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Schloss Weimar: Uraufführungsort der frühen Bach-Kantaten (c) schloesserrundschau_de

Hörtest

Bach: Weihnachtskantate BWV 63

Gehört das „Weihnachtsoratorium“ zum Fest wie der Vogel? Wer Bach liebt, aber Alternativen sucht, findet bei Kantate BWV 63 die helle Freude – mit vier Trompeten.

Weihnachten mit Bach, aber ohne Weihnachtsoratorium – das ist für viele Fans des Thomaskantors vielleicht „möglich, aber sinnlos“ (um Loriot zu zitieren). Doch es gibt ein paar Alternativen im Kantatenwerk. BWV 63 mit dem spektakulären Titel „Christen, ätzet diesen Tag in Metall und Marmorsteine“ bietet sich an, wenngleich sich hartnäckig das Vorurteil hält, diese etwas geheimnisumwitterte, schon in Weimar entstandene und später in Leipzig mehrfach wiederaufgeführte Kantate zum 1. Weihnachtstag sei „zu wenig weihnachtlich“. Es fehlen, so wird beklagt, die Hirtenmusik, das „Gloria“ der lukanischen Engel und auch die Weihnachtsliedstrophen. Tatsächlich aber werden die meisten dieser Elemente im WO aber auch erst am zweiten Weihnachtstag präsentiert. Dafür hat BWV 63 einen prächtigen Eingangschor mit „mehrstöckigem“ Orchestersatz inklusive Pauken und vier (!) Trompeten, der nicht nur das Eilen zur Krippe, sondern auch die auf das 4. Buch Mose zurückgehende und im Johannesprolog wiedererscheinende Lichtmetaphorik aufgreift; die findet sich im Altrezitativ von WO Teil 1 („Nun wird der Stern aus Jakob scheinen“) ebenfalls. Es folgt ein streicherbegleitetes Alt-Rezitativ, das, wenn es trefflich dargeboten wird, geradezu bebt vor verinnerlichter Freude und Dankbarkeit über die Geburt Christi. Das anschließende Sopran-Bass-Duett versinnbildlicht gedurch den gewaltigen Abstand, den die Gesangsstimmen zueinander haben, den Wahnwitz des engen Miteinanders von höchster Himmelssphäre und tiefster Weltverlorenheit. Im Tenor-Rezitativ wird dann eine weitere alttestamentliche Messias-Prophezeiung, der „Löwe aus Davids Stamm“, aufgegriffen, bevor Alt- und Tenorsolo im Dreiertakt einen frohen Reihentanz zum Besten geben. Dem Bass fällt danach per Accompagnato-Rezitativ die Aufgabe des glühenden Dankens für Gottes Heilstat zu, und im Schlusschor jubeln Sänger und Instrumente erneut im Tutti zu schmetternden Trompetenklängen. Unterm Strich durchaus eine festliche Weihnachtsmusik – aber welches Ensemble wurde den beachtlichen Anforderungen dieser Kantate am überzeugendsten gerecht?

Der lange Weg zum Himmel

Was an Karl Richters Einspielung mit dem Münchener Bach-Chor und -Orchester einmal mehr erstaunt, ist die völlige Abwesenheit einer unterschiedlichen Gewichtung der Taktteile selbst im Dreiermetrum. Dadurch kommen sowohl der tänzerische Eingangschor wie auch das zweite Duett so bäurisch-derb daher, dass sie kaum genießbar sind. Unter den Solisten erstaunt immerhin eine recht dezente Anna Reynolds im genannten andachtsvollen Accompagnato- Rezitativ: Sie ist zwar sprachlich nicht sehr prägnant, gestaltet aber ihre Kantilenen immerhin recht differenziert und stimmungsvoll. Dietrich Fischer-Dieskau schlägt sich im für ihn viel zu tiefen Duett sehr wacker; seine Eigenheit, per Deklamation zu dirigieren und zu dozieren, kommt hier nicht negativ zum Tragen, denn Edith Mathis überdeckt mit ihrem vibratös-durchdringenden Timbre alles andere; wenn der Himmel so ist, dann will die Erde vielleicht gar nicht mit ihm zusammenkommen.
Etwa zeitgleich mit Richter drang Nikolaus Harnoncourt im Rahmen seiner pioniertätigen Gesamtaufnahme der Kantaten auf historischen Instrumenten ebenfalls zu BWV 63 vor. Seine beachtliche Leistung hat in mancher Hinsicht wohl den Charakter des vorläufigen, wenn wir spätere Versionen im Vergleich hören: Wir verstehen hier, warum der Trompeter Mark Bennett über zwanzig Jahre später beim Proben mit Gardiner (wir kommen später zur DVD-Doku) klagen wird, dass die Clarinenparts des Eingangschores sehr fordernd sind. Wir wundern uns über den krassen klanglichen Unterschied zwischen Sopran (ein Tölzer Knabe) und Bass im Duett – sie müssen an ganz verschiedenen Stellen des Raums gestanden haben, vielleicht auf Wunsch des Tonmeisters? Wir staunen auch, dass Harnoncourts Allround-Tenor Kurt Equiluz, eigentlich ein sehr sensibler Sänger, im Rezitativ noch immer so Romantik-like skandiert und akzentuiert. Dafür freuen wir uns über den Altus Paul Esswood, der sein Rezitativ mit schlichter Schönheit darzubieten versteht.
Helmuth Rillings Einspielung dagegen lässt uns kalt: Hier wird die Glätte des Klangs moderner Instrumente zelebriert, ohne dass wenigstens ein Funken rebellischen Musikantengeistes wie bei Karl Richter aufblitzen würde. Gleichförmiges Einerlei ohne Zauber, auch nicht im Blick auf die musikalisch-theologische Struktur des Werkes, deren sich der Bach- Versteher Rilling sicher bewusst war – warum setzte er als Interpret so wenig davon um? Ferner verwundert der Wechsel von Alt- und Tenorsolo mitten in der Kantate: Hat man sie nicht am Stück eingespielt?

