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(c) Gregor Hohenberg/SCI

Igor Levit

Aufstand mit Variationen

Muss man monoman sein, um Bachs, Beethovens und Rzewskis Variationszyklen zu spielen? Im Gegenteil, findet der Pianist Igor Levit.

Eine leicht morbide, surrealistische Anmutung liegt über dem abgelegenen Gelände des ehemaligen Funkhauses Nalepastraße im Berliner Stadtteil Oberschöneweide. Nachdem uns ein müder Pförtner mit grauem Haar, grauem Hemd und grauer Stimme den Weg um den verlassen in der Sommerhitze liegenden Bau gewiesen hat, durchschreiten wir das riesige leere Foyer und steigen die weite Freitreppe zu dem holzgetäfelten großen Sendesaal hinauf. In dessen Mitte stehen unter den halb im Dunkel liegenden gewaltigen Pilastern, der monumentalen Konzertorgel und der schon lange stehengebliebenen Wanduhr ein Stuhl mit einem übergeworfenen Jackett und ein Steinway-Flügel. Plötzlich kommt Leben in das stille Bild, als Levit locker und erwartungsvoll händereibend die verstreuten Gäste begrüßt, die er zum Abschluss seines bisher größten Aufnahmeprojekts eingeladen hat. Nachdem er in den letzten Monaten an diesem verwunschenen Ort bereits Beethovens Diabelli-Variationen und Frederic Rzewskis monumentalen Variationszyklus „The People United Will Never Be Defeated!“ eingespielt hat, steht heute der abschließende Take des dritten und letzten Werks für sein neues Album an: Bachs Goldbergvariationen. Kaum leuchtet das rote Aufnahmelicht, wird man von Levit in eine weitere Parallelwelt mitgenommen: Eine Weile lässt er die Hände noch wie Raubvögel über den Tasten schweben, bevor er sich dem intensiven Dialog mit Werk und Instrument überlässt. Sein Bachspiel ist weder kühl und abgeklärt, noch bemüht cembalesk oder gar manisch, wie in seinem Umgang mit Beethovens Diabelli-Variationen – vielmehr wirkt es charaktervoll subjektiv, klangvoll und warm, und ist doch gleichzeitig von großer Klarheit und zwingender Emotion.
Er habe wenig geschlafen und noch lange mit Freunden zusammengesessen, erzählt uns der aufgeräumt und keinesfalls müde wirkende Pianist am nächsten Morgen im Hotel. Und als wir ihn fragen, ob es nicht etwas Monomanisches habe, sich in dem abgelegenen Rundfunkgebäude in monumentalen Variationswerken zu vergraben, wird er sogar erst recht energisch. „Ich werde dabei überhaupt nicht aus der Zeit gebeamt“, stellt er klar. Schon deswegen nicht, weil er sich nichts Lebendigeres als die Zusammenarbeit mit seinem Aufnahmeteam vorstellen kann: „Wir sind da zu dritt und wir geben uns dem vollkommen hin und ringen um Ergebnisse und arbeiten und lachen und streiten, und in der Zwischenzeit lesen wir Zeitungen, erzählen uns Witze, verfolgen Nachrichten, diskutieren und unterbrechen, denn ich lasse mir von den beiden alles sagen – und umgekehrt.“ Doch auch das kleine Publikum, das er bei jedem Werk zu einer Aufnahmesitzung einlud, bedeutet für Levit nicht bloß Staffage. Wie eine gemeinsame Reise seien Variationswerke: „Diese Idee von Miteinander – miteinander erleben, miteinander teilen, miteinander reisen, miteinander zuhören ohne sich zu kennen, was ja ein echt intimer Vorgang ist – das kulminiert für mich in diesen drei Werken.“

