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Yehudi Menuhin und Charlie Chaplin (c) Roy Export Establishment/Warner Classics

Yehudi Menuhin

Wunderkind & Weltbürger

Am 22. April wäre der Jahrhundertgeiger Yehudi Menuhin 100 Jahre alt geworden. Gefeiert werden dieses Jubiläum und sein Vermächtnis nun auch mit einer wahrlich gewichtigen Sonderedition.

Bei einem Pressefototermin im Februar 1929 strahlte Yehudi Menuhin übers ganze Gesicht. Leicht pummelig um die Wangen und in kurzen Hosen begutachtete der Zwölfjährige zusammen mit seinem Lehrer Louis Persinger ein auf 60.000 Dollar taxiertes Geschenk. Ein reicher Fan hatte Menuhin jene „Prinz-Khevenhüller“- Stradivari überlassen, die fortan zu seinem treuen Wegbegleiter werden sollte. Und schon die ersten gemeinsamen Termine wurden zum Triumphzug. Nachdem Menuhin im April 1929 in der Berliner Philharmonie auf der Stradivari Violinkonzerte von Bach, Beethoven und Brahms gespielte hatte, war nicht nur Dirigent Bruno Walter wie von Sinnen. Albert Einstein sagte nach dem Konzert den berühmten Satz: „Nun weiß ich, dass es einen Gott im Himmel gibt“. Ein halbes Jahr später gab der Knabe sein europäisches Aufnahmedebüt in London. Im November spielte Menuhin Beethovens 1. Violinsonate ein – sowie Bachs 3. Solo-Sonate, die mit einer geistigen Tiefe begriffen wurde, wie man es nur von reiferen Meistergeigern erwarten würde. Aber genau deswegen war Menuhin damals eigentlich schon längst aus den Wunderkindtagen entwachsen. Mit einem Satz hatte er die musikalische Pubertät nahezu vollkommen hinter sich gelassen und sorgte am laufenden Band mit virtuosen Kleinigkeiten und den anspruchsvollsten Solokonzerten für einhelliges Staunen. Und was für ein begnadeter lyrischer Sänger er auf seiner Stradivari in diesen Anfangsjahren seiner Weltkarriere bereits war, spiegelt die jetzt erstmals auf CD veröffentlichte Aufnahme von Bruchs 1. Violinkonzert aus dem Jahr 1931 wider. Hier, im langsamen Satz, lässt ein erst 15-Jähriger das Kostbare, Empfindsame und Schöne dieser Musik schlichtweg überwältigend erblühen.

300 Schallplatten in fast sieben Jahrzehnten

Dieses zeitlos Innige seines Klangs sollte auch später zum Ereignis all der bedeutenden Einspielungen des Konzertsolisten und Kammermusikers Menuhin werden. Dazu gehören etwa die „Luzerner“ Aufnahme des Beethoven- Konzerts von 1947 mit Furtwängler, die Gesamteinspielung der Bach-Partiten und -Sonaten (1934-36), Kammermusik-Aufnahmen von Brahms und Prokofjew und selbstverständlich das Violinkonzert von Elgar unter der Leitung des Komponisten. Diese musikalischen Sternstunden finden sich jetzt in einer opulenten Box, mit der Menuhins 100. Geburtstag gefeiert wird. Der am 22. April 1916 in New York Geborene startete ab 1929 seine unglaublich fleißige wie facettenreiche Studioarbeit. Bis 1998 hat Menuhin für die englischen Labels His Master´s Voice bzw. EMI (heute: Warner Classics) ein enormes Aufnahmepensum hingelegt: Sage und schreibe 300 Schallplatten sind in den fast sieben Jahrzehnten entstanden.
Aus diesem riesigen Fundus hat nun der renommierte Filmemacher, Geiger und einstige Menuhin-Freund Bruno Monsaingeon viele Hunderte Tondokumente ausgewählt und mit zahlreichen Raritäten und Erstveröffentlichungen zu einer Edition mit spektakulären Ausmaßen geschnürt. Und dieses Paket korrigiert dabei auch so manch hartnäckige Vorurteile, die speziell über den Musiker Menuhin ab den 1960er Jahren kursieren. Wenngleich seine spieltechnischen Möglichkeiten mit steigendem Alter durchaus immer limitierter wurden, so entschädigte er dafür doch stets mit bewegendem Zugriff. Und parallel zu seinem stetig wachsenden und vielfach ausgezeichneten Engagement für Weltfrieden und Völkerverständigung erweiterte er unablässig seinen eigenen musikalischen Horizont. Als aufreibend mitfühlend entpuppt sich da Menuhins Sichtweise auf Bergs Violinkonzert mit Pierre Boulez. In ganz anderen Sphären bewegte sich der Menschenfreund dagegen, als er sich mit dem indischen Sitar-Guru Ravi Shankar oder mit dem französischen Jazz-Kollegen Stéphane Grappelli zu Sessions traf.
Diese und all die anderen musikalischen Begegnungen, die von David Oistrach und Pablo Casals bis hin zu Pierre Monteux und seinem verehrten Lehrer George Enescu reichen, stehen so für ein unvergleichlich reiches Künstlerleben, das mit dieser Box nicht nur akustisch, sondern auch über eine umfangreiche Film-Dokumentation sowie ein reich bebildertes Buch endlich entsprechend gewürdigt wird.

Erscheint Anfang April:

„Menuhin-Edition – Der Jahrhundert-Künstler“ (80 CDs + 1 DVD)

Warner Classics

Bereits erschienen:

Daniel Hope: „My Tribute To Yehudi Menuhin"

DG/Universal

Bereits erschienen:

Yehudi Menuhin: The Complete American Victor Recordings, (6 CDs)

RCA/Sony Classical


Daniel Hope und sein Lehrer

Der englische Violinist Daniel Hope trat zum ersten Mal im Alter von elf Jahren mit seinem Lehrer Menuhin auf. Für das deutsche Fernsehen spielten sie ausgewählte Duos für zwei Violinen von Bartók. Einige dieser Duos sind nun auf Hopes Menuhin-Hommage ebenso zu hören wie das von Menuhin wiederentdeckte d-Moll-Violinkonzert von Mendelssohn. Die CD klingt mit Ravels „Kaddish“ und damit jenem Werk aus, das Hope beim letzten gemeinsamen Konzert am 7. März 1999 in Düsseldorf als Zugabe spielte. „Ich war mit Menuhins Interpretation dieses Werks aufgewachsen und wollte ihm die Zugabe widmen. Menuhin schob mich aufs Podium und setzte sich zum Orchester, um zuzuhören. Vielleicht war es irgendwie prophetisch. Fünf Tage später starb er.“


Guido Fischer, RONDO Ausgabe 2 / 2016



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