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(c) Art Streiber

Michael Tilson Thomas

Bewehter Beethoven

Am Pult des San Francisco Symphony dirigiert er den turbulentesten Beethoven und Mahler Amerikas – dank Pazifik-Brise.

Splitternackten Herren – auch wenn ihre Intim-Piercings den Blick abwärts lenken – ist die sexuelle Orientierung nicht unbedingt anzusehen. Auch in San Francisco nicht. Beim San Francisco Pride im Frühsommer verwandelt sich die gesamte Innenstadt traditionell in eine lesbischschwul- bisexuelle-Transgender-Partymeile. In ihr stellen die amerikanischen Nudisten keineswegs die größte Gruppe. Allerdings eine der optisch prägnantesten. Welche Nebenwirkungen Ringe, Stäbchen und Kügelchen, die in Intimregionen rund ums menschliche Schambein eingesetzt werden, bei alltäglichen Verrichtungen bereiten mögen, Erkenntnisse darüber bleiben einem hier trotzdem erspart.
Das alles findet immerhin in Sichtweite der Davies Hall statt, also der Heimat der San Francisco Symphony. Obwohl zentral gelegen (seit 1980 direkt neben Oper und City Hall), beklagten sich Besucher früher oft über die finstere Umgebung. Das hat sich geändert seit man die benachbarte Hayes Street in ein Caféund Galerien-Quartier voll pittoresker Lokale umgestaltet hat – so wie es dem hippiemäßigen Häkelstil der kalifornischen Hafenstadt entspricht.

Theaterblut – mit einem Schuss Europa

Auch Michael Tilson Thomas, seit zwanzig Jahren Chef des Orchesters, gibt sich mit Nickelbrille und Langhaar-Frisur ein betont europäisches Aussehen. Mit Vintage-Charakter, wie hier üblich. Wo immer man sich in den USA ein europäisches Gepräge geben möchte, greift man auf Accessoires der biodynamisch bewegten 60er Jahre zurück: Batik-Schlabber, Drops- Farben und ein reichlicher gehaltenes Haupthaar sind in San Francisco untrügliche Zeichen eines Sympathisierens mit Mitteleuropa.
Auch musikalisch. Die San Francisco Symphony, wie man auch bei der Herbst-Tournee des Orchesters in Deutschland feststellen konnte, verfügt über die am natürlichsten timbrierten Streicher und Holzbläser unter amerikanischen Orchestern insgesamt. Nichts da vom überoffensiven Bläserauftritt, wie man ihn aus Chicago kennt. Auch nichts vom oberobertonreichen Glissando-Sound Philadelphias. Vielleicht liegt’s an der Galerie europäisch gesonnener Dirigenten-Vorgänger.
Herbert Blomstedt machte von 1985 bis 1995 mit zahllosen Referenzaufnahmen klar, dass man bei den sogenannten „Big Five“ die San Francisco Symphony schlicht vergessen hatte. Frühere Chefs wie Seiji Ozawa, Pierre Monteux und Josef Krips hatten gleichfalls große Namen, konnten den seltsamen Platznachteil Kaliforniens im Kultur-Selbstverständnis der USA indes noch nicht wettmachen. In San Francisco ist man großzügig genug, inoffiziell von den „Big Seven“ der US-Orchester zu sprechen. Neben den üblichen fünf (Boston, Chicago, Cleveland, Philadelphia und New York) respektiert man auch das – unweit beheimatete – Los Angeles Philharmonic als erstrangig. Sind eben nette Leute.
„Sie können mich hier regelmäßig auf dem Wochenmarkt am Ferry Building antreffen“, sagt Michael Tilson Thomas im Gespräch – und gibt sich betont nachbarlich. Er habe mit eigenen Repertoire-Akzenten das Profil des Orchesters gewiss verändert. Aber nicht seine persönlichen Vorlieben in Klang umgesetzt. „Bei mir ist es so, dass mir im Grunde wenig an einem Personalstil liegt. Ich komme aus einer alten Theaterfamilie“, so Tilson Thomas. Da habe es immer geheißen: „Sei vielseitig, sonst wirst du langweilig! Debussy muss wie Debussy klingen und Mozart wie Mozart.“
Als eine Art ‚amerikanischer Simon Rattle’ hat Tilson Thomas die Education zur Chefsache gemacht. „Alle Dinge, die ich auf die Beine gestellt habe, also Projekte wie ‚Keeping Score’ und die ‚Sound Box’ hier hinter dem Gebäude der Davies Hall, sind typisch amerikanisch“, so Tilson Thomas. Und zwar in der Hinsicht, dass man Dinge ganz neu und ‚von Null’ anfangen kann. „Alle für mich wichtigen Projekte sind durch private Sponsoren zustande gekommen“, sagt er stolz. Was allerdings nicht bedeutet, dass er die kritische Situation, in der sich viele amerikanische Orchester aktuell befinden, unterschätzt.
„In ganz Amerika ist es leider so, dass die Museen den Musikinstitutionen den Rang abgelaufen haben“, so Tilson Thomas. „Museen sind die neuen Kathedralen. Warum? Weil ein Kunstwerk von Frank Stella scheinbar repräsentativer und vor allem leichter konsumierbar ist als eine Sinfonie von Brahms.“ Es bedeute heute viel mühsame Kleinarbeit, um ein Orchester zu halten. „Aber es lohnt sich.“

