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(c) Christian Steiner/DG

Vladimir Horowitz

Seelenfieberkurven in Chicago

Am 26. Oktober 1986 verabschiedete sich der Pianist von seinen Chicagoer Fans mit einem Recital, das nun erstmals auf Doppel-CD erscheint.

Es ist nie klug, einen alten Soldaten abzuschreiben. Besonders, wenn es sich bei dem alten Soldaten um Vladimir Horowitz handelt.“ Mit dieser Empfehlung begann John von Rhein in der „Chicago Tribune“ Ende Oktober 1986 seine Besprechung vom rückblickend letzten Konzert, das Horowitz in Chicago gegeben hatte. Von Rhein reihte sich damit selbstkritisch in die Schar jener musikalischen Beobachter ein, die den hochbetagten „General am Klavier“ (Horowitz über Horowitz) noch drei Jahre zuvor eigentlich schon aufs Altenteil geschrieben hatten. Und wenn man die jüngst bei Sony erstmals veröffentlichten Live-Mitschnitte aus New York und Boston aus dem Jahr 1983 zum Vergleich heranzieht, kann man sich lebhaft vorstellen, welchen verstörenden Eindruck das gebrechliche Spiel des damals 80-jährigen Meisterpianisten auch in der Illinois-Metropole hinterlassen hatte. Doch am 26. Oktober 1986 entpuppte sich Horowitz bei seinem insgesamt 37. Konzert, das er im Laufe seiner über 60-jährigen Karriere in Chicago gegeben hatte, als ein wahres Stehaufmännchen.
In Chopins b-Moll-Scherzo setzte er direkt ab den ersten Monsterwellen, die da über die Tastatur schwappen, alles auf eine Karte – und schien trotz des ungeheuren Agitato selbst in der Coda noch nicht einmal ganz aus der Puste zu sein. Franz Liszts „Petrarca-Sonett Nr. 104“ hält einen mit seinen heftig ausschlagenden Seelenfieberkurven in Atem. Einen regelrechten Feuersturm entfachte der 83-Jährige hingegen bei Skrjabins dis-Moll-Etüde. Und zu guter Letzt präsentierte er zwei seiner Zugaben- Evergreens – Schumanns „Träumerei“ als ein schon fast hymnischer Gesang auf das Leben sowie die einfach nur unwiderstehlich toll aus dem Ärmel geschüttelten „Étincelles“ von Moritz Moszkowski. Wenn auch danach das Publikum in der Orchestra Hall aus dem Häuschen war, dann zu Recht.
Nun also ist dieses Konzert zum ersten Mal überhaupt auf Tonträger erschienen. Bis Oktober 2013 schlummerten die Aufnahmen in den Archiven des Chicagoer Radiosenders WFMT, der das Horowitz-Recital übertragen hatte. Und neben diesem Fund machte der jetzt für die Welterstveröffentlichung verantwortliche Produzent Jon M. Samuels noch zwei weitere Entdeckungen. Es sind zwei Interviews, die Horowitz im Rahmen von zwei Chicago- Auftritten dem Radio gegeben hatte und die jetzt in großen Ausschnitten gleichfalls zu hören sind. Während Horowitz 1974 auch seine Karriere und Begegnungen etwa mit Prokofjew Revue passieren lässt, gibt er sich 1986 einen Tag vor dem Konzert entspannt, charmant und – begleitet von seinem typisch bellenden Staccato-Lachen – zu Späßchen aufgelegt. Im schnoddrigen Englisch erzählt er da von seinem Chicago-Debüt im März 1928, bei dem Ignaz Paderewski im Publikum saß, sowie von seiner Wandlung vom „flamboyanten“ Virtuosen hin zum „Priester der Künste“. Aber auch seine zumindest offiziell erst spät entdeckte Liebe „Mozart“ kommt zur Sprache. „Privat habe ich ihn immer gespielt.“ Und wie nah er sich Mozart fühlte, lässt er einen jetzt unvergleichlich spüren – etwa im glückspendenden „Andante cantabile“ aus der C-Dur-Sonate KV 330.

Neu erschienen:

Wolfgang Amadeus Mozart, Robert Schumann u.a.

„Horowitz – Return To Chicago“

Vladimir Horowitz

DG/Universal

Guido Fischer, RONDO Ausgabe 6 / 2015



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