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Heidelberger Frühling

Neuland für die Ohren

20 Jahre alt wird das Festival am Neckar 2016, doch das Programm liest sich taufrisch. Denn Intendant Thorsten Schmidt ist vor allem eines: produktiv unzufrieden.

Wenn er so zurückschaut, drängt sich die Analogie förmlich auf: „Der Frühling ist mein ‚drittes Kind‘“, sagt Gründungsintendant Thorsten Schmidt, „das Festival hat sich eigentlich genauso entwickelt, wie Kinder sich entwickeln. Ich habe es dabei unterstützt, Stärken auszuprägen.“ Eine Identität schaffen, sichtbar machen und immer wieder Herausforderungen annehmen. Das ‚Kind‘ hat sich inzwischen prächtig entwickelt und ist – ja: erwachsen geworden. Ein unternehmungslustiger, musikbegeisterter Twen mit ausgeprägter Persönlichkeit, könnte man sagen. Und ganz schön neugierig: Allein die Festival-Akademie hinterfragt mit ihren Sparten Lied, Kammermusik, Komposition und Musikjournalismus vier große Themenfelder des Musiklebens. Dort erarbeitet man mit jungen Musikern Inhalte, die weit über den schönen Konzertabend hinausweisen. Vieles davon steht auch den Besuchern offen, und Werkstatteinblicke gehören in Heidelberg zum Festivalgefühl. Die Reihe Off-Spring geht dafür, zum Teil in Clubatmosphäre, musikalischen Experimenten und Genresprüngen nach, das Kammermusikfest formuliert hochkarätig besetzt „Standpunkte“ – und das alles parallel zum ambitionierten, vierwöchigen Festivalprogramm. Mehr als 40.000 Besucher kamen im letzten Jahr zu den Konzerten und Veranstaltungen.

Ganz schön romantisch

Davon war vor zwanzig Jahren freilich noch keine Rede. Die 800-Jahr-Feier der Stadt gab den Initialfunken, 1997 dann umgesetzt mit einem Brahmsfest durch GMD Thomas Kalb und die Heidelberger Philharmoniker. Thorsten Schmidt, damals Orchesterdirektor, bekam die Aufgabe, aus dem ersten „Frühling“ ein bleibendes Festival zu entwickeln. „Uns war klar: Wir haben nur eine Chance.“ Denn bis HeidelbergCement als erster Förderer zusagte, blieb als Kapital zunächst nur die eigene Überzeugung, dass Heidelberg eine ideale Festspielstadt ist. Nicht von ungefähr sind die Schwerpunkte des Programms – das Kunstlied, die Kammermusik, der akademische Anspruch des Rahmenprogramms – unverwechselbar aus dem Geist der Universitäts- und Romantikerstadt am Neckar erwachsen. Die ersten zehn Jahre spielte man vor handverlesenem Publikum, die Heidelberger Philharmoniker und ihre Kammermusikformationen bildeten zunächst das Rückgrat des Programms. „Unser Ziel war vor allem, von den Künstleragenturen wahrgenommen zu werden als jemand, der die Sache inhaltlich ernst meint.“ Im Alleingang musste Schmidt Sponsoren überzeugen, Künstler binden, ein Publikum aufbauen. Ersteres ist noch immer der Mittelpunkt der Arbeit für den „Frühling“: stolze 73 % seines Etats von 3,15 Mill. Euro wirbt das Festival als Eigenanteil ein. Dafür, aber auch für die kontinuierliche Entwicklung von Künstlerstamm und Publikum musste sich der Inhalt spürbar vom Festspieleinerlei andernorts absetzen. Also plante Schmidt die ersten sechs Jahre ausschließlich mit Eigenproduktionen. „Diese ersten Überzeugungen sind der Kern geblieben, auch wenn sich sonst vieles geändert hat: Unser inhaltlicher Anspruch führt dazu, dass mit Künstlern Verbindungen entstehen, die über das einzelne Festival hinausgehen, dass Projekte angestoßen werden, die einzigartig sind, die eben ‚Festival‘ ausmachen. Und ich finde, Festivals haben diese Aufgabe, Singuläres zu schaffen, Vorbildcharakter zu entwickeln.“

