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Raphaël Pichon

Zielstrebiger Tausendsassa

Wer in Versailles Musik zu machen lernt, wird fast zwangsläufig zum Barockspezialisten. Doch diesem Jung-Star genügt das nicht.

Dienstags während der touristischen Saison kann in Versailles niemand der Barockmusik entfliehen. Denn an diesem Tag, wo der Louvre geschlossen hat und das Besucheraufkommen im Schloss des Sonnenkönigs besonders hoch ist, wird der Park aus Lautsprechern mit Musik der Hofkomponisten Ludwigs XIV. beschallt ‒ und den Touristen gleich ein saftiges Eintrittsgeld von 8 Euro berechnet. Eines zeigt die Aktion immerhin: Die Alte Musik, die hier wie selbstverständlich in historisch informierten Interpretationen ausgestrahlt wird, ist massentauglicher Mainstream geworden. Doch welchen Einfluss hat das für junge Musiker, die in dieser neuen alten Tradition aufgewachsen sind? Eine Antwort erwartet uns im prächtigen historischen Theatersaal des Schlosses. Hier ist an diesem Abend das Ensemble Pygmalion mit seinem erst 31-jährigen Dirigenten und Gründer Raphaël Pichon zu Gast. Was wir zu hören bekommen, bläst Seedie leise Sorge, ob die historische Aufführungspraxis nicht wie einst auch der Hof von Versailles an selbstzufriedener Übersättigung zugrunde gehen könnte, mit einem Schlag fort. Pichon dirigiert Jean Philippe Rameaus lyrische Tragödie „Dardanus“ in der ersten Fassung von 1739: Es ist ein dramaturgisch geradezu wild zusammengewürfeltes Opernwerk, das mit seinen Stimmungsumschwüngen, unerwartet eingeschobenen Tanzszenen und aufregenden harmonischen und instrumentatorischen Experimenten auch Altmeistern der Szene Schweißperlen auf die Stirn treiben könnte ‒ und deswegen auch lange in der Versenkung verschwand. Doch der junge Schlaks im reich verzierten Orchestergraben lässt keinen Zweifel daran, dass er den Ausweg aus diesem Labyrinth kennt: Obwohl seine schmalen Finger fast immer in lebhafter Bewegung sind, eine Vielzahl von fein schattierten Emotionen über sein Gesicht mit den vor Begeisterung funkelnden Augen zieht und er Sänger wie Orchester immer wieder zu intensiven, großen Klanggesten animiert, strahlt er in jedem Augenblick zugleich eine völlig gelassene Souveränität und Selbstverständlichkeit aus.

Ein Kind des musikalischen Buchsbaumparterres

Musikalisch ist Pichon buchstäblich im Schatten des Schlosses von Versailles aufgewachsen: Nach erstem Violinunterricht wurde er mit 10 Jahren Mitglied in der „Maîtrise des Petits Chanteurs de Versailles“ ‒ einem Knabenchor, in dem das stilbewusste Musizieren übliche Praxis war, wie Pichon erzählt: „Wenn man Bach oder Schütz oder Händel spielte, dann war es selbstverständlich, dass man es mit Instrumenten der Epoche tat ‒ und dass man andere Instrumente verwendete, wenn man Mendelssohn, Schubert oder Brahms machte.“ Es ist eine Selbstverständlichkeit, welche die Musizierhaltung seiner Generation gerade verändere. Sei die historische Aufführungspraxis aus einem Geist des Revolte oder doch zumindest der Reaktion gegen unhinterfragte Traditionen erwachsen, befinde man sich nun selbst in einer Tradition ‒ die man aber falsch verstehen würde, wenn man es sich in ihr bequem mache: „Wir haben die Verantwortung, zu begreifen, dass wir die Arbeit fortsetzen müssen, dass wir die Dinge neu erfinden müssen, denn wenn wir uns nur um uns selbst drehen, werden wir zu einer Tradition, wie sie die Sechziger aufbrechen wollten.“

