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Hörtest

Biber: „Rosenkranzsonaten“

Verstimmt, in Gottes Namen: 15 Sonaten und eine Passacaglia bilden das wohl größte Kompendium des Violinspiels vor Bach.

Es kommt zu einem von langer Hand vorbereiteten Skandal: statt in die heimatliche Residenz Kremsier zurückzukehren, begibt sich der Olmützer Kapellmeister Biber, gerade auf der Rückreise vom Besuch beim Tiroler Geigenbauer Jakob Stainer, direkt nach Salzburg und nimmt dort den Dienst auf. Der Olmützer Erzbischof kocht vor Wut. Und Bibers Aufstieg am Hof des Salzburger Fürsterzbischofs Max Gandolf Graf Khuenburg gelingt in beeindruckender Geschwindigkeit – hier weiß einer, wo er hinwill: ganz nach oben. 1684 sticht er seinen schärfsten Konkurrenten Georg Muffat aus, und der ehemalige Nobody wird Hofkapellmeister.
Sogar seine Kammermusik scheint Biber im Kampf um das höchste musikalische Amt des Erzstifts eingesetzt zu haben. 1676 entsteht eine maßgeschneiderte Sammlung (später unter dem Namen „Mysterien-„ oder „Rosenkranzsonaten“ bekannt), die Biber dem Fürsterzbischof persönlich widmet. Denn dieser ist ein glühender Verehrer der Rosenkranzandacht und darüber hinaus auch ein Gründer der frommen „Rosenkranzbruderschaft. Virtuose Musik also, mit den besten Empfehlungen.

Himmelfahrtskommando für Violine

Die 15 Mysterien aus dem Leben der Jungfrau Maria, die zusammen den Rosenkranz bilden, finden sich auch als kleine Kupferstiche zu Anfang eines jeden Werkes im Manuskript – von Mariä Verkündigung bis zur Krönung als Himmelskönigin. Widmung und Vignetten weisen die Sammlung als eine Art Meditationsmusik für die fürsterzbischöfliche Privatandacht aus. Spieltechnisch handelt es sich hingegen um ein echtes Himmelfahrtskommando: Biber zeigt seine Meisterschaft in allem, was die süddeutsche und norditalienische Violinschule seiner Zeit an Virtuosität aufbringen. Dazu gehört Drei- und Vierstimmigkeit auf einem einzigen Instrument und Spiel bis hinauf in die siebte Lage, außerdem setzt er seinem Können mit einem relativ neuen Verfahren ein klingendes Denkmal, der Skordatur, dem bewussten Umstimmen der Saiten. Auch dies eine versteckte Visitenkarte, – denn wer außer Biber selbst hätte die Werke dem Fürsterzbischof vorspielen können
Inwieweit sich die „15 Mysterien“ auch programmatisch in der Musik abbilden, lässt sich nicht mehr restlos klären. Aus der ersten Sonate („Verkündigung“) meint man das Rauschen der Engelsflügel Gabriels herauszuhören. In der sechsten Sonate („Christus am Ölberg“) bringt Biber das Leiden Christi durch einen Lamento-Bass zum Ausdruck, also eine absteigende Basslinie. Unzweifelhaft deuten harte Akkordschläge und die rollenden Bewegungen der zehnten Sonate („Kreuzigung“) auf das Einschlagen der Nägel und das Erdbeben nach Jesu’ Tod hin. Höhepunkt der Sammlung ist aber die Passacaglia für unbegleitete Violine, die am Schluss dieses Oratoriums ohne Sänger steht. Ihre 65 Wiederholungen bieten der Violine abschließend noch einmal Gelegenheit, sich solistisch konzentriert darzustellen. Wie notierte Improvisation wächst der tastend langsame Beginn über sich hinaus, schießt auf zu Läufen, gebrochenen Akkorden, einer durch Doppelgriffe erzeugten Mehrstimmigkeit.
Wie stets bei Barockmusik unterscheiden sich die vorgestellten Aufnahmen nicht nur durch die Virtuosität der Solisten, sondern auch durch viele Entscheidungen bis hin zur Besetzung des Continuo. Dürfen (und können) sich die Mitspieler improvisatorisch im Vordergrund sehen lassen? Und welche Klang- ästhetik verfolgt der Violinist – vibratoarmes Spiel oder romantische Klangsinnlichkeit?
Um gleich auf den letzten Punkt einzugehen: John holloway ist ein Violinist dessen nur von Violoncello und Laute gestütztes, angriffslustiges, raues Spiel zu einem karrierebewussten Kapellmeister gut passen würde. Zu hören gibt es keine edle Klangrede, sondern eine Gardinenpredigt. Die Schläge der Kreuzigung kann man körperlich mit vollziehen. Gestalterisch und technisch präsentiert er sich souverän, was der Einspielung für lange Zeit Referenzstatus gab. Aber inzwischen ist nicht mehr nachvollziehbar, warum lange Noten so hohl und metallisch nachgezogen werden. Das verpasst Sonate Nr. II „Mariä Heimsuchung“ eine ganz neue Bedeutung. Dazu kommt ein unangenehm halliger Raumklang. Auch Altmeisterin Marianne Rônez neigt leider dazu, da nutzt es gar nichts, dass sie sich für ihre Einspielung gleich sieben historische Geigen zurechtlegt. Begleitet wird sie von der klassischen Dreifaltigkeit aus Gambe, Theorbe und Truhenorgel.
Andrew Manze beginnt sein Werk schon deutlich wärmer im Klang. Dickes Plus: Als einziger hat er den großzügigen Platz einer zweiten CD genutzt für eine kurze Erläuterung der Skordatur mit Klangbeispielen (auf Englisch). Allerdings neigt er in Doppelgriffen zuweilen zu unschönem Nachbalancieren. Richard Egarr – nicht Groupie, sondern Partner – beschränkt die Begleitung auf Cembalo oder Truhenorgel. Diese konzentrierte Aufnahme fände auch bei Calvinisten Applaus.
Aber wir sind ja im Salzburg des Hochbarock, es darf also ein bisschen mehr sein! Auch Annegret Siedel spielt im neusten Beitrag zum Werk gleich auf acht verschiedenen Violinen, die sehr ansprechend dem Charakter der Sonaten entgegenkommen, von eher schlank-fahl bis golden. Dennoch erwächst der Eindruck, dass Siedel lieber Kammermusikerin ist als mit virtuosen Ellbogen hantiert. Bei der leichtfüßigen Allamanda der „Auffindung im Tempel“ schnauft sie zudem wie ein Küster statt sich in federndem Tanzschritt zu wiegen. Insgesamt eine passable, aufnahmetechnisch sauber eingefangene Einspielung, und auch als CD sehr liebevoll gestaltet: ihr liegt ein Faksimile vom Handzettel der Rosenkranzbruderschaft mit den Vignetten bei.
Für seinen Wurf hat sich Daniel Sepec auf drei Stainer-Geigen beschränkt, aber die haben Profil. Dass er sich außerdem Kollegen wie Hille Perl, Lee Santana und Michael Behringer an die Seite holt, lässt improvisatorischen Schlagabtausch erwarten. Und man wird nicht enttäuscht. Das geht soweit, dass Santana das alpenländische Glockenecho des Ostermorgens mit ein paar countryartigen Vorhalten nach Texas verlegt. Sicher Geschmackssache, aber eine lebendige und zündende Gruppenleistung.
Von Walter Reiter werden die wenigsten bisher gelesen haben, gehört haben sie ihn sicher. Der Violinist war Konzertmeister der großen Barockorchester unter Christie, McCreesh, Robert King und Harry Christophers. Sein geradliniges, vibratoarmes Spiel ist zugleich leicht und doch selbstbewusst geführt; sein Ton, dabei niemals verhungert, scheint silbern zu leuchten. Das Ensemble Cordaria (am Cembalo Timothy Roberts!), wartet mit dem größten Instrumentarium auf, nutzt dieses aber zur milden Farbigkeit von Kirchenfenstern, nicht zu greller Effekthascherei. Dem Spiel entspricht die Aufnahmetechnik: bestes Klangbild, nah und scharf gezeichnet, dabei warm und mit sympathischem, eben nicht hallendem Raumeindruck.

