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(c) Stofleth

Der König pflanzt: Jacques Offenbachs „Le Roi carotte“

Oper, Lyon (FR)

Ein König wird abgesetzt, eine krächzende Karotte, eben der Ackerfurche entschlüpft, erobert die Welt. Radieschen und Kohlrabis helfen dabei. Dazwischen wird nach Pompei zeitgereist, wo man als hinreißendes Quintett die Vorzüge der Eisenbahn beschwört. Es gibt Hexenflüche und ein Bienenballett, zwei als Kerle verkleidete Frauen und diverse intrigante Minister. Der Ring Salomons wird gesucht. Und natürlich handelt das alles letztlich von Liebe. Nur die eigentlich noch vorgesehenen Affen fehlen.
Kein Wunder: Sechs Stunden dauerte bei der Pariser Uraufführung 1873 „Le Roi carotte“ von Victorien Sardou und Jacques Offenbach. Der Librettist, dem hier eine scharfe Satire auf den eben vom deutsch-französischen Krieg verwirbelten Napoleon III. gelang, kennt man heute höchstens noch als Verfasser schwülstiger Salonstücke à la „Tosca“. Und von vielen der knapp hundert Musiktheaterwerke Offenbachs weiß man höchstens den Titel. So wie von dem zwar heftig gefeierten, aber durch seinen immensen Aufwand (1500 Kostüme und 19 Bühnenbilder bei der Uraufführung!) alle Interessenten abschreckenden Karottenkönig. Die Autoren selbst kürzten ihre „Opéra-bouffe- feerie“ auf drei Stunden und elf Bilder herunter; dennoch wurde das Werk nach 1877 nur noch selten in radikal beschnittenen Kammerbearbeitungen gegeben. Es existierte quasi jenseits des in jedem Offenbach-Kompendium abgebildeten Plakats nicht mehr.
Seit Jahren wollte der als Offenbach-Regisseur in Frankreich und England gefeierte Laurent Pelly „Le Roi carotte“ auf die Bühne bringen. Lyon, so etwas wie sein Stammhaus, erfüllte ihm jetzt diesen Wunsch. Zwar gibt es kein Ballett, Insekten wurden – neben den vom Chor lustvoll verkörperten Ameisen – nur als Bilderparade vorbeigetragen, die Affen und vieles andere fehlten in der szenischen Fassung ganz. Doch dieses einstige Schauspiel mit Musik begeisterte trotzdem ungemein: als flott eingedampfte, bös-prophetische Operette mit kitschig-süßem Love-Story-Glanz, herrlich gesungen von muttersprachlichen Lustbarkeits- Experten Yann Beuron (der dusselige König Friedolin XXIV.), Julie Boulianne (die kerlige Fee Robin-Luron) und Antoinette Dennefeld (die zickige Prinzessin Cunégonde), das Ganze von dem jungen Victor Aviat mitreißend dirigiert als eine Art vegetarisches „Les miserables“. Bis am Ende der böse König Karotte (knackig: Christophe Mortagne) standesgemäß sein Ende in der Gemüsepresse findet und als braune Soße wieder in die Erde tropft, der er entstiegen ist.

Roland Mackes, RONDO Ausgabe 1 / 2016



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