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(c) Simon Fowler/Decca

Julia Lezhneva

Kardinalstugenden

Das kindlich wirkende Sopran-Talent, das alles konnte, ist reifer, fraulicher geworden – die richtige Mischung für Händels opulenten, römischen Vokalstil.

Das fetzt: Hier wird gleich aus dem Stand Vokal-Formel-1 gefahren. Fast überschlägt sich die Stimme: „Disserratevi, o porte d’Averno“ – „Öffnet Euch, Pforten der Hölle“, befiehlt der Engel in Georg Friedrich Händels „La resurrezione“, einem frühen Oratorium aus seiner römischen Zeit, und Julia Lezhneva lässt ihre Fioriturenläufe rollen wie Murmeln. Dabei ist die russische Sopranistin ganz in ihrem Element, kann strahlen und jubilieren, mit Vokalfarben spielend das Barock zum Glänzen bringen. Doch diese neuste, einfach nur „Händel“ betitelte CD offenbart auch eine feinsinnige Reife.
Rückblick, vor vier Jahren, Frühsommer 2011. Da marschiert in einer Turnhalle auf der Île de Ré, dem französischen Sylt vor La Rochelle, ein laufender Meter Russland auf die Bühne und trompetet als Fiordiligi los. Ok, genau genommen sind es etwa 1,55 Meter, dazu blondes, dünnes Haar, ein rundes Gesicht mit spitzer Nase und fein geschwungenen Lippen, fast wie eine Madonna von van Eyck. Aber die Stimme sitzt so felsenfest, wie es das dann doch nicht so felsenfeste Mozart-Dämchen zumindest behauptet. Und was für eine Amplitude, was für ein Ausdruck, was für eine Reife! Die wird man sich merken müssen.
Ein Passepartout für alles nur Mögliche präsentierte sich da, ein Rahmen, ein noch unbeschriebenes Blatt, bald zu füllen mit allem Verführerischen, was die Opernbühne und das Konzertpodium anzubieten haben. So hätte es gehen können. Und dann wäre vielleicht heute schon wieder Schluss.
Aber Julia Lezhneva hat sich nicht verheizen lassen. Sie tauchte wie ein Wesen vom anderen Klangstern immer mal wieder an prestigeträchtigen Orten auf, um sich vorzustellen. So 2008 in Pesaro, wo sie ein Jahr zuvor Alberto Zeddas strenge Rossini-Accademia durchlaufen hatte, in einem Arienkonzert an der Seite von Juan Diego Flórez. Und 2010 schmuggelte sie Minkowski in die Salzburger Mozartwoche. 2011 erschien ihre erste Soloplatte, auf der sie mit fast noch kindlichem Charme ein Rossini- Feuerwerk abbrennt und sich sogar an Mezzopartien misst. Doch Lezhneva weiß um ihre Limits, hält sich zurück, geizt mit Auftritten, macht sich rar. Das ist wenig populär, aber sie möchte lieber eine lange Karriere machen.

Reif von der Insel

Entdeckt wurde sie für den Westen von Marc Minkowski. Der ließ sie auf seinem kleinen Insel-Privatfestival in dieser konzertanten „Così fan tutte“ auch erstmals die später sicher für sie wichtige Mozart- Partie ausprobieren, und zwar in einem Youtube-Video. Und dann empfahl er sie gleich an seine damalige Plattenfirma Naïve, so dass Lezhneva bereits 2008 auf seiner Einspielung der Bachschen h-Moll- Messe als zweiter Sopran getestet wurde – und sich als von selten instrumental-anrührender Schlichtheit erwies. 2011, da war sie immer noch erst 21 Jahre alt!, kam dann die Solo-CD, gefolgt von ihrem sensationellen Operneinstand als Page Urbain in der gefeierten Brüsseler „Hugenotten“-Produktion; beides unter Minkowski. Im folgenden Sommer schaute sie auch gleich mal in Salzburg vorbei und sang eine kleine, aber eben wieder aufmerken lassende Partie neben Anna Netrebko in Tschaikowskis „Jolanthe“.
Die 1989 geborene Geologentochter aus Sachalin hatte bereits mit fünf Jahren zu singen begonnen, mit elf hörte sie erstmals Cecilia Bartolis 1999 erschienenes Vivaldi-Album, das ihr eine ganz neue Musikwelt eröffnete. Doch erst einmal studierte Julia Lezhneva Gesang und Klavier am Moskauer Tschaikowski- Konservatorium. Seit sie 12 ist, singt sie auch öffentlich, gern lässt sie sich bewerten. 2006 und 2007 gewann sie zwei wichtige, von dem ehemaligen Mezzostar Jelena Obraszowa initiierte Wettbewerbe. Obraszowa nahm sie daraufhin gleich unter ihre Fittiche, wie später auch Kiri Te Kanawa. Sie gab erste Auslandsgastspiele in Tokio, in Santiago de Compostela und im slowakischen Košice. Doch auf die Bühne zog es die kleine, schüchterne, vokal zwischen Sopran und Mezzosopran oszillierende, dabei sehr intonationssichere Sängerin erst einmal noch nicht.
Dafür tritt nun Giovanni Antonini, der einst mit seinem Il Giardino armonico-Ensemble die Bartoli-CD begleitet hatte, in ihr Leben, wird ihr stilistisch und dirigentisch wichtigster Mentor. Mit ihm nimmt sie ihre erste Vivaldi-Oper „Ottone in Villa“ auf, noch für Naïve. Erst später folgt für Erato, als Wiener Mitschnitt unter Fabio Bondi, „L’oracolo in Messina“.