Zeitinseln der Begegnung

Den fand Schmidt selbst zum Beispiel bei einem Programm, das Steven Sloane in Bochum der Geschichte der jüdischen Musik widmete – „Das Programmbuch habe ich bis heute, das war wegweisend“ –, aber auch in der These von Gerard Mortiers Vortrag von 1998, dass Festivals in erster Linie eben nicht Unterhaltung bieten, sondern thematisch arbeiten sollten. „Für Mortier war ein Festival einer Insel vergleichbar. Während man sich aus der Ferne nähert, lösen sich aus der Silhouette immer deutlicher die Konturen. Und: Auch eine Insel ist in sich geschlossen, man muss sich hinbewegen und kommt dann nicht mehr ohne weiteres weg.“ Für Schmidt liegt die Besonderheit eines Festivals gerade in diesem enthobenen Zeitempfinden, in der Konzentration der Angebote. „Die Besucher buchen ja meist auch mehrere Karten und lassen sich auf diese Angebote ein, und wir müssen diese Chance nutzen, um Fäden zu spannen und inhaltliche Verknüpfungen zu schaffen. Das Publikum erlebt bereichernde Kunst, neue Perspektiven und tauscht sich darüber aus.“ Im Idealfall ist ‚Festival‘ für Schmidt ein vierwöchiger, städtischer Raum der Kommunikation. Mit den Künstlern und untereinander. Die gesteigerte Aufnahmefähigkeit der Hörer lässt sich aber nicht per Knopfdruck erzeugen und schon gar nicht mit großen Namen garantieren: „Ein Festival muss vor allem stärker die Sinne öffnen als ein Veranstalter mit kommerzieller Ausrichtung“, ist Schmidt überzeugt.
Wie stets hat es in den vergangenen zwanzig Jahren natürlich auch Rückschläge gegeben. Eine Art Pubertät nennt er das, wo sich Thorsten Schmidt am Scheideweg empfand. Eine handfeste Krise, aus deren Bewältigung aber einige seiner besten Ideen hervorgegangen sind. Und es gab Spätzünder, wie den Schwerpunkt Streichquartett. Auch sonst tut sich diese konzentrierte Form des Musizierens, das bürgerliche Aushängeschild der Kompositionswissenschaft, im Konzertleben sehr schwer, halbleere Säle sind kein seltener Anblick. Thorsten Schmidt wollte das nicht hinnehmen und suchte einen neuen Zugang: Das heutige Festival „Streichquartettfest“ wurde gemeinsam mit Sonia Simmenauer zunächst als Intensiv-Wochenende geplant. Vier Ensembles stellten je einen Komponisten ihres Herkunftslandes in den Mittelpunkt. Im Durchschnitt saßen im ersten Jahr 50 Hörer im Saal. „Als Intendant muss ich aushalten können zu scheitern. Wenn ich von einer Idee überzeugt bin, probiere ich es zur Not fünf Mal und justiere jedes Mal nach.“ Darin besteht für Schmidt ein Hauptunterschied zum kommerziellen Anbieter, der sich diesen langen Atem in der Formatentwicklung schlicht nicht leisten kann. „Manchmal habe ich den Eindruck, dass ich jeden Tag gegen dieselbe Wand laufe. Aber ich komme jeden Tag einen Millimeter weiter“, erklärt der Intendant lachend. Beim Streichquartett hat sich der lange Atem ausgezahlt, die Veranstaltung hat ihr Publikum gefunden: Heute besuchen den Interpretationsvergleich zur undankbaren Matinéezeit 300 Gäste aus ganz Europa, den Konzertsaal am Abend füllen bis zu 400 Streichquartett-Fans. „Dieses Jahr starten wir mit ‚Neuland.Lied‘ wieder ein neues Wochenendformat. Aber das ist mit der Zeit auch leichter geworden, weil das Vertrauen der Gäste gewachsen ist. Wenn wir heute etwas ausprobieren, folgt uns das Publikum inzwischen.“

Erwachsen werden heißt loslassen

Kann sich Thorsten Schmidt ein Leben nach dem Festival vorstellen, das er aufgebaut und geprägt hat? „Bei dieser Arbeit geht es um das volle Sich-Einlassen, und das macht mir großen Spaß. Aber irgendwann wird es dem ‚Frühling‘ gut tun, wenn das jemand anderes macht, wenn ein neuer Blick kommt.“ Bis dahin hat Schmidt aber noch ein paar Weichen zu stellen: Der Lied-Schwerpunkt wird weiter ausgebaut, in der „Wunderhorn- und HipHop- Stadt Heidelberg“. Und auch das Netzwerk der Partnerfestivals. Zum runden Geburtstag lässt sich der „Frühling“ schon mal mit Programmgaben von den Ludwigsburger Schlossfestspielen und dem PODIUM Festival Esslingen beschenken. Daneben geht es um Institutionalisierung, eine gesicherte Dauerfinanzierung, „rauszukommen aus dem ‚Familienbetriebs-Modus‘“, wie er das nennt. „Das sind Teile des Reifungsprozesses. Nach 20 Jahren ist aber die Identität entwickelt, da braucht auch ein Kind den Vater nicht mehr.“
Apropos: Wie haben eigentlich seine echten Kinder auf den Zeithunger und die Anforderungen ihres musikalischen Bruders reagiert? „Mein Sohn hat einmal wirklich gesagt, er hasse den ‚Heidelberger Frühling‘. Aber inzwischen geht er genauso gern in die Veranstaltungen, wie meine Tochter seit jeher“, meint Schmidt. Seine Geschwister kann man sich schließlich auch nicht aussuchen. Aber Blut ist eben dicker als Wasser.

www.heidelberger-fruehling.de
www.streichquartettfest.de


Wunschkonzert

Der zwanzigste Heidelberger Frühling vom 2. – 30. April 2016 spielt in seinem Leitgedanken „essential gifts“ bewusst mit dem Doppelsinn von „Geschenk“ und „Begabung“. So gibt es eine Wiederbegegnung mit Weggefährten aus 20 Jahren, wie Thomas Hampson, Jörg Widmann, Sol Gabetta, Fazıl Say, Martin Grubinger. Begabung im Überfluss repräsentieren sie, aber auch Gäste wie Arcadi Volodos, David Fray, Nils Mönkemeyer, Paavo Järvi, Gautier Capuçon, Lisa Batiashvili, Uri Caine, Andreas Scholl sowie im Bereich der Klangkörper die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen oder das Tonhalle-Orchester Zürich. Reichlich Begabung zeigen aber auch die Teilnehmer der Akademien, so arbeiten junge Musiker etwa mit ihren Mentoren Igor Levit, Daniel Müller-Schott, Isang Enders, Julian Bliss und Marc- André Hamelin an Kammermusik. Weitere Bereiche widmen sich dem Lied (Hampson), der Komposition (Pintscher) und dem Musikjournalismus (Büning). Die „Classic Scouts“, jugendliche Lotsen für den Einstieg in die Welt des klassischen Hörens, wurden 2015 sogar mit einem ECHO Klassik ausgezeichnet. Und am 27./28. April lädt die „Heidelberg Music Conference“ wieder Protagonisten und Neugierige zum Austausch über die Arbeit an und mit Musik.


RONDO Ausgabe 1 / 2016



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