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Lieber vierhändig: György Kurtág (c) Ensemble Intercontemporain

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Altmeister im Jungbrunnen - Zum 90. von György Kurtág

Man kann sie vorher lesen, die aus den Tagebüchern und den Briefen Kafkas destillierten Passagen. Die doppelte Frage beispielsweise „Haben? Sein?“ und ihre prompte, nur zweizeilige Antwort: „Es gibt kein Haben, nur ein Sein, nur ein nach letztem Atem, nach Ersticken verlangendes Sein.“ Oder dieses typisch in sich verhakte Lebenssignal Kafkas „Einmal brach ich mir das Bein, es war das schönste Erlebnis meines Lebens.“ Vierzig von solchen Notizen, Fragmenten, Gedankenkonzentraten aus dem privaten und nicht dem literarischen Werk Kafkas hatte der ungarische Komponist György Kurtág 1985 ausgewählt. Für einen Zyklus nur für Sopran und Violine. Und wenn man jede einzelne Miniatur hört und dann den dazugehörigen Text liest, begreift man auf Anhieb, dass es sich hier nicht um eine plumpe musikalische Vertonung handelt. Stattdessen muss man aufpassen, dass man nicht allzu sehr hineingezogen wird in eine Klangsprache, die mit der Sprache Kafkas vieles gemeinsam hat. Das pointiert Scharfe in all seiner Knappheit. Das Verstörend-Spöttische. Und besonders das Erschreckende, das stets hinter einem scheinbar vertrauten Moment des Aus- und Einklingens lauert.
Kurtágs „Kafka-Fragmente“, so der Titel dieses Duo-Werks, gehört inzwischen zu den meistgespielten Kammermusikwerken jüngsten Datums. Aber auch die 1990 uraufgeführte „Hommage à Robert Schumann“ für Klarinette, Viola und Klavier zählt genauso zu Kurtágs Erfolgsstücken wie der vergnüglich-eklektizistische Klavierreigen „Játékok“. Kaum ein zweiter lebender Komponist seiner Generation kann sich einer solchen Resonanz erfreuen wie der Ungar, der jetzt seinen 90. Geburtstag feiert (geboren wurde er am 19. Februar 1926 in der heute zu Rumänien gehörenden Ortschaft Lugoj).
Bis ihm jedoch jene Bewunderung entgegengebracht wurde, mit der man ihn längst nicht nur auf Neue Musik-Festivals feiert, dauerte es. So markierte die von Pierre Boulez geleitete Pariser Uraufführung 1981 der für Sopran und Kammerensemble komponierten „Botschaften des verstorbenen Fräuleins R. V. Troussova“ den eigentlichen internationalen Durchbruch für Kurtág. Seitdem ist er mit bedeutenden Musikpreisen wie dem „Internationalen Ernst von Siemens Musikpreis“ ausgezeichnet worden. Und den Auftrag für seine erste Oper erteilten ihm die Salzburger Festspiele.
Der einst von Sándor Verres, Olivier Messiaen und Darius Milhaud unterrichtete Ex-Kommilitone György Ligetis genießt dementsprechend eine große Popularität. Doch allein seine extrem reduzierten Piècen, hinter denen oftmals eine ungeheuerliche Wucht steckt, sind gleichermaßen zum Spiegelbild einer Komponistenpersönlichkeit geworden, die mit musikalischen Moden und dem ganzen Rummel um ihn wenig anfangen kann. Lieber genießt er es, mit seiner Frau Márta vierhändig Klavier zu spielen und dabei mit einem seiner Klavierstückchen auch der Milde der Moderne nachzuspüren. Wer dem Menschen und dem Künstler Kurtág so nah wie möglich kommen möchte, der beschafft sich daher rasch den auf DVD veröffentlichten Live-Mitschnitt eines Klavierrecitals von 2012, das das Ehepaar Kurtág in Paris gegeben hat. Auch damit lässt sich dann die Wartezeit überbrücken, bis der Jubilar endlich seine Beckett-Oper geschrieben haben wird. Und die Zeichen dafür stehen gar nicht schlecht. Denn wie der ungarische Musikwissenschaftler Zoltan Farkas gerade vermelden konnte, arbeitet Kurtág mit seinen 90 Jahren „mit ungebrochenem Schöpfenswillen.“

Guido Fischer



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