Verteilungskampf? Nein, Aufbruchsstimmung

Das ständige Neuanfangen, den Kampf um die Grundlagen hört man den Interpretationen freilich an – als Aufbruchsstimmung. Der spektakuläre Mahler-Zyklus auf CD etwa, auch die ständige Programmierung neuer Werke legen Zeugnis davon ab. Mit John Adams, wohnhaft vis-à-vis in Berkeley, hat man sogar eine Art kalifornischen Hauskomponisten kreiert. Dessen neues Werk „Absolut Jest“ nahm man selbstverständlich mit auf die Europa-Tour.
Es gibt kaum einen turbulenteren Tschaikowski und keinen groovigeren Beethoven als den, welchen „MTT“ – wie man Tilson Thomas nennt – und die San Francisco Symphony im Programm haben. Wovon die neue CD mit Beethovens 3. Klavierkonzert (mit Emanuel Ax), demnächst im Handel, bestes Zeugnis ablegt. Das Flair und die Küsten-Brise einer der schönsten Metropolen der Welt fächeln durch diese Aufnahmen. Es ist Beethoven – beweht.

http://www.sfsymphony.org/

Bereits erschienen:

John Adams

„Absolute Jest“, Gran Pianola Music

Michael Tilson Thomas, San Francisco Symphony Orchestra

SFS Media/edel:Kultur

Erscheint im November:

Ludwig van Beethoven

C-Dur-Messe, Klavierkonzert Nr. 3

Emanuel Ax, Michael Tilson Thomas, San Francisco Symphony Orchestra

SFS Media/edel:Kultur


Mahler in San Francisco

Von den neun Sinfonien Mahlers liegen MTT und der San Francisco Symphony die ‚heiteren’ Nr. 1 und 4 besonders gut. Erstaunlich schlüssig auch Nr. 7 und die gigantische 8. Sinfonie. In der „Auferstehungssinfonie“ (= Nr. 2) singt noch die überirdische Lorraine Hunt Lieberson. Bei den Rückert-, Fahrender Gesell- und Wunderhorn-Liedern bietet man immerhin Thomas Hampson und Susan Graham. Inzwischen hat man sich – nach Copland, Tschaikowski und zuletzt Adams – erneut Beethoven zugewandt. Eine CD mit Mini-„Masterpieces“ und die Gesamtaufnahme der „West Side Story“ verteidigen furios amerikanisches Territorium. Unter amerikanischen Orchester-Labels: absolut erstklassig!


Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 5 / 2015



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