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(c) Nikolaj Lund/Sony

Antonello Manacorda

Offene Türen

Mit einem Schubert-Zyklus einen Plattenerfolg landen? Die wendige, transparente Besetzung „seiner“ Kammerakademie Potsdam hat’s möglich gemacht.

Man kann zum ECHO als einem von der Industrie verliehenen Klassikpreis stehen wie man mag. Aber er sichert maximale Aufmerksamkeit. Und er ist ein sichtbares Zeichen von Erfolg. So ist er jetzt dem Dirigenten Antonello Manacorda und der Kammerakademie Potsdam widerfahren: Am 18. Oktober erhalten sie in Berlin eine Auszeichnung – nicht die erste – für ihren gemeinsamen Zyklus sämtlicher Schubert-Sinfonien. Insbesondere für die Einspielung der 2. und 4. Sinfonie werden sie als „Orchester/Ensemble des Jahres“ geehrt. Wer hätte das gedacht? Denn noch vor 15 Jahren ergaben sich für beide, inzwischen so harmonisch und kreativ beflügelnd verwachsene Partner noch ganz andere Perspektiven.
Da existierten das Berliner Ensemble Oriol und das Potsdamer Persius Ensemble, beides sehr gute Kammerformationen, für die es aber düster aussah. Aufhören oder Zusammenschließen blieb als einzige Wahl. Ausnahmsweise wurde aus der Zwangsheirat auch mal ein Glücksfall. Denn die brandenburgische Landeshauptstadt hatte nach der Wende ihr Musiktheater abgewickelt, führte das Hans Otto Theater nur noch als Schauspiel weiter. Gleichzeitig aber entschied man sich für den Neubau des traditionsreichen Nikolaisaals als Konzertgebäude der Stadt. Wer sollte hier Hausorchester werden, als Qualitätsanker, um den akustisch äußerst erfreulichen, optisch mit seinen abgerundeten Formen, den Akustiknoppen und den modern-geblümten Sesseln hinter barocker Fassade jenseits von Vermietungen und Gastkünstlern attraktiv zu machen? 2000 wurde der Saal eröffnet, ein Jahr später präsentierte sich hier die aus beiden Ensembles fusionierte Kammerakademie Potsdam als neues Orchester der Stadt. Und immer im Herbst erarbeitet man, gemeinsam mit dem Hans Otto Theater, im Schlosstheater Friedrich II. (inzwischen für die Dauer von des sen Restaurierung in der Friedenskirche) eine erste „Winteroper“.

Erst Finnland, dann ganz Europa

Damals spielte der Turiner Musiker Antonello Manacorda noch im von ihm mitbegründeten Mahler Chamber Orchestra als Geiger und Konzertmeister. Und doch wusste er sehr genau, dabei würde es nicht bleiben. Schon im Gustav Mahler Jugendorchester hatte er dessen Gründer Claudio Abbado genau beobachtet. Von ihm ermutigt, aber auch durch das Erleben vieler bedeutender Dirigenten in der engen Zusammenarbeit bestärkt, nahm er dank eines Stipendiums zwei Jahre Unterricht beim finnischen Dirigentenschmied Jorma Panula in Helsinki. Aber würde er sich als spät entschlossener Quereinsteiger im Haifischbecken der Klassik behaupten können.
Sein Netzwerk griff, und sein Talent setzte sich durch. Von 2003 bis 2006 war Manacorda künstlerischer Leiter im Bereich Kammermusik an der Académie Européenne de Musique beim Festival in Aix-en-Provence. Von 2006 bis 2010 wirkte er als Chefdirigent der Mailänder Pomeriggi Musicali. Seit 2010 steht er der Kammerakademie Potsdam und seit 2011 dem niederländischen Het Gelders Orkest in Nijmegen vor. Er ist regelmäßig Gastdirigent beim hr-Sinfonieorchester, dem Helsinki Philharmonic, BBC Philharmonic, Orchestra della Svizzera Italiana und Tapiola Sinfonietta. In der Saison 2015-16 gastiert er erstmalig beim Gothenburg Symphony Orchestra, Iceland Symphony sowie beim Frankfurter Opernund Museumsorchester.
Im Januar 2015 gab Antonello Manacorda sein Debüt bei der Mozartwoche Salzburg mit Schuberts „Alfonso und Estrella“. Und auch sonst ist er im Opernbereich aktiv. Am venezianischen Teatro La Fenice erarbeitete er mit dem gefragten Regisseur Damiano Michieletto eine mit viel Aufmerksamkeit bedachte Mozart/ da-Ponte-Trilogie. Der jetzt noch eine gemeinsame Zauberflöte folgt. Unter seinen zukünftigen Engagements finden sich das La Monnaie in Brüssel, das Theater an der Wien, die Komische Oper Berlin sowie die Opern in Frankfurt und München.

