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(c) Gisela Schenker

Blind gehört – Christiane Karg

„Ich bin eine Rrrollerin“

Christiane Karg ist eine zarte und kleine Frau. Man könnte sie übersehen – so im Pulk eilfertiger Begleiter, die zu ihrem Schutz mitgekommen sind. Von Frankfurt aus, wo sie wohnt (und Jahre im Ensemble der Oper gesungen hat), startete die Sopranistin eine Weltkarriere. Flankiert wurde das durch dramaturgisch superb zusammengestellte Lieder-CDs („Verwandlung – Lieder eines Jahres“). Regelmäßig war sie auch in Aufführungen unter Christian Thielemann zu erleben – als kühle Blonde mit einem Schuss schöner Seele. Dass große Sänger nicht vom Himmel fallen, sondern durch Kenntnisse und Klugheit werden, was sie sind, merkt man auch daran, dass Christiane Karg entweder sofort Bescheid weiß – oder sofort ihre Nichtkenntnis eingesteht.

Ausgezeichnet! Das ist eine ältere Aufnahme. Ich merke es schon an der Art der Stimmen hier im 2. Akt. Ich muss leider sagen: So würde man den Octavian heute nie mehr besetzen! Nicht nur, weil die Sängerin das R stärker rollt als üblich. Die Stimmen heute sind viel schlanker geführt. Sie haben nicht den romantischen Wohlklang wie bei dieser Stimme. Sie ist viel farbenreicher. Das könnte Sena Jurinac sein. Wunderschön! Auch die Sprache wurde damals ganz anders behandelt. Heute hört man zu oft Einheitsbrei. Man hört sogar: „Ist wie ein Gruß vom Hammel (!)“. Liegt daran, dass man die großen Stimmen favorisiert. Was auf einen gewissen Amerikanismus hindeutet. Also wer ist das nun?! Irmgard Seefried? Toll! Der Sitz aller Stimmen lag damals höher als heute, wenn ich das mal so fachsimpelnd sagen darf. Etwa, wie man das heute noch bei Soile Isokoski findet, aber auch bei Anja Harteros, die ich beide großartig finde. Die Partnerin ist hier Rita Streich? Ich hätte sie nicht erkannt. Ich bin voller Bewunderung.

Richard Strauss

„Ich kenn ihn schon recht wohl“, aus: „Der Rosenkavalier“, 2. Akt

Irmgard Seefried, Rita Streich, Staatskapelle Dresden, Karl Böhm

Deutsche Grammophon/Universal

Das ist Dawn Upshaw. Ein einziger Ton, und man hat’s! Gleichfalls eine ganz tolle Sängerin. Auch eine von denen, wo es noch ‚hoch sitzt’. Sie hat viel an der Metropolitan Opera gesungen, unter anderem wegen James Levine, zu deren Lieblingen sie gehört. Die Stimme hat einen unglaublich guten Fokus, so dass sie akustisch überall gut durchkommt. Natürlich braucht man dennoch gute Dirigenten, die in der Lage sind, das Orchester auch mal runterzudrücken. Das ist eine Fähigkeit, die heute weniger geworden ist. Freilich, wenn Sie etwa an Thielemann denken: Der kann das! Auch Stefan Soltesz, mit dem ich den „Rosenkavalier“ gemacht habe. Das kriegen Dirigenten natürlich nicht durch Freundlichkeit allein hin. Ein Dirigent muss einen Laden von 100 Leuten zusammen halten. Wir Sänger dagegen stehen allein.

Richard Rodgers

„Manhattan“

Dawn Upshaw, Fred Hersch

Nonesuch/Warner

Das ist die ‚Turm-Arie’ von Mélisande in „Pelléas et Mélisande“. Ganz mein Fach. Wäre schlimm, wenn ich es nicht erkennen würde. Ist das Karajan? Pierre Boulez, aha. Jedenfalls eine sehr metallene Stimme. Und der Pelléas, den ich nicht erkenne, klingt ein bisschen zu italienisch. George Shirley? Aha, er muss viel italienisches Repertoire gesungen haben. Und Elisabeth Söderström? Sie war die beste Jenůfa, die ich kenne. Mélisande – sie macht das schön – ist für mich bislang die beste Partie, die ich gesungen habe. Bei der Rolle geht es darum, für den Sprechgesang, um den es sich beinahe handelt, möglichst viele Ausdrucksfarben und Valenzen zu finden. Die Figur selber ist großartig. Bloß, wenn man versucht die Musik dingfest zu machen, zerrinnt sie einem zwischen den Fingern. Die Rolle ist dankbarer als das Requiem von Fauré oder Mahlers Vierte, wo man die ganze Zeit herumsitzt. Ich mache ja gern Sachen, wo ich mich unterordne. Eine „Traviata“ bin ich nicht, eine Mimí auch nicht. Mir ist Eurydike lieber. Nicht die Hauptrolle, aber den ganzen Abend geht es doch nur um sie. Unser Beruf ist oft ungerecht. Susanna im „Figaro“ steht die ganze Zeit auf der Bühne – und kommt beim Schlussapplaus trotzdem oft nach der Gräfin. Dann muss man den Beruf eben lassen, wenn man das nicht ertragen kann.

