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Ganz oder gar nicht: Andris Nelsons (c) Marco Borggreve/andrisnelsons.com

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Big Deal!

Das ging ja diesmal dermaßen ratzfatz, dass in den deutschen Feuilletons gar keine Zeit blieb, um wochen- und ellenlang die Kandidatenfrage durchzuspekulieren. Erst letzte Woche hatte das Leipziger Gewandhausorchester verkündet, dass Chefdirigent Riccardo Chailly 2016 die Segel streichen will. Und bereits jetzt konnte man voller Stolz den zukünftigen 21. Gewandhauskapellmeister der Weltöffentlichkeit präsentieren. Ab der Saison 2017/18 übernimmt der lettische Stardirigent Andris Nelsons dieses Spitzenamt. Kein Wunder, dass bei der offiziellen Bekanntgabe dieser durchaus sensationellen Personalie nicht nur Leipzigs OB Burkhard Jung mehr als frohlockte. Auch alle anderen an diesem Deal Beteiligten waren in Festtagsstimmung. Wie Gewandhausdirektor Andreas Schulz, der verkündete: „Es ist uns gelungen, einen der gefragtesten Dirigenten überhaupt zu bekommen.“
Tatsächlich gehörte Nelsons in den letzten Monaten immer wieder zu den am meisten gehandelten Nachfolgern von Simon Rattle bei den Berliner Philharmonikern – obwohl Nelsons ja eigentlich seit 2014 Chefdirigent des Boston Symphony Orchestra (BSO) ist. Wenn er in Berlin zum Zuge gekommen wäre, hätte er aber diesen Posten aufgeben müssen. Denn die Philharmoniker wollen einen Chefdirigenten nur ganz oder gar nicht. Das Leipziger Gewandhausorchester kann hingegen gerne teilen. Das war schon bei Chailly so, der seit Anfang 2015 zudem der Mailänder Scala vorsteht.
Im Fall von Nelsons geht man aber jetzt nicht den üblichen Weg, indem man ihn für ein festgelegtes Konzertkontingent an das Orchester bindet, das er 2011 erstmals dirigiert hat. Zwischen den Leipzigern und dem BSO hat man eine enge Zusammenarbeit vereinbart. So werden die Orchester sich gegenseitig immer wieder besuchen (einen Vorgeschmack gibt es bereits am 5. Mai, wenn das BSO mit Mahlers 9. Sinfonie ins Gewandhaus kommt). Außerdem sind gemeinsame Auftragswerke und Kooperationen bei der Nachwuchsförderung geplant. Und was hat Andris Nelsons zu all dem jetzt gesagt? „Ich bin sehr, sehr begeistert“, so der Shooting-Star. Dass dies keine Floskel ist, weiß ein jeder, der ihn schon mal live erlebt hat.

Guido Fischer



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To the stars ... ... mit so viel hype-credits für einen der neuen dirigentischen Stardarlings, Andris Nelsons, so toll gestenreich-ausdrucksstark. Da sieht man was, auch wenn er manches Detail verhampelt. Anyway, der Boston-Leipziger newdeal ist noch lange nicht in den sehr verschiedenen Kulturetats bilanziert, und man wundert sich, wie solches Hin und Her quer über den Atlantik saisonkonform funktionieren soll? Die B-Phil wähnten dies wohl auch als eher fragwürdig und schätzen Nelsons gerne lieber als sunnyboyhaften und spielfrohen Gastdirigenten, denn als einen musikalisch pflichtbewussten homeworker von der Statur eines Petrenko. gemihaus, Berlin.


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