Profiltiefe durch Kammerbesetzung

Währenddessen hatte die Kammerakademie Potsdam ihre Aufbaujahre hinter sich gebracht. Das Ensemble Oriol konnte als Streichorchester ohne Dirigent auf ein umfangreiches Repertoire vom Barock bis zur Moderne aufbauen. Mit den Bläsern des Persius Ensembles wurden nicht nur die klanglichen Möglichkeiten, sondern auch der Werkkatalog erweitert; mittlerweile reicht die stilistische Vielfalt von der Barockoper auf historischem Instrumentarium über die klassische Sinfonie bis hin zur Uraufführung zeitgenössischer Werke. Die Künstlerische Leitung lag zunächst in den Händen von Peter Rundel. Unter dem diridirigierenden Fagottisten Sergio Azzolini begann 2002 eine deutliche Profilierung auf dem Gebiet des 18. Jahrhunderts, die Andrea Marcon ab 2007 fortsetzte. Michael Sanderling entwickelte die sinfonischen Qualitäten des Orchesters ab 2006 mit einem Repertoireschwerpunkt auf Beethoven und Schostakowitsch weiter.
Und nachdem man mehrfach als Begleitorchester für CD-Aufnahmen bedeutender Solisten, wie dem Bratschisten Nils Mönkemeyer, dem Cellisten Maximilian Hornung oder jüngst dem Mandolinenspieler Avi Avital angefragt worden war, reifte in Gesprächen mit dem Hauslabel der Plan eines Schubert-Zyklus in Kammerorchesterstärke und mit historischen Blasinstrumenten.
„Schubert ist der Brückenbauer“, sagt Antonello Manacorda. „Ohne ihn gäbe es keinen Brahms und Bruckner. Er ist verantwortlich auch für den orchestralen Klang der Romantik, erst dann haben sich auch Mendelssohn und Schumann getraut. Bei ihm gibt es viel mehr Verbindungen zu Haydn und Mozart, denn an den titanischen Beethoven wagte man sich zunächst nicht heran.“ Schon die erste CD mit der Unvollendeten wurde begeistert aufgenommen, verkaufte sich gut. Manacorda und das noch junge Orchester markierten so, begleitet von blendenden Kritiken, auf der großen Karte der internationalen CD-Landschaft ihren Standort.

Bahn frei für die Bläser

„Natürlich passt er mit seinem zunächst kleingehaltenen Orchesterapparat in seinen ersten sechs Sinfonien wunderbar zu einem überschaubaren Ensemble“, lässt Manacorda an seiner Strategie teilhaben. „Ohne große Streicherbesetzung wird seine subtile Bläserbehandlung deutlicher. Und mit alten Instrumenten wird hörbar, wie sehr er auch noch frühklassischen Klangvorstellungen verhaftet ist. Das fanden wir spannend, und weil es in letzter Zeit so wenige Schubert-Aufnahmen gab, erschien das eine prima Gelegenheit.“
Inzwischen gibt es wieder deutlich mehr, aber Manacorda und die Potsdamer haben nicht nur stilistisch die Nasen vorn. „Mich freut jetzt besonders, dass langsam auch die Stadt Potsdam und die Bürger ihr Orchester lieben, stolz auf es sind.“ Manacorda selbst hat eben die Agentur gewechselt, startet jetzt mit Mitte 40 richtig durch. „Es war gut langsam zu reifen. Ich merke jetzt, dass alle Türen offen stehen. Durch die ich gern aber auch mit der Potsdamer Kammerakademie gehe. War Claudio Abbado lange mein Vorbild, so sehe ich natürlich auch, was für eine fruchtbare Partnerschaft Paavo Järvi seit langem mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen pflegt. So etwas auf lange Zeit, das wäre auch mein Traum.“

http://kammerakademie-potsdam.de/

Neu erschienen:

Franz Schubert

Sinfonie Nr. 1 D 82 und Nr. 10 D 936a, Fragment

Kammerakademie Potsdam, Antonello Manacorda

Sony

Erscheint Ende Oktober:

Franz Schubert

Sinfonien Nr. 1 - 8

Kammerakademie Potsdam, Antonello Manacorda

Sony


Beethoven im Visier?

Vier CDs umfasst gegenwärtig der vielgelobte Zyklus aller Schubert-Sinfonien der Kammerakademie Potsdam mit Antonello Manacorda. Die Erste, die noch fehlte, sollte ursprünglich als Bonus zur Ende Oktober auch international veröffentlichten Box mit allen Sinfonien erscheinen. Doch jetzt gibt es sie bereits ab Mitte Oktober doch zunächst als separates Album, und zwar in Kopplung mit dem Andante eines Sinfonie-Entwurfs in D-Dur, D 936a aus Schuberts Todesjahr 1828. Die so genannte „Nr. 10“ wurde für den Konzertgebrauch rekonstruiert und eingerichtet von Peter Gülke und Brian Newbould. Als Nächstes wird mit Sony bereits ein sinfonischer Mendelssohn-Zyklus konzipiert, der womöglich die Kammersinfonien miteinbezieht. Und wer weiß, 2020 ist schon Beethoven- Jahr …


Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 5 / 2015



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