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Höchste Lust, selbstbewusst: Campras „Les fêtes vénetiennes”

Théâtre de Caen (F)

Es gab wahrscheinlich keine schönere Nichtigkeit auf der Musiktheaterbühne als das französische Divertissement. Ob als die Handlung zum Stillstand bringende Ballettnummer, als Akt-Ende einer comédie lyrique oder eben als zum Abendfüller ausgewachsene Abfolge von lose bis gar nicht zur opéra-ballet zusammengebundenen Entrées – es war die höchste Lust royaler Sinnlosigkeit, einzig und allein zur Unterhaltung und zur Selbstbespiegelung der adeligen Gesellschaft gedacht: mit dem König an der Spitze.
Eine solche hat sich jetzt der große, zum Glück wieder von langer Krankheit genesene Campra-Freak William Christie herausgesucht und mit allerersten Kräften – an der Spitze seine betörenden Les Arts Florissantes in Form von Orchester wie Chor – sowie dem stets geschmackvoll- gustiösen Regisseur Robert Carsen und dem vielköpfigen Scapino Ballet aus Rotterdam (in der Choreografie seines Leiters Ed Wubbe) erst in Paris an der Opéra comique, eben im normannischen Caen und bald auch in der Brooklyn Academy of Music herausgebracht.
Die Rede ist einerseits von André Campra (1660 - 1744), der in der Spätzeit Ludwig XIV. und unter seinem Nachfolger in einer musikalisch experimentierfreudigen Ära komponieren durfte. Und andererseits von den 1710 erstmals gezeigten „Les fêtes vénetiennes“, die so erfolgreich waren, dass daran immer weitere Akte verfertig und geklebt wurden, bis hier insgesamt neun venezianische Feste zu zelebrieren waren.
Drei plus Prolog und selbstverfertigtem, leise moralischem Epilog haben sich jetzt das bewährte Duo Christie/Carsen herausgesucht. Die feiern die Freuden und Abgründe der Liebe, die manchmal auch nur eine Affäre bleibt, so wie in der Stadt Casanovas nicht anders zu erwarten. Zwischen den Arkaden des Markusplatzes, die auch zur Kulissenlandschaft für eine pikante Schäferpastorale mutieren, ereignen sich Verwandlungen und Verwechselungen mit Nonnen und Kavalieren, Hirten und Herrschern in Gondeln auf Trockeneiswellen. Da vergessen sich Touristentruppen und Monsieur Carnaval im raffiniert inszenierten Trubel, wo Amor jede Nacht wieder zu Grabe getragen wird.
Das alles wird hinreißend gesungen, mit dem tollen Haute-Contre Cyril Auvity und dem wandlungsfähigen Marcel Beekman an der Spitze, peppig-staksig getanzt, und wunderfein musiziert.

Roland Mackes, RONDO Ausgabe 3 / 2015



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