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Christian Tetzlaff in einer Kölner Schule (c) Heike Fischer

Rhapsody In School

Klassischer Erstkontakt

Klassik trifft Klasse: Seit 2005 wecken Musiker vor Ort junges Interesse. Zu Besuch beim Projekt „Rhapsody In School“ in einer Düsseldorfer Schule.

Schon nach wenigen Fragen sind alle Schüler wieder beim „Sie“. Jesko Sirvend scheint, obwohl er mit seinen 29 Jahren noch zu den „Dirigenten- Embryos“ gehört, wie er selbst sagt, bereits die gewisse Maestro-Aura für alle Anwesenden auszustrahlen. Trotzdem gelingt es ihm an diesem Vormittag hervorragend und auf ganz ungezwungene Art, mit den rund dreißig Schülerinnen und Schülern der 10. und 11. Klasse des Düsseldorfer Cecilien-Gymnasiums ins Gespräch zu kommen.
Und immerhin: Die Hälfte der Anwesenden war schon einmal in einem klassischen Konzert. Die „Rhapsody In Blue“- Anspielung im Namen des Projekts versteht dagegen keiner. „Ich möchte hier niemanden von klassischer Musik überzeugen“, stellt Sirvend auch gleich klar. „Aber ich glaube, wir alle sollten offen gegenüber Neuem und Unbekanntem sein. Denn was passiert, wenn eine Gesellschaft das nicht leistet, sehen wir gerade in der realpolitischen Situation!“
Da Sirvend, anders als die meisten Künstler, die im Rahmen des Vermittlungsprojekts in Schulklassen gehen, als Dirigent kein Instrument dabei hat, muss er die Schüler umso mehr mit seiner Persönlichkeit und durch bloße Erzählung einfangen. „Ich bin überzeugt, dass wir Musik und Kultur brauchen, um zu überleben!“, sagt Sirvend, der unter anderem die Ignition-Konzertreihe an der Tonhalle leitet, im vorherigen Gespräch und erläutert seine Motivation, als „Rhapsode“ in Schulklassen zu gehen. „Gerade die 13- bis 18-Jährigen sind im Konzertpublikum quasi nicht vorhanden, obwohl sie die offensten und unvoreingenommensten Hörer und somit ein tolles Publikum sind. Deshalb möchte ich etwas tun.“
An diesem Vormittag in Düsseldorf ist dieses „etwas“ anschaulich, ehrlich und manchmal auch recht fachspezifisch. Sirvend spricht vom Dirigent-Sein und -Werden. Und auch, wenn von den Schülern manche mehr, manche weniger gespannt zuhören, wird ihnen allen klar, dass dieser Beruf und diese Musik etwas Besonderes und Wunderbares haben müssen, wenn man solche Opfer dafür bringt: „Dem Job muss man eigentlich alles unterordnen, Familie und Freunde.“ Bewundernde Stille im Raum.

Als der Pianist Lars Vogt das Projekt „Rhapsody In School“ mit einigen Künstlerfreunden ins Leben rief, stand dahinter ein Grundgedanke: „Wir Künstler müssen noch mehr als bisher aus unserem Elfenbeinturm herauskommen und versuchen, den Kontakt der Kinder zu unserer Kunst direkt herzustellen“. Um die dreihundert Künstler sind mittlerweile im Rahmen des Projekts in Schulklassen gegangen, von Jörg Widmann über Christian Zacharias bis zu Julia Fischer. Zehntausende junge Menschen hat das Projekt seit Gründung erreicht. Aber kann „Rhapsody In School“ neben dem vielleicht entscheidenden Erstkontakt zur Klassik auch längerfristiges Interesse an dieser Kunst fördern? Darauf antwortet Projektorganisatorin Sabine von Imhoff mit gesundem Realismus: „Wir wollen den Schülern zeigen, was klassische Musik auslösen kann, aber wir können immer nur einen Anstoß geben. Die Nachbereitung muss im Musikunterricht geschehen“. Immer wieder gibt es aber durchaus entscheidende Anzeichen für den Erfolg der Vermittlung: In Essen ging eine ganze Schulklasse nach dem morgendlichen Künstlerbesuch spontan in ein Konzert. Auch die Resonanz der Lehrer sei immer sehr positiv, sagt von Imhoff. „Selbst wenn sich in 10 Jahren jemand dafür entscheidet, die Geige mal wieder in die Hand zu nehmen oder Klavier zu lernen, hat das Projekt Erfolg und Nachwirkung“, beteuert Lars Vogt.
Unbestritten ist: „Rhapsody In School“ hat sich längst als eine feste Größe im Kosmos der zahlreichen Education-Projekte in Deutschland etabliert. Künstler kommen mittlerweile von sich aus auf das „Rhapsody-Team“ zu, Schulen fragen auch ein zweites und drittes Mal für Künstlerbesuche an. Mit dem ECHO Klassik gab es dann 2014 auch eine weithin wahrgenommene Auszeichnung. Ein Siegel, das bei Sponsoren gut ankomme, erzählt von Imhoff.
Der Besuch von Jesko Sirvend in der Schule in Düsseldorf dauert 45 Minuten, genau eine Schulstunde lang. Danach geht es für den Dirigenten im Taxi zur Tonhalle, dort probt er für ein Konzert aus der „Ignition“-Reihe: Viele der Schüler werden ihn dort erneut erleben. Dann allerdings nicht als Musikdolmetscher, sondern als einen Künstler, dessen musikalisches Wirken im Idealfall für sich sprechen und in seinen Bann ziehen wird.

www.rhapsody-in-school.de


Alles Gute, Rhapsody In School!

Zum zehnjährigen Jubiläum von „Rhapsody In School“ 2016 gibt es in zwei Städten Festkonzerte unter dem Titel „Rhapsody In Concert“. Am 8.1. werden im Konzerthaus Berlin unter anderem Auszüge aus dem „Feuervogel“ von Igor Strawinski und Edvard Griegs Klavierkonzert gespielt. Als Solisten sind Lars Vogt, Tanja Tetzlaff, Veronika Eberle und Sharon Kam dabei, die Moderation übernimmt Malte Arkona. In das Konzerthausorchester mischen sich Schülermusiker des Carl Philipp Emanuel Bach-Gymnasiums Berlin. Und Pianist und Projektinitiator Lars Vogt wird neben der Rolle als Solist auch als Moderator und Dirigent zu erleben sein. Am 28.9. folgt dann ein weiteres Jubiläumskonzert in der Tonhalle Düsseldorf.


Malte Hemmerich, RONDO Ausgabe 6 / 2015


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