Startseite · Klartext · Pasticcio

Lässt Synagogen musikalisch aufleben: Iván Fischer (c) bfz.hu

Pasticcio

Erinnerungskultur

2012 sorgte ein Parlamentarier der ungarischen, rechtsgerichteten Jobbik-Partei international für Empörung. Márton Gyöngyösi hatte vorgeschlagen, aus Gründen der nationalen Sicherheit sämtliche in Ungarn lebenden Juden registrieren zu lassen. Wer jedoch damals vermutete, dass dieser Ausdruck von Antisemitismus ein Einzelfall in Ungarn sein würde, den kann Stardirigent Adam Fischer schnell korrigieren. So hat er erst gerade im Gespräch mit dem Autor auf den alltäglichen Antisemitismus hingewiesen. Dazu gehören etwa mitten in Budapest Schmierereien auf Häuserwänden wie „Jude verrecke“. Beim gebürtigen Ungarn Adam Fischer läuten dann allein aus persönlichen Gründen alle Alarmglocken: seine Großeltern gehörten zu den mehr als 500.000 ungarischen Juden, die im Holocaust umgebracht wurden.
Heute leben in Ungarn zwar wieder mehr als 100.000 Juden. Doch auch für Fischers Bruder Iván gibt es noch sehr viel zu tun, um über das Erinnern Vorurteile abzubauen. Und so hat Iván Fischer, seines Zeichens Gründer des berühmten Budapest Festival Orchestra und Chefdirigent des Berliner Konzerthausorchesters, eine besondere Konzertreihe in Ungarn aus der Taufe gehoben. Mit seinen Musikern gibt er auch in der Provinz sogenannte „Synagogenkonzerte“. Nach dem Krieg standen die Synagogen leer und wurden im Laufe der Jahrzehnte etwa in Möbelgeschäfte und Sporthallen umfunktioniert. Dank auch der finanziellen Unterstützung von Freunden aus dem Ausland können nun die zum Teil prächtigen Gebäude immerhin ein wenig renoviert werden. Und mit den Konzerten, bei denen Werke etwa von Schostakowitsch neben denen von ungarischen Komponisten wie Béla Kovács zu hören sind, will Iván Fischer nicht nur die kleinen jüdischen Gemeinden unterstützen. Ihm geht es dabei auch um lebendige Geschichte: „Die Leute, die da heute leben, die wissen gar nichts – wie das Leben früher war, wie die Großeltern zusammen gelebt haben mit Juden im Dorf, was in einer Synagoge normalerweise geschieht, wie eine Synagoge überhaupt aussieht, was der Zweck ist dort drinnen. Wir kommen in diese Dörfer, laden die Leute ein, wo Musik die Attraktion ist, aber für uns ist das Wichtigste die Aufklärung, dass wir den Leuten erzählen, wie das Leben war, zusammen mit Christen und Juden in diesem Dorf.“

Guido Fischer



Kommentare

Kommentar posten

Für diesen Artikel gibt es noch keine Kommentare.


Das könnte Sie auch interessieren

Testgelände

Gundula Janowitz

Gruß vom Himmel

Zum 80. Geburtstag schenkt die Deutsche Grammophon dem Jahrhundert-Engel all ihre Aufnahmen in […]
zum Artikel »

Gefragt

Magdalena Kožena

Rollentausch

Vergesst Carmen und Mélisande! Wenn sie Lied singt, vor allem aber Barockes von Monteverdi, ist […]
zum Artikel »




Top