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Der große Markt bei Nacht (c) Wikimedia

Musikstadt

Antwerpen

Antwerpen ist eine alte Maler-, Diamanten-, Hafen- und Handelsstadt. Sie hat aber für ihre Größe auch viel Musik, Tanz und Drama zu bieten.

Nach Antwerpen, der Musik wegen? Sicher, der eminente Cembalist und radikale Dirigent Alter Musik Jos van Immerseel wurde hier geboren, auch der in den Fünfziger- und Sechzigerjahren wichtige Dirigent André Cluytens, sowie der Vorsitzende des Belgischen Komponistenverbandes, Carl Verbraeken.
In Antwerpen an der Schelde, im Herzogtum Brabant, samt Gerichtseiche, Burg, Münster und Brautgemach spielt in einem sagenhaften 10. Jahrhundert Wagners „Lohengrin“. Auch Gaetano Donizettis 1839 begonnene, aber nie vollendete Oper „Le duc d’Albe“ auf ein Libretto von Eugène Scribe spielt zum Teil in der Stadt. Aber ansonsten fährt man als Tourist in Belgiens größte Metropole (sogar noch vor Brüssel!) eher, weil man sich für spätmittelalterliche, Barock- und Renaissance-Architektur oder für Malerei interessiert. Im Zuge der Gegenreformation, während der die spanischen Niederlande, vor allem Flandern, gegen die calvinistischen Holländer religiös aufrüsteten, schwelgten hier insbesondere Peter Paul Rubens, Anthonis van Dyck und Jacob Jordaens in katholischer Leinwandprachtentfaltung. Aber auch die beiden Tenniers oder Frans Snyders hinterließen bleibende Farbspuren, die heute nicht nur im prächtigen Museum der Schönen Künste zu besichtigen sind.
In der Neuzeit hingegen ist die schöne, aber auch sehr geschäftige Stadt – wie schon im 15. und 16. Jahrhundert – vor allem als Wirtschaftsmacht bedeutend – mit zwar nur 500.000 Einwohnern, aber in einem der größten Ballungsräume Europas. Man besitzt den drittgrößten Hafen des Kontinents, der 40 Kilometer weg von der launischen Nordsee liegt, und hier gibt es, neben einer großen orthodoxen jüdischen Gemeinde, den weltweit wichtigsten Handelsplatz für rohe wie geschliffene Diamanten. Und man ist auch in Sachen Kultur und Design aktiv. Die flämische Modeschule wurde hier mit den Antwerp Six berühmt, darunter Dries van Noten, Ann Demeulemeester und Martin Margiela, letztere sind freilich nicht mehr für ihre Labels aktiv.
Es gibt in Antwerpen, der Kulturhauptstadt Europa 1993, im Zuid-Viertel eine florierende Popszene und ebenfalls zwei bedeutende zeitgenössische Künstler, die von hier stammen: Panamarenko und Jan Fabre, der zwischen Tanz, Bildender Kunst, Theater und Oper sehr vielen Auftraggebern dient und der mit seiner Produktionsgruppe Troubleyn nach wie vor in der Stadt beheimatet ist. Jan Fabre hat sich im Jubiläumsjahr 2013 zur Freude wie zum Unmut so mancher auch an einem mehrstündigen Wagner-Spektakel an der 1988 fusionierten Vlaamse Opera versucht. Einmal mehr eine Initiative des ehrgeizigen Intendanten Aviel Cahn, mit lokalen Künstlern auf überregionalem Niveau in Kontakt zu treten.

Innovationsfreudiges Opernhaus

Die Oper wurde inzwischen in Vlaamse Opera Ballet unbenannt, weil man sie mit dem ehemaligen, 1969 gegründeten Royal Ballet of Flanders zusammengelegt hat, der lange einzigen klassischen Kompagnie Belgiens in einer blühenden Modern-Dance-Szene. Zu der übrigens auch der hier geborene Halbmarokkaner Sidi Larbi Cherkaoui gehört, der heute zu den gefragtesten Tanzschöpfern zählt. Er will weiterhin seine internationalen Aufträge erfüllen, die eigene, im 1996 eröffneten Toneelhuis (der Spielstätte des auf Luc Perceval gefolgten Theater- und Opernregisseurs Guy Cassiers) angesiedelte Company Eastman betreuen und ab dieser Spielzeit zudem als neuer Ballettchef fungieren.
Der 41-jährige Aviel Cahn konzentriert sich lieber auf sein innovationsfreudiges und wagemutiges Opernhaus, nach La Monnaie in Brüssel und vor der Opéra Royale de Wallonie in Lüttich für den französischen Teil des Landes, das zweitgrößte Musiktheater – mit immerhin zwei historistisch prunkvollen Spielstätten in Antwerpen und dem 50 Kilometer entfernten Gent. Diese Opern, wo Regisseure wie Tatjana Gürbaca, Calixto Bieito oder Michael Thalheimer arbeiten, findet weit über Belgien hinaus Beachtung. Dmitri Jurowski, Bruder von Vladimir und Sohn von Michail, amtiert hier gegenwärtig als Musikdirektor.
Antwerpen hat aber darüber hinaus mit deSingel auch noch ein hochbedeutendes Theaterproduktionshaus, das mit Avantgardebühnen in ganz Europa kooperiert. Hier spielt ab und zu auch das Royal Flemish Philharmonic, das klassische Konzertorchester der Stadt, gegründet 1956, das in der nach dem Krieg erbauten Elisabethhalle seine Hauptspielstätte hatte, die freilich 2016 durch einen lang erwarteten Neubau ersetzt wird. Gegenwärtiger Chef ist Edo de Waart, Philippe Herreweghe fungiert als Erster Gastdirigent. Nicht wenig, vor allem viele bedeutende Neugründungen in einer Stadt, die sich eigentlich dem Kommerz verschrieben hat.

www.operaballet.be
www.desingel.be
www.deFilharmonie.be


Opera Ballet Vlaanderen

Im November ist Rossini-Papst Alberto Zedda einmal mehr zu Gast, diesmal mit „Armida“. Im Dezember gibt es Robert Carsens berühmte „La Bohème“, die zu einer der ikonischen Produktionen der Vlaamse Opera geworden ist, noch einmal zu sehen. 2016 inszeniert Michael Thalheimer Verdis „Otello“, es gibt Zemlinskis selten gespielten „Der König Kaldaunes“ und Weills „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“. Das Ballett zeigt im Mai einen Ravel-Abend von Sidi Larbi Cherkaoui und Jeroen Verbruggen.


Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 6 / 2015



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