Fein ziselierte Freude, silbrig jubelnde Spitzentöne

Naïve kann diesen offensichtlichen, aber eben noch sehr jungen, schützenswerten Star nicht lange halten, die attraktivere Decca lockt. Ihre erste CD dort ist der von Countertenor Max Emanuel Cencic auch als Produzent betreute „Alessandro“, wo Lezhneva in dem berühmten Händel-Vehikel für die vokalen „Rival Queens“ Cuzzoni und Bordoni ihre stupende Musikalität und hochvirtuose Technik unter Beweis stellt.
Man nennt sie bereits die neue Bartoli. Und ihre erste klingende Solo-Visitenkarte beim neuen Label scheint das auch zu belegen. In einem stilistisch klug zusammengestellten, wieder von Giovanni Antonini gewohnt überschäumend begleiteten Solomotetten-Quartett von Vivaldi und Händel über Porpora bis Mozart singt Julia Lezhneva mit fein ziselierter Freude und silbrig jubelnden Spitzentönen, dabei mit reiner Novizinnen-Innigkeit. Ein Vokal- Küken, auf das alle ganz heiß sind.
Und wieder wächst sie lieber im Halbverborgenen heran, als im allzu grellen Scheinwerferlicht. Julia Lezhneva wird Teil der Cencic- Familie, die in ganz Europa Barockopernprojekte stemmt, zunächst aufnimmt und dann wahlweise auch konzertant oder szenisch präsentiert, wie es am jeweiligen Ort gerade passt. Für letzteres – das Fräulein und ihr sie managender Freund entwickeln durchwichaus schon Primadonna-Allüren – steht sie freilich nur noch an den attraktiven Gastspielorten, in Wien oder der Versailler Hofoper, zur Verfügung. Wie dort etwa in der hinreißend vokalverrückten Hasse-Oper „Siroé“. Mit dem Alte-Musik-Ensemble Armonia Atenea unter George Petrou durfte sie als Laodice ihre stupende Virtuosität zusätzlich in einer interpolierten Graun-Arie koloraturenreich funkeln lassen.
Noch einmal aber ist Julia Lezhneva – es gibt noch alte Verträge – bei Naïve zu hören, mit dem Accentus- Chor und dem Orchestre de Chambre de Paris unter Ottavio Dantone, und zwar in Rossinis lyrisch-leiser „Petite Messe solennelle“. Dieser instrumentale Sopran scheint wie geschaffen für Kirchenmusik – einen schöneren Zweiklang der Stimmen, wie mit dem ätherischen Countertenor von Philippe Jaroussky, der sie auch unbedingt bei Erato für das Stabat Mater von Pergolesi haben wollte, kann es kaum geben. So innig, so einfach, so richtig als perfekte Balance von weihevoller Sakralatmosphäre und opernhaftem Gefühlsausdruck.

Neu erschienen:

Georg Friedrich Händel

Händel

Julia Lezhneva, Dmitry Sinkovsky, Il Giardino Armonico, Giovanni Antonini

DG/Universal


Verführerische Entwicklung

Die Unschuld ist noch da, aber es schwingen auch andere, weiblichere Töne mit, bittend, verführend, betend, lobend und liebend. Für ihre erst zweite Decca-Solo-CD hat Julia Lezhneva wiederum mit Giovanni Antonini und dem Giardino Armonico zusammengearbeitet. Es geht extrem zu, in den Tempi, aber auch in den Affekten. Es wird extrovertiert tiriliert und ganz zurückgenommen kontemplativ in Noten philosophiert. Bunt ist die Auswahl aus Serenaden, Oratorien, Opern und dem Salve Regina, stets souverän sucht die Lezhneva dabei den grandiosen Effekt wie die klare Gebetsform. Und sie verfügt über beides, kann locken und trösten, verführen und beruhigen. Eine Künstlerin entwickelt sich behutsam weiter. Dieses Album gibt davon formvollendet Ausdruck.


Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 5 / 2015



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