Die Novizin und die Oberin

Die Spitze teilen sich eine Altmeisterin und ein Geheimtipp. Monica huggett verleiht mit ihrem Instrument dem Kosmos dieser Sonaten einen souveränen, großen Atem. Ihre Spezialität sind die trotz rasantem Tempo niemals rauen Läufe, dazu kommt ihre geschmackvolle, gestische-federnde Phrasierung. Das Continuo ist zusätzlich mit exotischeren Farben wie Lirone, Barockgitarre und Harfe pikant-weltlich abgeschmeckt, doch die Violine bleibt der Star. Ein gegensätzliches Konzept prägt die Aufnahme von alice Piérot: Vom ersten Ton an spielt das Continuo hier – und nur hier! – auf Augenhöhe mit der Solistin. Dabei muss sich der feine Violinklang Piérots keineswegs verstecken, am allerwenigsten vor technischen Klippen. So webt man gemeinsam vor ganz leichtem Hall und wie improvisiert einen kostbaren Teppich aus Saiteninstrumenten. Atemberaubend!

Für die fürstliche Andacht

Alice Piérot, Les Veilleurs de nuit

alpha/Note 1

Monica Huggett, Ensemble Sonnerie

Gaudeamus/Naxos

Auf die Kirchenbank:

Walter Reiter, Cordaria

Signum/Note 1

Andrew Manze (mit Egarr, McGillivray)

harmonia mundi

Daniel Sepec (mit Perl, Santana, Behringer)

Coviello/Note 1

Annegret Siedel, Bell’arte Salzburg

Berlin Classics/Edel

Ab in den Beichtstuhl:

John Holloway (mit Moroney, Stubbs)

Virgin/EMI

Marianne Rônez (mit Jochem, Freimuth, Kubitschek)

Winter&Winter/Edel

Carsten Hinrichs, RONDO Ausgabe 3 / 2013



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