Aufbruch in die Eleganz

Licht ins Dunkel bringt erstmals Ton Koopman, der BWV 63 im Rahmen seiner Gesamtaufnahme schon 1995 konservierte. Allerdings ist es hier vor allem die instrumentale Ebene, die durch eine sorgfältig differenzierte Betonungshierarchie mit vorher nicht gekannter Eleganz daherkommt. Leider zieht im Eingangssatz der Chor nicht ganz am selben Strang: Merkwürdig träge wird artikuliert, entsprechend wenig knackig gerät auch die Phrasierung der Melodiebögen. Mit Elisabeth von Magnus wird allzu viel an konventionellem Altistinnen-Pathos in die historisch informierte Sphäre hinübergerettet. Ruth Holton und Klaus Mertens meistern das Sopran- Bass-Duett weitaus organischer – und dürfen das sogar zweimal: Koopman steuert als Appendix die 1729er-Version desselben Duetts mit obligater Orgel bei, wobei die nervöse Eloquenz seines Spiels je nach Stimmung des Hörers mal begeistert, mal auch ein wenig stresst.
John Eliot Gardiner gibt es in Sachen BWV 63 gleich im Doppelpack plus Doku: 1998 nahm er das Stück in den Abbey Road Studios für die Archiv-Produktion auf, und die Probenphase zu dieser Version ist auf einer Arthaus- DVD dokumentiert. Und im Rahmen der „Cantata Pilgrimage“ des Jahres 2000 wurde die Kantate am 25. Dezember 1999 in der Weimarer Herderkirche mitgeschnitten. In diese Liveaufnahme leuchtet das leicht Janet-Baker-hafte Timbre von Bernarda Fink mit seinem feinen Vibrato hinein wie eine Stimme aus einer anderen Welt; weil sie so eine sensible Sängerin ist, gelingt der Spagat. Dietrich Henschel, ein wenig nach Fischer-Dieskau klingend, schenkt uns eine besonders zupackende Lesart des präfinalen Bassrezitativs. Chor und Orchester liefern auf recht hohem Niveau den Gardiner-typischen energiegeladenen Drive mit kleinen, dem Live-Anlass geschuldeten Ungenauigkeiten.
Noch etwas mehr Präzision im interpretatorisch gleichen Geist bringt die überwiegend mit anderen Musikern besetzte Studioaufnahme: Sara Mingardo erfreut mit der überzeugendsten Umsetzung des großen Alt-Rezitativs aus weiblichem Mund, und im Reihentanz- Duett mischt sie sich hervorragend mit dem Tenor Rufus Müller. Der Wert dieser Produktion wird noch erhöht durch die Proben DVD (die selbst keine durchgehende Aufführung des Stücks enthält!), auf der zahlreiche Musiker einzeln zu Wort kommen und sich nicht immer nur allgemein oder gar schmeichlerisch, sondern teils sehr abwägend zu dem Projekt äußern.