Kein Bach ohne Frescobaldi

Auf Levits Lebensreise, die ihn mit acht Jahren von seiner Geburtsstadt Nischni- Nowgorod nach Hannover führte, wohin seine Familie 1995 übersiedelte, sind Beethovens Diabelli-Variationen schon ein langer Begleiter: Mit ihnen machte er bereits vor dem Abschluss seines Studiums Furore. Neuer in Levits öffentlichem Repertoire ist dagegen Bach.
Ein prägendes Erlebnis nicht nur im Umgang mit der Musik des Thomaskantors habe er während seines Studiums bei einer Begegnung mit dem Alte-Musik-Spezialisten Lajos Rovatkay gehabt, den er auch als einen seiner Mentoren bezeichnen würde, erinnert sich Levit: „Ich war unglaublich unzufrieden mit allem, und dann war die erste Frage, die er mir stellte: ‚Kennen Sie Josquin?‘ Ich sagte, Jos.. wer? – ‚Josquin! Kennen Sie nicht?‘ Und dann hat er erstmal 20 Minuten mit mir geschimpft – ich war 17 oder was – wie ich es wagen könne, das nicht zu kennen!“ Intensiv habe er dann erst einmal mit seinem Mentor Bachs ganze Vorgeschichte aufgearbeitet, von den großen Meistern der Vokalpolyphonie der Renaissance wie Josquin Desprez und Palestrina bis hin zu Cembalomeistern wie Muffat oder Frescobaldi, die im Klavierstudium sonst praktisch keine Rolle spielten: „Frescobaldi habe ich auch bei meiner Diplomprüfung in der Hochschule gespielt“, sagt Levit lachend, „da gab es viele Fragezeichen bei den Professoren.“ Letztlich, so ist sich Levit sicher, habe die Auseinandersetzung mit Bach nicht nur sein Musikerleben verändert: „Sie hat mich gerettet.“
Doch Rovatkay ist nicht der einzige Spiritus rector aus Hochschultagen, den man zu den Paten für Levits Aufnahmeprojekt zählen könnte. Eine zentrale Rolle spielt für den Pianisten auch Frederic Rzewski selbst, mit dem er eng befreundet ist. Begonnen hat alles mit einer knappen Mail, erzählt Levit: „Ich habe ihm in meinem ersten Semester gemailt, dass ich seine Musik toll finde und dass ich gerne ein Stück von ihm hätte. Das war ein Dreizeiler.“ Die Antwort war nicht weniger lapidar: „Wenn Sie jemanden finden, der es bezahlt, mache ich es.“ Und dann, fährt Levit fort, „habe ich jemanden gefunden, der das bezahlt hat, und dann hat er mir ein Stück geschrieben. Das war‘s. Total einfach!“ Was Rzewskis 1976 entstandene Variationen betrifft, so lässt Levit keinen Zweifel daran, dass dieses Werk für ihn ohne Weiteres neben Beethovens und Bachs Zyklen bestehen kann. Zum einen deswegen, weil er die Art und Weise, „wie er ein Werk aus diesem Atom des Anfangsliedes kreiert, wie das Mantra des Themas immer wieder aus verschiedenen Perspektiven zurückkommt“, Leschlicht für eine kompositorische und pianistische Meisterleistung hält. Doch dies sei nicht alles.
„Diese Musik hat eine Haltung, und diese Haltung lebt“, ist er überzeugt. Es sei eine Haltung, die ebenso über die konkreten Zeitumstände des Protests gegen das Pinochet- Regime hinausweise, wie auch eine Sinfonie von Schostakowitsch nicht als bloße zeitgeschichtliche Dekoration tauge: „Das macht man ja gerne mal mit Musik“, ereifert sich der Pianist. „Dabei ist diese Musik 2015 noch immer echt stark, und sie hat immer noch etwas mit uns zu tun und sie ist nicht verhaftet im Jahr 1936. Und wenn man sie dann einsperrt in das Jahr 1936, dann ist sie tot.“ Was Rzewskis widerständige Variationen betrifft, so bedeutet die Forderung, sie mit Haltung zu spielen für Levit dabei auch, das extrem virtuose einstündige Werk bei der Aufnahme nicht in bequeme kleine Takes aufzusplitten: „Es gibt einen gewissen Grad der Erschöpfung“, behauptet Levit. „Den kann man hören, den kann man sehen. Und das ist bei ‚The People United‘ ein entscheidender Punkt in der ganzen Narrative des Stücks.“ Und wenn man sich als Hörer auf das Stück einlasse, so ist er sicher, „dann erzwingt das auch Haltung von Ihnen.“

Neu erschienen:

Johann Sebastian Bach, Ludwig van Beethoven, Frederic Rzewski

Goldbergvariationen, Diabelli-Variationen, Variationen über „The People United Will Never Be Defeated!“

Igor Levit

Sony


Variationen des Widerstands

Frederic Rzewskis Variationszyklus „The People United Will Never Be Defeated!“ geht auf das chilenische Lied „El pueblo unido“ zurück, das 1973 nach Pinochets Militärputsch zu einem Symbol der Widerstandsbewegung gegen die Diktatur wurde. Rzewski komponierte seine 36 stilistisch vielfältigen und technisch äußerst anspruchsvollen Variationen zwei Jahre später für die amerikanische Pianistin Ursula Oppens, die zu dieser Zeit auch Beethovens Diabelli-Variationen einstudierte. Die Uraufführung des Stückes in einem Konzert anlässlich des 200. Gründungsjubiläums der Vereinigten Staaten wurde zu einer Demonstration gegen die Unterstützung der Junta durch die US-Regierung.


Carsten Niemann, RONDO Ausgabe 5 / 2015



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