Claude Debussy

„Une des tours du château“, aus: „Pelléas et Mélisande“, 3. Akt

Elisabeth Söderström, George Shirley, Covent Garden Orchestra, Pierre Boulez

„Don Pasquale“. Die Norina habe ich ziemlich zu Anfang meiner Karriere an der Komischen Oper Berlin gesungen. Ist das Riccardo Muti?! Kein ganz leichter, aber ein sehr absoluter Mann. Ich habe in Salzburg mit ihm zusammen gearbeitet. Er weicht von seiner Idee nicht ab. Das kann schwierig werden, wenn die Sänger nicht ganz seinen Erwartungen entsprechen. Ich hatte damals den Eindruck, dass Muti das reproduzieren möchte, was er einmal als ideal für sich erkannt hat. Das entspricht nicht unbedingt meiner Auffassung. Ich denke, man muss alles immer ganz neu erarbeiten. So wie ich das bei Nikolaus Harnoncourt gelernt habe, der gerne zu weit ging, um dann auch wieder zurückgehen zu können. Bei Muti fehlten mir vielleicht auch die hässlichen Farben, die es bei Harnoncourt gibt. Und die es geben sollte.

Gaetano Donizetti

Ouvertüre, aus: „Don Pasquale“

Philharmonia Orchestra, Riccardo Muti

EMI/Warner

Hm. Grace Bumbry? Das hätte ich nicht gedacht. Sie singt es sehr opernhaft, sehr groß. Mit viel Stimmgebung für diese feine Melodie. Und brustig in der Tiefe. Aber gute Textverständlichkeit! Und mit viel R, wie es bei mir auch vorkommen könnte. Ich bin ja aus Frrranken, und deswegen bin ich ohnehin eine ‚Rrrrollerin’. Wenn ich mit Amerikanern gemeinsam singe, fragen die mich immer, wie man das macht. Tja, damit muss man geboren sein. (Lacht.) Apropos, bei Grace Bumbry habe ich einmal einen Meisterkurs besucht, im Opernstudio in Hamburg. Eine Grande Dame. Sie hat immer nur eine kleine Sache gesagt und hinzugefügt: „Du entscheidest selber!“ Das hat Harnoncourt auch immer gesagt. Leider habe ich nur eine einzige Sache mit ihm gesungen, Haydns „L’isola disabitata“. Die Harnoncourts haben immer sehr spät gefragt, und dann ging es sich manchmal nicht mehr aus. Als er jetzt ankündigte, dass er seine Dirigentenkarriere beenden muss, sind wir Sänger alle erschrocken. Weil wir gemerkt haben, wie viele Gelegenheiten es jetzt leider, leider nicht mehr geben wird.

Franz Schubert

„An die Musik“

Grace Bumbry, Erik Werba

Deutsche Grammophon/Universal

Ich erkenne das Werk nicht einmal. Was, das habe ich selber schon gesungen? Auf CD?! Hm. Ah, jetzt kommt’s langsam wieder. Die Sängerin hier ist sehr fleischig im Ton. Fast ein bisschen grob. Iris Vermillion? Schöne Legato- Linie, allerdings merkt man, dass sie von der Oper kommt. Das Lied habe ich später nie wieder gesungen. Nicht einmal im Pfitzner-Programm, das ich mit Gerold Huber mache. Begleiter sind übrigens ein Thema für sich. Anfangs dachte ich, dass es ein Manko ist, keinen festen Klavier-Partner zu haben. Jetzt empfinde ich es eher als Vorteil. Graham Johnson hat immer eine sehr klare Vorstellung davon, wie etwas gemacht werden muss. Er spricht oft von Elisabeth Schwarzkopf. Malcolm Martineau, der oft mit jungen Sängern zusammengearbeitet hat, geht immer ganz neu an ein Stück heran und will sich nicht festlegen. Gerold Huber ist sehr flexibel, obwohl er so eingefuchst ist durch die jahrelange Zusammenarbeit mit Christian Gerhaher.

Hans Pfitzner

„Herbstgefühl“

Iris Vermillion, Axel Bauni

cpo

Diana Damrau! Endlich mal eine fränkische Kollegin. Sie kommt höher hinauf als ich, trotzdem gibt es Überschneidungen in unserem Repertoire. Ich höre manchmal: „Sie klingen wie Diana Damrau“. Ihr ist gelungen, was mir bisher nicht gelungen ist, nämlich ins italienische Fach hineinzukommen. Allerdings finde ich da auch nicht unbedingt meine Lieblingspartien. Als ich bei Christian Thielemann erstmals vorgesungen habe, konnte ich nicht einmal die Sophie, die er von mir hören wollte. Also habe ich ihm Ighino aus „Palestrina“ angeboten. „Machen Sie mal!“, hat er gesagt. Und: „Glauben Sie, dass Sie die Sophie dann können?“ Es war unser Anfang. Ich komme gewiss sehr gut mit ihm klar, obwohl man zugeben muss, dass alle Sänger bei ihm unter Hochspannung stehen. Er macht gerne, was nicht geprobt ist. Und muss sich dabei auf seine Sänger verlassen können. Das ist Stress für alle. Er verlangt auch totale Aufmerksamkeit. Nur: ein sehr guter Sängerdirigent!, der uns wirklich zuhört. Mir ist Überforderung ohnehin lieber. Man braucht Dirigenten, die einem was erzählen können. Dann erzählt man auch selber besser.

Richard Strauss

„Ich wollt ein Sträußlein binden“

Diana Damrau, Münchner Philharmoniker, Christian Thielemann

Virgin/Warner

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 2 / 2016



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