Suzuki: Fassungsloses Staunen

Ein Gesamtpaket der besonderen Art hält die DVD der St. Galler „J. S. Bach-Stiftung“ bereit: Die hier festgehaltene Aufführung vom 19. 12. 2008 in guter Live-Qualität – das historisierend musizierende Ensemble wurde vom Dirigenten Rudolf Lutz offensichtlich detailgenauest vorbereitet und lässt sich im Konzert gern von seinem zupackenden Schwung mitreißen – wird ergänzt durch eine ergiebige Einführung durch den Dirigenten selbst, flankiert durch einen Theologen; hinzu kommt noch eine kluge, einfühlsame Reflexion über das Werk durch den Schweizer Schriftsteller Iso Camartin, die am Konzerttag und -ort ebenfalls live festgehalten wurde.
Für einige der schönsten Momente in der Aufnahmegeschichte von BWV 63 sorgt in Masaaki Suzukis Einspielung der Altus Yoshikazu Mera, der das Alt-Rezitativ mit unnachahmlicher Delikatesse darzubieten versteht. Das Sopran- Bass-Duett erhält danach durch ein sehr langsames Tempo einen fast lethargischen Charakter, der als Ausdruck eines fassungslosen Staunens über das Heilsgeschehen erheblichen Reiz hat. Suzukis „All Japanese Choir“ glänzt in den Ecksätzen durch perfekte Diktion und höchst organische Ausgestaltung der Melodiebögen.
Philippe Herreweghe, der BWV 63 im Rahmen einer Sammlung von Leipziger Kantaten (was unsere ja nur bedingt ist) 2002 auf den Markt brachte, glänzt allda wie stets mit berückendem Wohlklang und stupender Perfektion. Im Vergleich allerdings mit der Quicklebendigkeit, die Gardiner in seinen besten Momenten mit annähernd ebenbürtiger Perfektion verbinden kann, und mit Suzukis Wort-Durchlässigkeit diagnostizieren wir bei Herreweghe nun allzu oft auch vornehme Blässe. Ingeborg Danz bleibt im Alt-Rezitativ bei aller Klangschönheit die Gänsehaut schuldig, und Carolyn Sampson ebnet die Himmelssphäre im Duett durch Dauerlegato ein – wenn sie dort droben so zur Unverbindlichkeit gefriert, dann wollen wir sie lieber auf Erden behalten.
Bei Philippe Pierlot schließlich singen insgesamt nur vier Sänger – die einzige vokalsolistisch besetzte Einspielung des Werks, in der die chorischen Ecksätze dennoch impulsiver und akzentuierter daherkommen als etwa bei Suzuki. Leider kann jedoch Altus Carlos Mena den zarten Zauber des Kollegen Mera nicht erreichen, unter anderem, weil er zahllose Töne merkwürdig glucksend ansingt. Stephan Mac- Leod gibt in dieser Version indes eine sehr gediegene Fassung des Bass-Rezitativs.

" ... Was uns ewig nun vergnüget":

Ingrid Schmithüsen, Yoshikazu Mera, Makoto Sakurada, Peter Kooij, Bach Collegium Japan, Masaaki Suzuki

BIS

Ann Monoyios, Sara Mingardo, Rufus Müller, Stephan Loges, Monteverdi Choir, English Baroque Soloists, John Eliot Gardiner

Archiv/Universal bzw. Proben-Dokumentation: Arthaus/Naxos

Maria Keohane, Carlos Mena, Julian Pregardien, Stephan MacLeod, Ricercar Consort, Philippe Pierlot

Mirare/harmonia mundi

" ... Ich lasse dich nicht, ich schließe dich ein":

Ruth Holton, Elisabeth von Magnus, Paul Agnew, Klaus Mertens, Amsterdam Baroque Orchestra, Amsterdam Baroque Choir, Ton Koopman

Challenge/in-akustik

Claron McFadden, Bernarda Fink, Dietrich Henschel, Monteverdi Choir, English Baroque Soloists, John Eliot Gardiner

Soli Deo Gloria/harmonia mundi

Rudolf Lutz, Schola Seconda Pratica, Vokalensemble Seconda Pratica u.a.

J.S. Bach-Stiftung/Naxos

Carolyn Sampson, Ingeborg Danz, Mark Padmore, Sebastian Noack, Collegium Vocale Gent, Philippe Herreweghe

harmonia mundi

" ... Das Schwert ist schon gewetzt":

Edith Mathis, Anna Reynolds, Peter Schreier, Dietrich Fischer-Dieskau, Münchener Bach-Chor, Münchener Bach-Orchester, Karl Richter

DG/Universal

Paul Esswood, Kurt Equiluz, Tölzer Knabenchor, Concentus Musicus Wien, Nikolaus Harnoncourt u.a.

Teldec/Warner

Arleen Augér, Julia Hamari, Gächinger Kantorei, Bach-Collegium Stuttgart, Helmuth Rilling u..a.

hänssler CLASSIC/Naxos

Michael Wersin, RONDO Ausgabe 6 / 2015



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