Christie und Dudamel als Paten

Seine Ziele hat Pichon, der noch während des Studiums sein eigenes Originalklangensemble „Pygmalion“ gründete, konsequent und planmäßig verfolgt. Neben der Vielseitigkeit seiner musikalischen Begabung ‒ er war neben dem Dirigieren und der administrativen Tätigkeit zunächst sogar als erfolgreicher Countertenor unterwegs ‒ war es wohl auch eine Mischung aus steter Neugier und unabhängigem Denken, die Pichon in Frankreich zum Senkrechtstarter der Szene werden ließen. „Ich habe keinen Guru“, sagt er, nach seinen Vorbildern befragt ‒ und rattert doch im gleichen Atemzug eine lange Liste von Persönlichkeiten herunter, die in wichtigen Einzelzügen für ihn bedeutend seien: von Abbado („wegen der Seele, die er jedem Repertoire einhaucht und das Zuhörenkönnen“) über William Christie („wegen seinem Anspruch“), Nikolaus Harnoncourt („wegen der Art und Weise, wie er die Musik mit Philosophie und dem Humanismus unserer Tage verbindet“), Philippe Herreweghe („wegen der Reinheit und Transparenz des Klanges“), Gustavo Dudamel („wegen der Energie“) bis hin zu Gardiner, van Nevel und zu vielen kleinen Spezialensembles, die er wegen ihrer Grundlagenarbeit bewundert. Eine zentrale Rolle nimmt in Pichons Kosmos aber auch Rameaus Zeitgenosse Johann Sebastian Bach ein, dessen Johannespassion für den Zehnjährigen zum musikalischen Schlüsselerlebnis wurde.
Doch wie gelingt es Pichon, in der Vielfalt des Repertoires und der Ausdrucksmöglichkeiten nicht unterzugehen? „Mein Credo ist recht einfach“, antwortet er: „Man muss ein Repertoire mit einem roten Faden aufbauen“. Statt es sich in einer stilistischen Nische bequem zu machen oder musikgeschichtliches Meisterwerke-Hopping zu betreiben, erobert sich Pichon, von Bach und Rameau ausgehend, Schritt für Schritt die Traditionslinien des deutschen und französischen Repertoires. Immer wieder sind es dabei kleine Werke und weniger beachtete Fassungen, mit denen er sich den Weg zu den großen Meisterwerken bahnt. Dass Pichons Traditionslinien, die er im deutschen Bereich bereits weit ins 19. Jahrhundert hinein von Buxtehude bis Mendelssohn verfolgt hat, keine Einbahnstraßen darstellen, zeigt nicht zuletzt seine Neueinspielung von Rameaus „Castor et Pollux“ in der Spätfassung von 1754 Nicht nur die Verbindung zu Rameaus Vorgänger Lully gilt es nach Pichon dabei zu entdecken, sondern den Ausblick auf Gluck: Dessen Reformopern seien nicht aus Zufall von etlichen Sängern aus der Taufe gehoben worden, die bereits in Rameaus wichtigsten Produktionen auf der Bühne standen ‒ und auch dem kräftigen farbenreichen Klang des Orchesters dürfe man anhören, dass von hier eine direkte Linie bis hin zu Berlioz und selbst Debussy reiche. Doch woher nimmt Pichon den Sinn für Architektur, die dem Hörer selbst bei Rameaus wüstesten Experimenten Sicherheit vermittelt? Womöglich vom Vergleich mit dem Versailler Schloss? Pichon hat eine andere Antwort parat. Sie lautet: „von Bach.“

Neu erschienen:

Rameau

Castor und Pollux (Fassung von 1754)

Colin Ainsworth, Florian Sempey, Sabine Devieilhe, Emmanuelle de Negri, Clementine Margaine, Christian Immler, Pygmalion, Raphaël Pichon

harmonia mundi

Bereits erschienen:

Bach

Köthener Trauermusik BWV 244a (Rekonstruktion)

Sabine Devieilhe, Damien Guyon, Thomas Hobbs, Pygmalion, Raphaël Pichon

harmonia mundi


Spätzünder mit Strahlkraft

Als Opernkomponist war Jean-Philippe Rameau ein Spätstarter: Erst im Alter von 50 Jahren schrieb er mit „Hippolyte et Aricie“ sein erstes Meisterwerk, welches das Publikum in konservative Anhänger Lullys („Lullisten“) und experimentierfreudige „Ramisten“ spaltete. Rameaus Ringen um ein ebenso innovatives wie publikumswirksames Musiktheater spiegelt sich in den verschiedenen Fassungen seiner großen lyrischen Tragödien „Dardanus“ und „Castor et Pollux“ wider. Auch wenn die Aufführungstradition seiner Opern im 19. Jahrhundert abriss, zeugt die intensive Auseinandersetzung Saint-Saëns´ und Debussys mit Rameau von seinem durchgehenden Einfluss auf die französische Musik.


Carsten Niemann, RONDO Ausgabe 3 / 2015



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