschlägen zugehört. Wissen Sie noch, wie man sich da fühlt?

Maria Kliegel: Als ob es gestern gewesen wäre! Man weiß als Student oft gar nicht, wo man mit seinem Können hin soll. Und die Informationen, die einem der Lehrer gibt, saugt man auf wie ein trockener Schwamm. Die Studentin, die gerade hier war, ist ungeheuer talentiert und macht von Natur aus ganz viele Dinge richtig. Aber sie tut es unbewusst. Das ging mir genauso. Wenn jemand fragen würde: „Wie machst Du das?“, müsste man sagen: „Keine Ahnung.“ Man macht es halt. Und irgendwann hat man das Gefühl: Das ist eigentlich peinlich, dass ich gar nicht weiß, was ich mache.

RONDO: Hat Ihnen der Unterricht bei Janos Starker da geholfen?

Kliegel: Und ob. Als ich bei ihm anfing, hat er mich komplett auseinander genommen! In tausend Teile zerrupft! Dass ich von bestimmten Dingen zu wenig wusste, das hatte ich zwar schon geahnt – aber wie wenig ich wusste, das war mir nicht klar. Das war für mich eine ungeheure Motivation. Endlich gab es wen, von dem ich wirklich Hinweise kriegte, wie das alles geht.

RONDO: Zum Beispiel?

Kliegel: Wie viele differenzierte Lagenwechsel es gibt, wie man das Handgelenk hält, wie man die Knie ans Instrument hält, wie man sitzt, wie man atmet! Tausend Einzelheiten! Meine Studenten fragen mich oft: „Wie soll ich denn bei der ganzen Technik noch Musik machen?“ Ich sage dann: „Das wird für einen Moment schlafen gelegt.“ Aber wer musikalisch ist, verliert das nie. Wer schläft, ist ja nicht tot. Man regeneriert sich und hat hinterher umso mehr Kraft.

RONDO: Später haben Sie auch bei Rostropowitsch studiert.

Kliegel: Das war immer mein Traum, schon als ich 15, 16 war. Als er 1977 einen Kurs in Basel gegeben hat, bin ich da hin. Ich war damals Starkers Assistentin in Essen, und die beiden hatten ja kein gutes Verhältnis. Deshalb haben viele Leute gesagt: „Wie kannst Du nur zu einem Kurs von Rostropowitsch gehen!“ Starker selbst wäre nie auf die Idee gekommen, mir das zu verbieten, obwohl er ständig über Rostropowitsch hergezogen hat.

RONDO: Was hatte er denn gegen ihn?

Kliegel: Er fand, dass er geschmacklos spielt. Umgekehrt hat sich Rostropowitsch über Starker regelrecht kaputt gelacht: „Den hört man ja gar nicht, mit diesem kleinen Ton!“ Ich habe das nie verstanden. Die sind doch beide so gut, warum hacken sie aufeinander rum?

RONDO: Später haben die beiden sich versöhnt, wie man auf dem Foto dort an der Wand sehen kann, das Sie zusammen mit Starker und Rostropowitsch zeigt.

Kliegel: Das war 1999, bei Starkers siebzigstem Geburtstag. Er hatte Rostropowitsch über Jahre immer wieder nach Bloomington eingeladen, aber der hat immer abgelehnt. Dann ist er doch gekommen, hat dirigiert, Starker und ich haben gespielt. Das war schön zu beobachten, wie die beiden sich einander angenähert haben. Die haben zusammengesessen und sich die ganze Zeit dreckige Witze erzählt.

RONDO: Und der Unterricht bei Rostropowitsch?

Kliegel: Ganz anders als bei Starker. Rostropowitsch hat nie eine technische Frage beantwortet. „Wie soll ich denn den Bogen halten?“ „Mach was du willst!“ Er versuchte, einen aus seinem Schneckenhaus rauszuholen, hat Stories von Schostakowitsch und Prokofjew erzählt und wie wild auf dem Klavier rumgedonnert. Sein Cello hat er nicht einmal dabei gehabt. Ich habe ihn als Mensch und als Musiker kennen gelernt, völlig losgelöst vom Instrument. Ich konnte kratzen, unsauber spielen – alles, was ich vorher nie durfte. Hauptsache, man hatte was zu sagen. Das war sehr befreiend.

RONDO: Rostropowitsch war siebzig, als er sich entschloss, die Cello-Suiten von Bach aufzunehmen. Sie haben sich nicht ganz so viel Zeit gelassen.

Kliegel: Aber überstürzt habe ich auch nichts. Ich bin seit 1991 bei meiner Plattenfirma, und schon damals hatte man mir angeboten, die Bach- Suiten aufzunehmen, wenn ich soweit bin. Es ist schwer, Bach heute so zu spielen, wie man möchte. Zum einen weil die historische Aufführungspraxis so wichtig geworden ist. Man hat das Gefühl, es guckt einem dauernd einer über die Schulter. Und dann noch die ganzen Ausgaben – von Starker, Tortelier, Fournier und Rostropowitsch. Die sind alle so unterschiedlich, dass ich lieber zurück zur Quelle gegangen bin. Ich habe mir die Ausgabe von Bärenreiter besorgt, die alle zeitgenössischen Abschriften enthält und habe jeden einzelnen Takt verglichen. Das war sehr lehrreich.

Neu erschienen:

Bach

Suiten für Violoncello solo

Maria Kliegel

Naxos

Christian Möller, RONDO Ausgabe 1 / 2005



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